Innovationssystem
Deutschland hat die Ideen. Jetzt braucht es Tempo
Die Hightech Agenda soll starke Forschung schneller in Produkte und neue Unternehmen übersetzen. Die neue Folge von „Think & Do“ zeigt, warum Deutschland dafür Chips selbst entwerfen, Daten klüger nutzen und mehr Risiko zulassen muss.
In deutschen Laboren fehlt es selten an Ideen. Schwierig wird es später: wenn aus einem Versuch ein Produkt, aus einem Patent ein Unternehmen und aus Forschung ein neuer Markt werden soll. Genau an dieser Stelle verliert Deutschland Zeit. Andere Länder bringen neue Technologien schneller in die Anwendung und sichern sich damit Kapital, Talente und Wertschöpfung.
Die neue Folge des Stifterverbands-Podcasts „Think & Do“ beginnt deshalb mit einem unbequemen Befund. Europa war lange stark in der Grundlagenforschung und schwächer bei der Anwendung. Inzwischen droht der Kontinent auch wissenschaftlich zurückzufallen. Georg Schütte, Vorstand der VolkswagenStiftung, warnt: Geschwindigkeit ist selbst zu einer Qualität im technologischen Wettbewerb geworden. Wer zögert, baut neue Abhängigkeiten auf.
Podcast-Host Corina Niebuhr fragt, ob die Hightech Agenda Deutschland diesen Trend drehen kann. Zu Wort kommen Fachleute aus Forschung, Politik und Unternehmen. Sie sprechen über KI und Chips, über Fusion, Kapital und regionale Zentren. Vor allem aber sprechen sie über die Lücke zwischen Wissen und Handeln.
Sechs Technologien, ein Versprechen
Die derzeitige Bundesregierung bündelt ihre Hightech Agenda zunächst auf sechs Felder: Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energie sowie klimaneutrale Mobilität. Fünf Forschungsbereiche und neun politische Hebel ergänzen diese Auswahl. Das Ziel klingt vertraut: Deutschland soll aus Forschung schneller wirtschaftliche Stärke machen.
Neu ist der Versuch, die Agenda messbar zu machen. Die Technologie-Roadmaps nennen Termine, Etappen und Kennzahlen. Staatssekretär Rolf-Dieter Jungk nennt zwei Begriffe, auf die es ankommt: Messbarkeit und Ownership. Die Beteiligten sollen also wissen, woran sie Erfolg erkennen und wer dafür geradesteht. Das klingt trocken. Es zwingt die Forschungspolitik aber dazu, das Ungefähre zu verlassen.
Melanie Maas-Brunner, die neue Präsidentin des Stifterverbandes, kennt Roadmaps aus ihrer Zeit in der Industrie. Sie lobt den Ansatz, warnt aber vor einem bequemen Missverständnis: Ein Fahrplan setzt noch nichts in Bewegung. Die Akteure müssen Verantwortung übernehmen, Ergebnisse prüfen und bei Bedarf den Kurs ändern.
„Was uns fehlt, ist, aus diesem ‚Ich verstehe, was wir machen müssen‘, einfach mal etwas zu machen.“
Wer den Chip entwirft, bestimmt das Produkt
Gerhard Fettweis hält Deutschlands Blick auf Industrie für überholt. Politik und Management denken noch zu oft in Maschinen, Metall und klassischer Produktion. Doch der Wert eines Autos steckt längst zu einem großen Teil in Elektronik und Software. Wer die Plattform-Chips kontrolliert, bestimmt, welche Anwendungen laufen und wie sich ein Produkt weiterentwickelt.
Fettweis leitet das Barkhausen Institut in Dresden und baut dort am Kompetenzzentrum für Chipdesign mit. Er fordert, dass Deutschland zentrale Chips selbst entwirft. Sonst bleibe das Land abhängig, auch wenn die Fabrik oder das fertige Produkt hier steht.
„Wir müssen solche Chips in Zukunft selber bauen, die Zukunft selbst in die Hand nehmen.“
KI braucht Rechner, Daten und Kunden
Auch bei Künstlicher Intelligenz reicht es nicht, gute Algorithmen zu entwickeln. Europa braucht Rechenleistung, verlässliche Datenräume und Unternehmen, die heimische Angebote kaufen. Tan Sian Wee von der National University of Singapore plädiert deshalb für einen europäischen Ansatz im großen Maßstab. 27 kleine Initiativen erzeugen noch keinen ernsthaften Wettbewerber für die USA oder China.
Mit JUPITER in Jülich steht Europas erster Exascale-Rechner bereit. Doch Infrastruktur allein schafft keine Souveränität. Reinhold Geilsdörfer von der Dieter Schwarz Stiftung verweist auf die Daten des deutschen Mittelstands. Sie sind für industrielle KI wertvoll, dürfen aber nicht unbemerkt in fremde Modelle abwandern. Thomas Jarzombek aus dem Digitalministerium nimmt auch den Staat in die Pflicht. Die öffentliche Hand kauft aus Gewohnheit oft bei großen US-Anbietern. Neue europäische Anbieter kommen nur schwer zum Zug.
Tan Sian Wee weist auf ein europäisches Paradox hin. Der Kontinent bringt viele gute Unternehmen hervor, doch ein Teil der Gewinne landet später in den USA oder in Asien. Europäische Pensionsfonds verwalten riesige Vermögen, investieren aber nur einen kleinen Anteil in Wagniskapital. Das Geld ist also da. Es findet nur zu selten den Weg in europäische Wachstumsfirmen.
Daniel Steiners von Roche verbindet diese Finanzierungsfrage mit einer zweiten Forderung: Deutschland muss wieder mehr Risiko zulassen. Regeln bleiben nötig. Sie sollten neue Produkte schützen, nicht schon vor dem ersten Versuch ausbremsen.
Fusion zeigt, wie ein Ökosystem wächst
Am Thema Fusion lässt sich beobachten, wie der neue Kurs aussehen könnte. Noch vor wenigen Jahren galt ein deutsches Fusionskraftwerk als ferne Vision. Heute gehört Fusion zur Hightech Agenda. Neue Hubs bringen Start-ups, Forschung und Industrie zusammen. Die Roadmap Fusion beschreibt Etappen auf dem Weg zu Demonstrationsanlagen.
Heike Freund, Chief Operating Officer von Marvel Fusion, hält das Ziel eines ersten deutschen Fusionskraftwerks für erreichbar. Deutschland kann auf erfahrene Fachleute und eine starke industrielle Basis bauen. Was jedoch fehlt, ist ausreichend Wachstumskapital. Helfen könnten Förderprogramme, die Geld an erreichte technische Etappen knüpfen. Die USA nutzen solche Modelle seit Jahren. Öffentliche Mittel senken dort das Risiko und ziehen privates Kapital an.
WARUM DAS WICHTIG IST
Technologische Abhängigkeit beginnt lange bevor eine Fabrik schließt. Sie wächst, wenn Daten in fremde Clouds fließen, wichtige Chips aus dem Ausland kommen und junge Firmen ihr Wachstumskapital anderswo finden. Die Hightech Agenda greift diese Schwächen auf. Doch eine Strategie verschiebt noch keine Wertschöpfung.
Deutschland gewinnt nur, wenn Politik, Forschung und Unternehmen gemeinsam entscheiden, Geld auf klare Ziele setzen und aus Fehlschlägen lernen. Im Technologiewettbewerb zählt nicht allein die beste Idee. Es zählt, wie schnell daraus etwas entsteht, das Menschen und Unternehmen tatsächlich nutzen.
- Dr. Georg Schütte, Vorstand der VolkswagenStiftung
- Dr. Daniel Steiners, Vorstand der Roche Pharma AG
- Dr. Tan Sian Wee, Senior Vice President für Innovation and Enterprise an der National University of Singapore und Leiter von NUS Enterprise
- Prof. Dr. Gerhard P. Fettweis, Inhaber der Vodafone-Stiftungsprofessur für Mobile Nachrichtensysteme an der TU Dresden sowie wissenschaftlicher Gründungsleiter und Geschäftsführer des Barkhausen Instituts
- Dr. Melanie Maas-Brunner, Präsidentin des StifterverbandesDorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt
- Dr. Rolf-Dieter Jungk, Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt
- Florian Müller, Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Forschung, Technologie und Raumfahrt
- Andrea Frank, stellvertretende Generalsekretärin und Mitglied der Geschäftsführung des Stifterverbandes
- Holger Mann, Mitglied des Deutschen Bundestages für die SPD und ordentliches Mitglied im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung
- Heike Freund, Chief Operating Officer und Geschäftsführerin von Marvel Fusion
- Prof. Reinhold R. Geilsdörfer, Vorsitzender Geschäftsführer der Dieter Schwarz Stiftung
- Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung
- Prof. Dr. Martin Keller, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren