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Innovationssystem · Science Entrepreneurship

Schnellboote statt Flugzeugträger

Coverbild T&D034
Cover Think & Do 34

Wie exzellente Innovationsökosysteme entstehen

Deutschland hat erstklassige Forschung – doch bei der Umsetzung in Unternehmen hapert es. In der neuen Folge des Podcasts „Think & Do" diskutieren internationale Insider, deutsche Unipreneurs und Investoren, wie Gründungs- und Innovationsökosysteme wirklich funktionieren und was Deutschland von Israel, den USA und erfolgreichen europäischen Modellen lernen kann.

Die Diagnose ist klar: „Bei dem Thema Disruption und Start-up, da ist immer noch unser Blindspot. Also da sehen wir ein absolutes Defizit verglichen zu USA und China", sagte Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, auf dem Gipfel für Forschung und Innovation 2025. Michael Kaschke, Präsident des Stifterverbandes, ergänzt: Deutschland verfüge zwar über ein hervorragendes Forschungssystem, doch müsse man sich fragen, ob aus der guten Substanz genügend herauskomme.

Die Podcast-Folge widmet sich dieser zentralen Frage: Wie entsteht ein wirklich exzellentes Gründungs- und Innovationsökosystem? Kann man es tatsächlich bauen? Podcast-Host Corina Niebuhr spricht mit Matthias Hilpert, Investor und Mitgründer der Initiative Unipreneurs, Benjamin Soffer, Venture Builder aus Tel Aviv, Tessa Flatten, Unipreneurin an der TU Dortmund, Mridul Agrawal, Gründer aus dem Kendall Square in Boston, sowie weiteren Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Von Israel und dem Silicon Valley lernen

Benjamin Soffer liefert Einblicke in das israelische Modell: Vor 30 Jahren startete die Regierung das Yozma-Programm – für jeden privat investierten Dollar legte der Staat einen Dollar obendrauf. Dieser Bottom-up-Ansatz wirkte als Katalysator. „Israel lässt sich in dieser Hinsicht am besten mit einer Flotte von wendigen Schnellbooten vergleichen. Wir Israelis agieren extrem dynamisch", erklärt Soffer. Seine Botschaft: Europa und Deutschland müssten einen viel stärkeren Fokus auf Innovation legen und Programme direkt an den Universitäten schaffen.

Tessa Flatten, die intensiv das israelische und US-amerikanische Ökosystem studiert hat, hebt hervor: „In Israel finde ich sehr beeindruckend, wie sehr die einfach schnell lernen. Die machen schnell Fehler und lernen aus diesen Fehlern sehr schnell. Es ist nicht schlimm, Fehler zu machen". Bei Stanford beeindruckt sie, dass Entrepreneurship bereits als DNA in den Studierenden verankert sei – unabhängig vom Fachbereich.

„Wir müssen das Risiko umarmen, Erfolge von Gründern feiern und dürfen niemanden bestrafen, nur weil er einmal gescheitert ist.“

Portrait Benjamin Soffer
Benjamin Soffer (Foto: Damian Gorczany)
Benjamin Soffer
Venture Capitalist, Israel

Unipreneurs als Schlüssel zum Erfolg

Hier setzt die Initiative Unipreneurs an, die der Stifterverband als Partner unterstützt. Die Initiative zeichnet Hochschulprofessorinnen und -professoren aus, die neben Forschung und Lehre einen Schwerpunkt auf Unternehmertum und Transfer legen. 20 Unipreneurs sind aktuell ausgezeichnet und treiben an ihren Standorten den Aufbau von Gründungsökosystemen voran.

„Die Rolle von Universitäten in den Ökosystemen ist auch eine ganz zentrale, weil die Universitäten tatsächlich auch als Epizentrum für Entrepreneurship agieren können", erklärt Tessa Flatten. Stephan Stubner von der HHL Leipzig betont zwei ausbaufähige Punkte: Mehr Vorbilder in die Hochschulen bringen und Mikrofinanzierung für die ersten Schritte ermöglichen.

Werkzeugkasten für regionale Ökosysteme

Der Stifterverband hat gemeinsam mit der UnternehmerTUM München das „Stifterverband Innovation Ecosystem Framework" entwickelt – einen praxisorientierten Werkzeugkasten zur Skalierung regionaler Innovationsökosysteme. „Durch unser Innovation Ecosystem Framework haben wir ein Tool, wo wir sagen können, das sind genau die Komponenten, die es braucht", erklärt Marte Sybil Kessler, Co-Leiterin der Abteilung Programm und Förderung beim Stifterverband. Der Ansatz: Nicht einzelne Projekte fördern, sondern strategisch orchestrieren und missionsorientiert in der Region wirken.

Ergänzend startete das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2025 den EXIST-Leuchtturmwettbewerb Start-up Factories. Zehn dieser Factories werden bundesweit aufgebaut, privatwirtschaftlich organisiert und mit mindestens 50 Prozent privater Finanzierung ausgestattet. Oliver Hunke vom Ministerium betont: „Durch diese privaten Akteure bekommt die Gründungsarbeit nochmal einen ganz anderen Impuls, einen ganz anderen Drive".
 

„Ein Gründungs-Ökosystem entsteht nur durch eine breite Masse an Leuten und ist ein Teamsport.“

Portrait Tessa Flatten
Tessa Flatten (Foto: Damian Gorzany)
Tessa Flatten
Prorektorin Internationales, TU Dortmund

Wagniskapital und Erfolgsmessung

Matthias Hilpert sieht Deutschland bei der Frühphasenfinanzierung auf gutem Weg, bei großen Finanzierungsrunden über 100 Millionen Euro bestehe aber noch Nachholbedarf. Als wichtigen KPI für Ökosysteme schlägt er vor, zu messen, welche Startups welche Finanzierungen bekommen – denn das sei ein Qualitätskriterium. Ein gesunder Wettbewerb zwischen regionalen Ökosystemen sei dabei positiv: „Man kann sich natürlich auch jeweils abschauen, was macht das eine Ökosystem besonders gut".

Mridul Agrawal, der das Kendall Square in Boston kennt, betont das Prinzip der „Human Collision": Menschen aus unterschiedlichen Bereichen müssen aufeinandertreffen und dadurch unkonventionell über Probleme nachdenken. Physische Nähe sei dafür entscheidend. 

WARUM DAS WICHTIG IST

Think&Do – Der Podcast des Stifterverbandes

Innovationsökosysteme sind keine Kür, sondern Pflicht im internationalen Wettbewerb. Während Deutschland über exzellente Forschung verfügt, fehlt es an der systematischen Umsetzung in wirtschaftlichen Erfolg. Die Kombination aus engagierten Unipreneurs, strategischen Werkzeugen wie dem Innovation Ecosystem Framework, neuen Förderformaten wie den Start-up Factories und einer kulturellen Veränderung hin zu mehr Risikobereitschaft kann den Unterschied machen. Die neue Generation ist bereit – jetzt gilt es, die Strukturen zu schaffen. 

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