Zukunftsfähige Strategien bleiben rar
Der Stifterverband hat im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September die bildungspolitischen Positionen der im Landtag oder Bundestag vertretenen Parteien analysiert. Der Fokus der Analyse liegt auf zwei zentralen Herausforderungen für das Bildungssystem: der Gewinnung und Qualifizierung von Lehrkräften sowie der Förderung von Schülerinnen und Schülern durch systematische schulisch-außerschulische Kooperationen.
Die bildungspolitische Analyse des Stifterverbandes macht deutlich: Die Herausforderungen des Bildungssystems in Sachsen-Anhalt werden parteiübergreifend erkannt. Die Programme enthalten verschiedene Vorschläge zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung und zur stärkeren Öffnung von Schule. Allerdings bleiben zentrale strategische und strukturelle Fragen im Wesentlichen unbeantwortet. Weder für die nachhaltige Verringerung der Lehrkräftelücke noch für den systematischen Ausbau schulisch-außerschulischer Kooperationen lassen sich umfassende und kohärente politische Konzepte erkennen.
Die Ausgangslage ist herausfordernd: Sachsen-Anhalt steht auch in den kommenden Jahren vor einem erheblichen Lehrkräftemangel. Nach der Prognose der Kultusministerkonferenz kann bis 2035 ungefähr jede vierte Stelle nicht mit einer qualifizierten Lehrkraft besetzt werden. Besonders betroffen sind die Sekundarschulen. Gleichzeitig zeigt der IQB-Bildungstrend deutliche Kompetenzrückgänge im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Im Fach Mathematik etwa erreicht nur ein gutes Drittel aller Schülerinnen und Schüler die Regelstandards für den mittleren Schulabschluss.
Die Untersuchung der Wahlprogramme zeigt, dass die Parteien verschiedene Ansätze zur Stärkung der Lehrkräftegewinnung und Lehrkräfteausbildung aufgreifen. Dazu zählen insbesondere eine stärkere Praxisorientierung des Lehramtsstudiums, der Ausbau dualer Studienmodelle sowie die Weiterentwicklung von Qualifizierungswegen für Quer- und Seiteneinsteigende. Gleichzeitig bleiben wesentliche Fragen offen. So finden sich nur wenige Ansätze, um dem hohen Schwund im Lehramtsstudium entgegenzuwirken oder weitere Zielgruppen für den Lehrerberuf zu erschließen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Schulen stärker mit außerschulischen Bildungsakteuren zusammenarbeiten können. Solche Kooperationen können einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Basiskompetenzen, MINT-Kompetenzen, Demokratiebildung sowie sozial-emotionalen und überfachlichen Fähigkeiten leisten. Ihre Bedeutung wächst insbesondere angesichts sinkender Schülerleistungen und des Ausbaus ganztägiger Bildungsangebote.
Die Wahlprogramme betrachten Kooperationen überwiegend im Kontext von Berufsorientierung und Ganztag. Darüber hinaus finden sich einzelne Ansätze zur stärkeren Einbindung außerschulischer Lernorte, praxisnaher Bildungsangebote und zur besseren Vernetzung von Schulen mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Gleichwohl bleiben wichtige Chancen ungenutzt. Es fehlen umfassende Strategien mit klaren Zielen, Qualitätsstandards, Zuständigkeiten und Unterstützungsstrukturen. Auch die Förderung von MINT-Kompetenzen, Demokratiebildung und Basiskompetenzen wird nur punktuell aufgegriffen. Wirksame Förderformate wie Schülerwettbewerbe und Akademieprogramme spielen zudem kaum eine Rolle.
"Auch wenn klar ist, dass Wahlprogramme stets Verkürzungen darstellen, bedarf es deutlich größerer Anstrengungen als die in den Wahlprogrammen beschriebenen, um die Probleme in der schulischen Bildung zu lösen. Wenn, wie von der AfD geplant, gar die Schulpflicht aufgehoben werden soll, sind im Gegenteil große Rückschritte im Bildungsbereich zu erwarten. Diese führen dazu, dass sich die Aufstiegschancen ohnehin benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen drastisch verringern. Angesichts der wenigen Zuständigkeiten, die, wie in der Bildung, eindeutig in der Verantwortung einer Landesregierung liegen, wäre dies für Sachsen-Anhalt eine große Schwächung", sagt Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbandes.
Um die Qualität des Bildungssystems in Sachsen-Anhalt langfristig zu sichern, braucht es mehr Mut zu strukturellen Reformen in der Lehrkräftebildung sowie verlässliche Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit von Schulen und außerschulischen Partnern. Daher sollte die künftige Landesregierung die Deckung des Lehrkräftebedarfs zur obersten bildungspolitischen Priorität machen und zugleich die Potenziale außerschulischer Bildungsangebote systematisch für die Förderung von Kompetenzen, Talenten und Bildungserfolg aller Schülerinnen und Schüler nutzen. Denn ein leistungsfähiges und chancengerechtes Bildungssystem ist die Voraussetzung dafür, dass junge Menschen ihre Potenziale entfalten und die Zukunft einer offenen, vielfältigen und demokratischen Gesellschaft aktiv mitgestalten können.
Volker Meyer-Guckel weiter: "Bildung schafft Chancen, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und bildet die Grundlage für eine offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft. Der Stifterverband setzt sich für ein Bildungssystem ein, das Bildungsgerechtigkeit fördert, individuelle Potenziale entfaltet und allen jungen Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Hintergrund faire Bildungs- und Teilhabechancen eröffnet."
Mehr Info & Download
Neben der bildungspolitischen Analyse hat der Stifterverband auch die wissenschafts- und innovationspolitischen Positionen der Parteien zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt untersucht. Die Analyse erfasst und ordnet die Positionen der Parteien systematisch ein, verbindet die Auswertung der Wahlprogramme mit einer standortbezogenen Perspektive und arbeitet unterschiedliche Leitbilder sowie politische Handlungsansätze für die Zukunft des Wissenschafts- und Innovationsstandorts Sachsen-Anhalt heraus.
Pressekontakt
Peggy Groß
ist Pressesprecherin des Stifterverbandes.
T 030 322982-530