Herr Brüll, Sie haben 2020 mit Partnern das Unternehmen FibreCoat als Spin-off der RWTH Aachen gegründet. Wo stehen Sie mit Ihrem Unternehmen heute?
Wir fertigen eine Basaltfaser, die wir in einem von uns entwickelten Verfahren kosteneffizient mit Metall und inzwischen auch mit Kunststoff beschichten. Unser Produktionskapazität für dieses Material beträgt mittlerweile bei 20 Tonnen Produktionskapazität. Beschichtete Metallfasern können beispielsweise gegen die elektromagnetische Strahlung von Batterien in Elektroautos abschirmen und sie kommen auch zur Tarnung gegen Radarsysteme und in vielen anderen sicherheitskritischen Anwendungen zum Einsatz. Wir haben Kunden in Europa, Asien und in den USA. In Deutschland haben wir 70 Beschäftigte. Dazu kommen 80 Beschäftigte, die bei einem Partner von uns in Georgien angestellt sind. Unseren Hauptumsatz erzielen wir zurzeit in der Rüstung. Da sind die Nachfrage und der Innovationsdruck stark gestiegen. Wir haben zwei Finanzierungsrunden abgeschlossen und sind dabei zu skalieren.
Innovationssystem · Science Entrepreneurship
„Start-ups sind ein Motor des Aufschwungs“
Drei Materialwissenschaftler haben den Schritt ins eigene Unternehmen gewagt. Mitgründer Robert Brüll erklärt im Interview, was beim Gründen geholfen hat und wie Deutschland besser werden kann.
Seither sind Sie gewachsen. Was waren die Herausforderungen? Welche Hilfen gab es hier?
Insgesamt gab es viele „kleine“ Hilfsmittel, die zusammen eine Riesenunterstützung für uns waren. Mit der Forschungszulage der Bundesregierung konnten wir beispielsweise unsere großen Ausgaben für die Forschung ausgleichen. Wir haben mit der Sparkasse und der Wirtschaftsförderung in Aachen und mit der NRW.Bank gesprochen. Das hat uns noch einmal deutlich mehr Spielraum eröffnet.
An dem Übergang von einem kleinen Produktionsvolumen und wenigen Kunden zu großen Volumen und vielen Kunden kommen viele neue Themen auf. In unserem Fall beispielsweise die Logistik. Plötzlich mussten wir mit Tonnen von Material umgehen. Das Programm Scale-up.NRW hat uns dann unter anderem einen Logistik-Mentor an die Seite gestellt. Das war für uns ein großer Gewinn.
„Es gibt in Deutschland sehr viel Unterstützung in der frühen Gründungsphase. Aber wir haben ein riesiges Finanzierungsloch in der Scale-up-Phase.“
Wo müssen aus Ihrer Sicht die Förderung und das Klima für Unternehmensgründungen in Deutschland noch besser werden?
Es gibt heute viele Förderprogramme, aber die Unterstützung ist gerade für Gründerinnen und Gründer aus dem technischen Bereich nicht so sichtbar, wie sie es sein könnte. Wir selbst haben deshalb erst sehr spät den Kontakt zur Wirtschaftsförderung und den Banken gehabt.
Ein anderer Punkt ist die Bürokratie. Wir haben einen Beschäftigten, der sich nur um unsere Förderanträge kümmert. Da bräuchten wir vereinfachte Prozesse. Ein Stichwort ist Digitalisierung. Dass man heute Formulare ausdrucken und unterschreiben muss, ist nicht mehr zeitgemäß. Das Dritte ist die Finanzierung. Es gibt in Deutschland sehr viel Unterstützung in der frühen Gründungsphase. Aber wir haben ein riesiges Finanzierungsloch in der Scale-up-Phase. Generell ist man in Deutschland im Vergleich mit den USA, aber auch mit Frankreich immer noch extrem risikoavers. Das Kapital ist deshalb nicht so im Markt, wie wir es bräuchten.
Wie Hochschulen den Unternehmergeist fördern
Deutschland hat einige der weltweit renommiertesten Unternehmen hervorgebracht. Doch wenn es um Start-ups geht, bleibt oft das Potenzial ungenutzt. In diesem Video erklären Fachleute, wie wir das mit einem innovativen Ökosystem rund um Universitäten ändern können. Und was wir von internationalen Vorbildern lernen können.
Zur Langfassung des Videos geht es hier entlang.
Der Stifterverband fördert Science Entrepreneurship, also Unternehmergeist und gründerfreundliche Strukturen an Hochschulen. Müssen Hochschulen hier noch mehr tun?
Hochschulen müssen dringend den IP-Transfer in Start-ups standardisieren und vereinfachen. Die Universitäten wünschen sich Rechtssicherheit und eine marktgerechte Wertermittlung. Das führt heute noch zu komplizierten, langen Prozessen. Wir haben selbst fast ein Jahr verhandelt, um das Patent zu bekommen. Politische Vorgaben könnten helfen, das zu verbessern.
Wir brauchen ein Ende der Zivilklausel an Unis. Wir können es uns nicht mehr leisten, dass sich unsere Forschungen nur auf den Frieden beziehen. Hochschulen sollten sich noch stärker austauschen und vernetzen. Viele Unis haben ihren Gründungsinkubator sehr lokal oder regional aufgebaut. Ich denke, wir könnten sehr viel stärker sein, wenn wir deutschlandweit ein Ökosystem schaffen, statt viele kleine Ökosysteme zu bauen.
Haben Sie Tipps für andere Gründerinnen und Gründer?
Man muss an seine Idee glauben und überzeugt sein gegen alle. „Das kann doch nicht funktionieren“ – wie oft ich das schön gehört habe. Man sollte selbstbewusst, aber dabei nicht naiv sein. Am besten hört man gut zu und nutzt die Angebote, die da draußen sind. Für uns waren beispielsweise die Business-Wettbewerbe ein großer Gewinn, weil wir dadurch Feedback bekommen haben und unsere Organisation stark verbessern konnten. Die Kommunikation und das Feedback von erfahrenen Leuten aus dem Markt sind wichtig. Wir haben dadurch viele falsche Wege vermieden. Das schafft Geschwindigkeit und Sicherheit.
Wenn Sie in die Zukunft schauen: Wo wollen Sie in ein paar Jahren stehen? Haben Sie eine Vision?
Wir erweitern unser Produktportfolio und haben gerade ein neues Material auf den Markt gebracht, das Radarstrahlen absorbiert. Neben der Rüstungs- und Automobilindustrie ist der Weltraum für uns ein Wachstumsmarkt. Wir fliegen im nächsten Mai zum ersten Mal hoch oder genauer gesagt ein Satellit, der von uns geschirmt wurde. Unser Ziel ist es, weiter zu wachsen und in den nächsten fünf bis sechs Jahren an die Börse zu gehen. Und dass wir an den Punkt kommen, wo jeder Mensch auf der Erde in irgendeiner Form von unseren Produkten profitiert.
Warum das wichtig ist
Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, gilt es, die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung zu Schlüsseltechnologien noch stärker in die Anwendung zu bringen. Der Stifterverband stärkt mit seinen Aktivitäten den Wissens- und Technologietransfer in Deutschland und unterstützt Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen dabei, mehr und besser finanzierbare, forschungsbasierte Ausgründungen hervorzubringen, in dem er den Aufbau von Gründungsökosystemen unterstützt. Mit der Initiative UNIPRENEURS beispielsweise fördert der Stifterverband Professorinnen und Professoren, die neben Lehre und Forschung einen Schwerpunkt auf Transfer und Unternehmertum legen (siehe Video).