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Science Entrepreneurship · Wissenstransfer

Sonnige Aussichten für Spin-offs

InfinityTower in Dubai; Symbolbild für Hochhäuser mit Fensterfronten
Foto: iStock.com/KyryloNeiezhmakov

Es ist nervig: Da scheint im Sommer so wunderbar die Sonne, doch gleichzeitig heizt das Sonnenlicht das Büro auf und macht den Arbeitsplatz insbesondere südseitig fast zur Sauna. Eine transparente Fensterfolie könnte Linderung verschaffen – und das Aufheizen des Büros um bis zu sieben Grad Celsius und den Stromverbrauch etwa für die Kühlung um bis zu 26 Prozent reduzieren. Das ist im Kern das Versprechen, mit dem das Start-up AMPERIAL der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg den Markt erobern möchte. 

Laut einer aktuellen Spin-off-Befragung dauert es im Durchschnitt etwa 18 Monate, bis sich Hochschule und Gründungsteam auf einen Vertrag über die Nutzung des Intellectual Property (IP, zu Deutsch: geistiges Eigentum) geeinigt haben. Im Fall von AMPERIAL ging dieser Prozess allerdings deutlich schneller. „Zwischen der FAU und uns dauerte es drei bis vier Monate, bis die Verträge unterzeichnet waren“, sagt Matthias Trost, als CEO von AMPERIAL zuständig unter anderem für Vertrieb, Marketing und Personal. Ein wesentlicher Grund: das neue FAU-Trusted-Handshake-Modell. Es bietet drei standardisierte Varianten, nach denen eine Beteiligung der FAU an Ausgründungen geregelt werden kann.

„Gründungsteams machen einmal in ihrem Leben eine IP-Verhandlung, die Universität wesentlich öfter. Deshalb gibt es Informations- und Machtasymmetrien. Die Tranzparenz des FAU Trusted-Handshake-Modells hat uns sehr geholfen.“

Porträt von Matthias Trost, Co-Gründer und CEO von Amerial
Foto: Amperial
Matthias Trost
Co-Gründer und CEO von AMPERIAL

Mehr Transparenz bei Ausgründungen

Entwickelt hat das Modell an der FAU ein Team um den Leiter der FAU-Gründungsberatung Christoph Heynen, der auch Teil der Pilotgruppe des Projekts „IP-Transfer 3.0“ ist, das der Stifterverband gemeinsam mit der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIN-D) und dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) seit 2022 umsetzt. „Ziel unserer Teilnahme war, ein eigenes standardisierbares Prozess- und Konditionsmodell zu entwickeln und die Transparenz für Gründungsteams beim IP-Transfer zu erhöhen“, sagt Heynen, der seit rund 25 Jahren den Technologietransferbereich der FAU leitet. Seit dem vorigen Jahr bietet er Gründungsteams das Trusted-Handshake-Modell an. Die drei Optionen „Frontflip“, „Balance“ und „Backflip“ unterscheiden sich im Wesentlichen in der Höhe der virtuellen Anteile am Spin-off, hinsichtlich Zahlungen beim Erreichen von Meilensteinen und Sublizenzbeteiligungen sowie bezüglich der Frage, zu welchem Zeitpunkt und auf welche Art die Ausgründung das IP vergütet. Bei der „Frontflip“-Option bekommt die FAU zum Beispiel virtuelle Anteile zwischen 10 und 12 Prozent, bei „Balance“ 5 Prozent und bei „Backflip“ gar keine. Virtuelle Anteile (virtual shares) beziehen sich auf eine rein schuldrechtliche Beteiligung an der Ausgründung ohne Gesellschafterrechte, bei der beispielsweise wissenschaftliche Einrichtungen beteiligt werden, ohne selbst Gesellschafter zu sein oder über Stimmrechte zu verfügen.

Einer der wesentlichen Vorteile des FAU-Ansatzes: „Durch das neue Modell können wir bereits im Vorfeld Transparenz herstellen, wir legen also unsere Karten offen auf den Tisch. Die Gründungsteams sehen so sofort, zu welchen Konditionen sie IP transferieren können“, sagt der Gründungsberater. Dies führe dazu, dass die Verhandlungen auf Augenhöhe geführt werden – und dass zwischen FAU und Gründungsteams eine wichtige Vertrauensbasis entstehe, quasi der Handschlag zwischen Universität und Gründungsteams.

Das neu erfundene Nanomaterial von AMPERIAL wird in einer Druckmaschine hauchdünn auf eine transparente Folie aufgebracht.
Foto: Amperial
Das neu erfundene Nanomaterial von AMPERIAL wird in einer Druckmaschine hauchdünn auf eine transparente Folie aufgebracht, die in den Gebäuden Abkühlung bringt.

Eine Einschätzung, die auch Co-Gründer Matthias Trost bestätigt: „Gründungsteams machen einmal in ihrem Leben eine IP-Verhandlung, die Universität wesentlich öfter. Deshalb gibt es Informations- und Machtasymmetrien“, sagt er. Da die FAU die drei Basisszenarien des Trusted-Handshake-Modells bereitstellte, konnten Trost und die Co-Gründer schon vor den Verhandlungen analysieren, welche Option am besten zum Geschäftsmodell, zu den Entwicklungsperspektiven und den Investoren von AMPERIAL passt. „Diese Transparenz hat uns sehr geholfen.“ Das Team entschied sich schließlich für die Option „Backflip“. „Da wir zu Beginn nur Fördermittel und keine Investorengelder hatten, wollten wir am Anfang so wenig wie möglich Cashflow abfließen lassen“, erklärt Trost. Die Möglichkeit, der FAU virtuelle Anteile an der Ausgründung abzutreten, sei aufgrund des bürokratischen Mehraufwands nicht die bevorzugte Variante gewesen. „Wir wollen die FAU stattdessen anders an einem möglichen Erfolg beteiligen, zum Beispiel über Beteiligungen an Umsatz, Gewinn oder Lizenzeinnahmen“, sagt er. Dies finde sich am besten in der „Backflip“-Option wieder.

Schnelle Prozesse

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Für die FAU und die Gründungsteams hat das neue Modell aber noch ein weiteres Plus: Der Prozess der Ausgründung wird beschleunigt. „Wir können an der FAU den zeitlichen Ablauf um rund 40 Prozent verkürzen, von rund neun auf fünf Monate“, schätzt Transferberater Heynen. „Davor dauerten die Verhandlungen sehr lang, weil sich Gründungsteams erstmals etwa mit schwierigen juristischen Fragen befassen mussten“, sagt er. Allerdings biete das Trusted-Handshake-Modell „keine Lösung von der Stange“. Heynen: „Es gibt immer noch Verhandlungen zur Anpassung von Details sowie zur Klärung rechtlicher Feinheiten in Absichtserklärungen und Verträgen.“ Auch bei AMPERIAL wurden noch einige Feinheiten nachverhandelt.

Heynen und sein Team werden das IP-Transfer-Modell an der FAU weiter optimieren. Erreicht haben sie damit aber schon jetzt, dass das Thema IP-Transfer in der Hochschulleitung mehr Aufmerksamkeit erhalten hat – eines der zentralen Ziele des Projekts IP-Transfer 3.0. „Das Thema ist mittlerweile als wesentliches strategisches Thema platziert, das Interesse der Hochschulspitze daran hat deutlich zugenommen“, sagt er. Derweil blickt AMPERIAL-Co-Gründer Trost optimistisch in die Zukunft. „Wir haben eine tolle Rückmeldung des Marktes erhalten und bereits Kundenanfragen für bis zu 30.000 Quadratmeter Folie vorliegen.“ Im Sommer will AMPERIAL mit kleineren Pilotinstallationen in den Markt eintreten, diese sollen dann 2026 deutlich ausgebaut werden.

Der Text ist erstmals im Jahresbericht des Stifterverbandes „Orientierung Richtung Zukunft“ im Juli 2025 erschienen.

Vom Wissen in die Anwendung

Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, gilt es, die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung zu Schlüsseltechnologien noch stärker in die Anwendung zu bringen. Der Stifterverband stärkt mit seinen Aktivitäten den Wissens- und Technologietransfer in Deutschland und unterstützt Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen dabei, mehr und besser finanzierbare, forschungsbasierte Ausgründungen hervorzubringen. Im Pilotprojekt IP-Transfer 3.0 beispielsweise begleitet er gemeinsam mit der SPRIND und dem Fraunhofer ISI 17 Hochschulen und Forschungseinrichtungen dabei, neue IP-Transfer-Modelle zu erproben.

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