Studienintegrierende Ausbildung

Der Stifterverband fördert im Rahmen eines Pilotprojektes die erstmalige Erprobung der studienintegrierenden Ausbildung für ausgewählte Ausbildungs- und Studiengänge. Das Programm soll dabei helfen, neue Übergangswege zwischen beruflicher und akademischer Bildung zu entwickeln.

Die Grenze zwischen akademischer und beruflicher Bildung verschwimmt zusehends, die jeweiligen Absolventen konkurrieren vermehrt auf gemeinsamen Arbeitsmärkten. Die bestehenden Übergangsmöglichkeiten zwischen den Bildungssektoren werden jedoch nur selten wahrgenommen. Ein einmal eingeschlagener Ausbildungsweg wird selten verlassen, auch wenn höhere Bildungsziele erreicht werden könnten oder die individuelle Passung nicht gegeben ist. Die Folge sind nicht ausgeschöpfte Potenziale und demotivierende Abbrüche. Dazu kommen die allgemeinen Trends zur Höherqualifizierung und zunehmender Komplexität der Berufspraxis, die eine stärkere Abstimmung beruflicher und akademischer Bildung nötig machen.

Um also das vorhandene Fachkräftepotenzial optimal entfalten zu können, muss das Bildungssystem deshalb ...

  • im post-schulischen Bereich eine Vielzahl unterschiedlicher Wege ermöglichen und diese durchlässig gestalten sowie
  • die Stärken beider Bereiche bestmöglich nutzen

In seinen Empfehlungen zur Gestaltung des Verhältnisses von beruflicher und akademischer Bildung mahnt auch der Wissenschaftsrat eine "Neujustierung des Verhältnisses der beiden Bildungssektoren" an. Nahezu zeitgleich weist der Nationale Bildungsbericht darauf hin, dass der Hochschulbereich erstmalig mehr Anfänger verzeichnet als die duale Ausbildung und konstatiert: "Das Verhältnis dieser beiden Ausbildungsbereiche zueinander bedarf einer Neubestimmung." Was bedeutet dies für die Zukunft der Bildungslandschaft? Derzeit ist offen, in welche Richtung sich das Verhältnis der beiden Bildungssektoren weiterentwickeln kann und wird.

Das Spektrum an politischen Positionierungen reicht von einem Gegen- über ein Neben- bis zu einem intensiveren Miteinander. So fordern einzelne Stimmen aus der Universität eine Rückführung des "Akademisierungswahns" hin zu der alten Separierung von eher wissenschaftlich und stärker praxisorientierten Studiengängen. Teile der Berufsbildung plädieren für die Steigerung der Attraktivität der Berufsbildung durch eine Stärkung von Aufstiegsweiterbildung und der Profilierung von Berufslaufbahnkonzepten. Andere möchten die Attraktivität der Berufsbildung dadurch steigern, dass die Durchlässigkeit in ein akademisches Studium weiter erhöht wird. So plädiert etwa der Wissenschaftsrat unter anderem dafür, Berufsabschlüsse ohne weitere Praxisphase formal als Hochschulzugangsberechtigung anzuerkennen und dabei auch die Fachbindung aufzuheben. Ein anderer Schritt zur Erhöhung der Durchlässigkeit wird darin gesehen, die Berufsausbildung mit einem Doppelabschluss zu verbinden. Das (ausbildungsintegrierte) duale Studium, aber auch der Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung während der Berufsausbildung in Form von zusätzlich absolvierten, allgemeinbildenden Inhalten stehen für diese Position. Und schließlich zeigt die aktuelle Debatte um die Abschlussbezeichnung im Kontext der BBiG-Novelle, dass das Verhältnis zwischen Studium und Berufsausbildung nach wie vor ungeklärt ist.

Während die dargestellten Positionen Verlängerungen bestehender Entwicklungen darstellen, weist das Modell einer studienintegrierenden Ausbildung über den Status quo hinaus. Es führt die Idee der Durchlässigkeit weiter zu einer Verzahnung. Die studienintegrierende Ausbildung sieht eine gemeinsame Grundstufe vor, in der fachaffine Berufsausbildungen mit anwendungsorientierten Studiengängen verzahnt werden. Während dieser ersten zwei Jahre werden Ausbildung- und Studieninhalte curricular verbunden. Nach der kombinierten akademischen und beruflichen Zwischenprüfung stehen den Auszubildenden drei Optionen offen: 

  • Fortführung und Abschluss der dualen Berufsausbildung
  • Fortführung des Studiums bis zu einem Bachelorabschluss
  • Fortsetzung der studienintegrierenden Ausbildung bis zu einem Doppelabschluss, vergleichbar mit dem Dualen Studium

 

Das Modell der studienintegrierenden Ausbildung

Das Modell der studienintegrierenden Ausbildung soll dazu beitragen, Jugendlichen eine erfahrungsbasierte Entscheidung über die Studien- und Berufswahl zu ermöglichen und damit Fehlentscheidungen aufgrund falscher Erwartungen zu vermeiden und so das Risiko von Ausbildungs- und Studienabbrüchen zu reduzieren. Denn trotz zahlreicher Angebote einer Studien- und Berufsorientierung in den allgemeinbildenden Schulen zeigen sich die Studien- und Berufsvorstellungen vieler Schulabsolventen fragil und unsicher. Viele stehen nach der Schulzeit häufig vor der Frage, ob sie eine Berufsausbildung oder ein Studium beginnen sollen. Ein Teil von ihnen nimmt eine Berufsausbildung auf, verbindet diese Entscheidung aber mit dem – häufig noch vagen – Ziel, nach der Ausbildung den Weg in ein Studium zu suchen. In jedem Fall wird den Jugendlichen in einer Lebensphase, die bei vielen durch Unsicherheit geprägt ist, eine folgenreiche Entscheidung abverlangt. Hier setzt das Modell der studienintegrierenden Ausbildung an. Es bietet für diese Gruppe die Möglichkeit, den eigenen Studienwunsch zu überprüfen und gegebenenfalls zu konkretisieren. 

Darüber hinaus soll das Modell ermöglichen, die soziale Selektion beim Studienzugang zu reduzieren, indem es bildungsfernen Gruppen neue Wege in Beruf und Beschäftigung eröffnet.

 

Parlamentarisches Mittagessen

Für den 11. November 2019 hatte der Stifterverband zu einem Parlamentarischen Mittagessen nach Berlin eingeladen. Thema: Nachwuchssicherung durch innovative Bildungsmodelle – Verzahnung von beruflicher und akademischer Bildung. Prof. em. Dr. Dieter Euler (Universität St. Gallen) und Prof. Dr. Eckart Severing (Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg) hielten Impulsvorträge. Rainer Schulz, Staatsrat der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung, stellte das Beispiel der Beruflichen Hochschule Hamburg vor.
Programmübersicht (PDF)
Video-Porträt der Beruflichen Hochschule Hamburg (BHH)

Fachtagung: Integrierte Bildung

Der Stifterverband hat am 20. November 2017 in Berlin eine Fachtagung ausgerichtet, um die Möglichkeiten und erste Schritte zu Bildungsformaten zwischen beruflicher und akademischer Bildung zur Diskussion zu stellen.
Nachlese mit den Präsentationen aus Keynote und Werkstattgesprächen

Kontakt

Ann-Katrin Schröder-Kralemann

leitet im Stifterverband den Programmbereich "Hochschule und Wirtschaft".

T 0201 8401-140
F 0201 8401-215

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