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Wahlprogrammanalyse Sachsen-Anhalt 2026 zur Bildungspolitik

Wahlprogrammanalyse Sachsen-Anhalt 2026 zur Bildungsspolitik
Wahlprogrammanalyse Sachsen-Anhalt 2026 zur Bildungsspolitik

Mit der Landtagswahl am 6. September 2026 werden in Sachsen-Anhalt wichtige bildungspolitische Weichen gestellt. Angesichts der anhaltenden Lehrkräftelücke und deutlicher Kompetenzrückgänge, insbesondere im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, zählen die Sicherung der Unterrichtsversorgung und die gezielte Potenzialförderung von Kindern und Jugendlichen zu den wichtigsten Aufgaben der kommenden Legislaturperiode.

Die im August 2026 vom Stifterverband veröffentlichte Untersuchung analysiert die Positionen der im Landtag beziehungsweise Bundestag vertretenen Parteien zu zwei zentralen Herausforderungen: der Gewinnung und Qualifizierung von Lehrkräften sowie der Förderung von Schülerinnen und Schülern durch systematische schulisch-außerschulische Kooperationen.

Aus Sicht des Stifterverbandes sollte die künftige Landesregierung die Sicherung des Lehrkräftebedarfs zur bildungspolitischen Priorität machen. Dazu gehören wirksame Maßnahmen gegen den Schwund in der Lehrkräftebildung, die qualitätsgesicherte Weiterentwicklung von Quer- und Seiteneinstiegen sowie der Ausbau flexibler Ausbildungswege. Zugleich sollte Sachsen-Anhalt schulisch-außerschulische Kooperationen strategisch stärken. Erforderlich sind eine landesweite Entwicklungsstrategie, die Nutzung des Ganztags als Bildungsraum sowie bessere Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit von Schulen und außerschulischen Partnern.

Die Analyse der Wahlprogramme zeigt, dass die Parteien den Lehrkräftemangel als zentrale Herausforderung anerkennen und verschiedene Ansätze zur Stärkung der Lehrkräftegewinnung und Lehrkräfteausbildung aufgreifen. Dazu zählen insbesondere eine stärkere Praxisorientierung des Lehramtsstudiums, der Ausbau dualer Studienmodelle sowie die Weiterentwicklung von Qualifizierungswegen für Quer- und Seiteneinsteigende. Gleichzeitig bleiben wesentliche Fragen offen. So finden sich nur wenige Ansätze, um dem hohen Schwund im Lehramtsstudium entgegenzuwirken oder zusätzliche Zielgruppen für den Lehrkräfteberuf zu erschließen. Auch bleibt vielfach unklar, wie alternative Zugangswege langfristig qualitätsgesichert weiterentwickelt und als nachhaltige Bausteine der Lehrkräfteversorgung etabliert werden sollen.

Die Bedeutung schulisch-außerschulischer Kooperationen wird von den Parteien grundsätzlich erkannt. Die Wahlprogramme betrachten diese jedoch überwiegend im Kontext von Berufsorientierung und Ganztag. Vereinzelt finden sich darüber hinaus Ansätze zur stärkeren Einbindung außerschulischer Lernorte, praxisnaher Bildungsangebote und zur besseren Vernetzung von Schulen mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Mit Blick auf die deutlichen Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend bleiben wichtige Potenziale jedoch ungenutzt. Außerschulische Bildungsangebote können einen bedeutenden Beitrag zur Förderung von Basiskompetenzen, MINT-Kompetenzen, Demokratiebildung sowie sozial-emotionalen und überfachlichen Kompetenzen leisten. Diese Perspektive findet sich in den Wahlprogrammen jedoch nur punktuell wieder.

Insgesamt macht die Analyse deutlich, dass die Herausforderungen des Bildungssystems in Sachsen-Anhalt parteiübergreifend erkannt werden. Die Programme enthalten verschiedene Vorschläge zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung und zur stärkeren Öffnung von Schule. Zentrale strategische und strukturelle Fragen bleiben jedoch vielfach unbeantwortet. Weder für die nachhaltige Verringerung der Lehrkräftelücke noch für den systematischen Ausbau schulisch-außerschulischer Kooperationen lassen sich umfassende und kohärente politische Konzepte erkennen.

 

Ausgangssituation

  • Lehrkräftebildung
    Sachsen-Anhalt steht trotz rückläufiger Schülerzahlen weiterhin vor einem erheblichen Lehrkräftemangel. Nach der KMK-Modellrechnung werden zwischen 2027 und 2035 rund 5.410 Lehrkräfte benötigt, während voraussichtlich lediglich 3.977 zur Verfügung stehen werden. Die prognostizierte Deckungslücke liegt damit bei rund 26 Prozent, besonders betroffen ist die Sekundarstufe I. Gleichzeitig verlässt etwa die Hälfte der Lehramtsstudierenden den Ausbildungsweg vor Abschluss, wodurch wichtige Potenziale verloren gehen.
     
    Das Land setzt zunehmend auf Quer- und Seiteneinstiege sowie erste flexible Studienmodelle wie einen dualen Lehramtsstudiengang und einen praxisintegrierten Quereinstiegs-Master. Positiv ist auch die Öffnung dieser Programme für Absolventinnen und Absolventen von Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Insgesamt bleiben diese Ansätze bislang jedoch auf kleine Zielgruppen beschränkt. Potenziale zur stärkeren Einbindung von HAW, zur Ausweitung dualer Studienangebote und zur Verringerung des Schwunds im Lehramtsstudium werden bislang nur begrenzt genutzt.
     
  • Schulisch-außerschulische Kooperationen
    Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends zeigen für Sachsen-Anhalt deutliche Defizite insbesondere im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Gleichzeitig belegen wissenschaftliche Studien, dass Kooperationen mit außerschulischen Bildungsakteuren einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Kompetenzen, Motivation und Bildungserfolg leisten können. Ihre Bedeutung wächst insbesondere vor dem Hintergrund sinkender Schülerleistungen und des Ausbaus ganztägiger Bildungsangebote.
     
    Sachsen-Anhalt verfügt bereits über verschiedene Förderinstrumente und Unterstützungsstrukturen für schulisch-außerschulische Kooperationen. Allerdings fehlt bislang eine übergreifende Strategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards und Zuständigkeiten. Auch die Beteiligung von Schulen an bundesweiten Wettbewerben und Akademien fällt häufig unterdurchschnittlich aus. Um die Potenziale außerschulischer Bildungsangebote stärker zu nutzen, braucht es daher eine systematischere Verankerung von Kooperationen in Schulentwicklung, Ganztag und Bildungsplanung.

 

Analyse der Wahlprogramme

Lehrkräftebildung
Im Wahlprogramm der CDU finden sich zu den vom Stifterverband adressierten Hebeln für eine Öffnung und Flexibilisierung des Lehramtes wenig Hinweise. Das "duale Studium für das Lehramt an Sekundarschulen" (CDU-Wahlprogramm, S.23) soll zwar fortgeführt und möglichst zum Standard ausgebaut werden, was ein sinnvoller Ansatz erscheint. Überlegungen, auch Lehrkräfte mit einem Unterrichtsfach einzusetzen oder die HAW in die Lehramtsausbildung von Berufsschullehrkräften einzubeziehen, um so neue Zielgruppen für den Lehrkräfteberuf zu gewinnen, gibt es offenbar nicht. Für Seiteneinsteigende möchte die CDU jedoch "echte Chancen und dauerhafte Perspektiven im Schuldienst" eröffnen (CDU-Wahlprogramm, S.23). Dies ist begrüßenswert; gleichwohl braucht es zielgruppenspezifische und dauerhaft angelegte Re-Qualifizierungswege für Seiteneinsteigende, die sie adäquat auf die Berufsrolle als Lehrkraft vorbereiten. Wie genau mehr Personen für das Lehramtsstudium gewonnen und vor allem auch im Studium gehalten werden, wird nicht ausgeführt – lediglich, dass die Universitäten stärker in die Verantwortung für den Bildungserfolg und die Nachwuchssicherung an den Schulen genommen werden sollen.  Damit greift die CDU einige relevante Ansätze auf, lässt jedoch insbesondere bei der Gewinnung zusätzlicher Zielgruppen und der Verringerung des Schwunds im Lehramtsstudium zentrale Fragen offen.

Schulische und außerschulische Potenzialförderung 
Die CDU setzt im Bereich der beruflichen Orientierung wichtige Impulse für den Ausbau schulisch-außerschulischer Kooperationen. Besonders das 4+1-Modell für Oberschulen und Gesamtschulen schafft durch flexiblere Stundenpläne verbindliche Zeitfenster für die Zusammenarbeit mit Unternehmen und weiteren außerschulischen Partnern. Die Weiterentwicklung von Oberschulen zu "Schulen der Praxis" mit zertifizierten Berufsorientierungsprogrammen und einem systematischen Monitoring stärkt die Kooperation mit außerschulischen Partnern und fördert deren nachhaltige Verankerung. Auch die Förderung innovativer Schulmodelle wie Campusschulen sowie der Ausbau von Nachmittagsangeboten eröffnen neue Möglichkeiten, Bildungsangebote aus dem Sozialraum stärker mit Schule zu verzahnen. Darüber hinaus kann die geplante Überprüfung der Lehrpläne hinsichtlich ihrer Praxis- und Zukunftsrelevanz dazu beitragen, außerschulische Expertise stärker in Unterricht, Schulentwicklung sowie die Qualifizierung von Lehrkräften und Schulleitungen einzubinden.

Insgesamt beschränkt sich das Wahlprogramm jedoch weitgehend auf die Berufsorientierung und bleibt damit hinter den vielfältigen Potenzialen schulisch-außerschulischer Kooperationen zurück. Außerschulische Bildungsakteure können ebenso zur Förderung von Basiskompetenzen, MINT-Kompetenzen, Demokratiebildung sowie sozial-emotionalen und weiteren überfachlichen Kompetenzen beitragen. Es fehlt eine Gesamtstrategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards, Zuständigkeiten und Unterstützungsstrukturen für schulisch-außerschulische Kooperationen, um ihr Potenzial für die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler sowie für mehr Bildungsgerechtigkeit umfassend zu nutzen. Vor dem Hintergrund der deutlichen Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend wäre insbesondere eine Strategie zur stärkeren Nutzung außerschulischer MINT-Angebote erforderlich. Enrichment-Programme mit wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit werden nicht erwähnt, sodass ihr Beitrag zur individuellen Förderung ungenutzt bleibt.

Lehrkräftebildung
Die SPD stellt mit Armin Willingmann seit 2016 den Wissenschaftsminister. In seine Amtszeit fallen verschiedene begrüßenswerte Maßnahmen zur Öffnung und Flexibilisierung der Lehrkräftebildung wie die Einrichtung eines dualen Studiengangs und eines dualen Quereinstiegsmasters für Sekundarschulen an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, sowie die Ausweitung der Kapazität der Studienplätze für das Lehramtsstudium auf 1.200 Studienplätze. In ihrem Wahlprogramm betont die SPD, an diesen Punkten festzuhalten: Das duale Studium sowie Praxisanteile sollen (weiter) ausgebaut werden, wie konkret bleibt allerdings offen. Darüber hinaus setzt sie auf multiprofessionelle Teams und eine Stärkung der Schulsozialarbeit zur Entlastung der Lehrkräfte (vgl. SPD-Wahlprogramm, S.18). Nur wenige Hinweise finden sich zur Weiterentwicklung des Seiteneinstiegs und keine Hinweise zur Einbeziehung der HAW oder der Einführung des Ein-Fach-Lehramtes. Damit lässt die SPD-Potenziale zur Erschließung weiterer Zielgruppen ungenutzt. Auch wie sie dem Schwund im Lehramtsstudium wirksam entgegenwirken möchte, bleibt offen.

Schulische und außerschulische Potenzialförderung 
Die SPD setzt im Bereich der beruflichen Orientierung wichtige Impulse für den Ausbau von Kooperationen mit Betrieben und von Programmen zur Berufsorientierung. Insgesamt beschränkt sich das Wahlprogramm jedoch auf die Berufsorientierung und bleibt damit hinter den vielfältigen Potenzialen schulisch-außerschulischer Kooperationen zurück. Außerschulische Bildungsakteure können ebenso zur Förderung von Basiskompetenzen, MINT-Kompetenzen, Demokratiebildung sowie sozial-emotionalen und weiteren überfachlichen Kompetenzen beitragen. Die SPD formuliert Bildungspolitik zwar als gemeinsame Aufgabe von Lehrkräften, pädagogischem Personal, Eltern, Wissenschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft. Es fehlt allerdings eine Gesamtstrategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards, Zuständigkeiten und Unterstützungsstrukturen für schulisch-außerschulische Kooperationen, um ihr Potenzial für die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler sowie für mehr Bildungsgerechtigkeit umfassend zu nutzen. Vor dem Hintergrund der deutlichen Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend wäre insbesondere eine Strategie zur stärkeren Nutzung außerschulischer MINT-Angebote erforderlich.

Enrichment-Programme mit wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit werden nicht erwähnt, sodass ihr Beitrag zur individuellen Förderung ungenutzt bleibt. Positiv hervorzuheben sind die Stärkung der Horte, der Ausbau von Ganztagsschulen sowie die Förderung multiprofessioneller Teams. Dadurch verbessern sich die Voraussetzungen, außerschulische Bildungsangebote nachhaltig in den Schulalltag zu integrieren und die individuelle Förderung zu stärken. Mehr pädagogische Gestaltungsspielräume, eigene Budgets und das geplante Bildungsmonitoring schaffen zudem gute Rahmenbedingungen, um schulisch-außerschulische Kooperationen bedarfsgerecht auszubauen.

Lehrkräftebildung
Die FDP ist die einzige Partei, die auch auf eine Zusammenarbeit mit HAW zur Erschließung neuer Zielgruppen für den Lehrerberuf setzt (FDP-Wahlprogramm, S.33). Wie sie eine solche Zusammenarbeit ausgestalten will, bleibt allerdings offen. Sie will gezielt auch Personen mit beruflichen Vorerfahrungen an "lehrerbildenden Einrichtungen" zulassen – ob sie damit Universitäten oder das Landesinstitut meint, ob es sich um den Seiteneinstieg oder einen Quereinstieg ins Studium handeln soll, bleibt ebenfalls offen. Für Seiteneinsteigende fordert sie ein verbindliches, 1,5-jähriges Qualifizierungsprogramm unter Einbindung der Hochschulen (FDP-Wahlprogramm, S. 33). Auf den Quereinstieg an Universitäten oder das duale Studium geht die FDP nicht ein, genauso wenig auf das Thema Ein-Fach-Lehrkräfte. Zur Entlastung der Lehrkräfte möchte sie "unterrichtsfremde Aufgaben" auf andere Professionen verteilen (FDP-Wahlprogramm, S.24). Praxisanteile im Studium sollen auf das Referendariat angerechnet werden können, was zu einer Entlastung der Studierenden beitragen würde (FDP-Wahlprogramm, S.33). Damit greift die FDP zwar einige relevante Hebel zur Erschließung neuer Zielgruppen auf, bleibt in ihrem Wahlprogramm damit aber insgesamt vage.

Schulische und außerschulische Potenzialförderung 
Die FDP setzt wichtige Akzente durch die Förderung außerschulischer MINT-Lernorte, regelmäßige Unternehmensbesuche ab Klasse 7 zur Berufsorientierung sowie die stärkere Einbindung von Sport-, Musik- und Kulturangeboten in den Ganztag. Positiv hervorzuheben sind außerdem der Aufbau einer landesweiten Angebotsplattform für Lehrkräfte und die Förderung einer datengestützten Bildungssteuerung, die den bedarfsgerechten Ausbau schulisch-außerschulischer Kooperationen unterstützen können.

Insgesamt bleibt das Wahlprogramm jedoch hinter den Potenzialen schulisch-außerschulischer Kooperationen zurück. Beiträge außerschulischer Bildungsakteure zur Förderung von Basiskompetenzen, Demokratiebildung sowie sozial-emotionalen und weiteren überfachlichen Kompetenzen werden kaum berücksichtigt. Zudem fehlen eine Gesamtstrategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards und Unterstützungsstrukturen sowie, trotz der positiven MINT-Ansätze, eine umfassende Strategie zur stärkeren Nutzung außerschulischer MINT-Angebote angesichts der Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend. Auch Enrichment-Programme mit wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit werden nicht erwähnt.

Lehrkräftebildung
Das Wahlprogramm der AfD zeigt keine innovativen Ansätze zur Öffnung und Flexibilisierung des Lehramtes im Sinne der genannten Hebel des Stifterverbandes. Weder die Einrichtung/Ausweitung von Quereinstiegsprogrammen noch von Ein-Fach-Lehrkräften noch die Ausweitung/Fortführung des Dualen Studiums werden im Wahlprogramm genannt. Auch der Einbezug von HAW in die Lehrkräfteausbildung wird nicht erwähnt. Als Reaktion auf den akuten Lehrkräftemangel schlägt die AfD lediglich vor, pensionierte Lehrkräfte für einen Wiedereinstieg stärker anzuwerben, sowie den Beruf dadurch attraktiver zu machen, dass Lehrkräfte sich wieder auf die Kernaufgabe des Unterrichts fokussieren sollen. Mit welchen politischen Maßnahmen darauf hingearbeitet werden soll, bleibt jedoch offen. Zusätzliches Personal soll durch gezielte Anwerbungen von Lehrkräften aus anderen Bundesländern gewonnen werden (vgl. AfD-Wahlprogramm, Kap IV., Nr. 22, 23), was allerdings nicht realistisch ist: Zum einen gibt es in nahezu allen Bundesländern, insbesondere in der Sekundarstufe I, eine Unterversorgung mit qualifizierten Lehrkräften. Zum anderen hat die Kultusministerkonferenz Leitlinien zur Deckung des Lehrkräftebedarfs (KMK, 2009) beschlossen, dass Werbemaßnahmen in anderen Bundesländern nur im jeweiligen Einverständnis mit diesen durchgeführt werden. Eine Antwort darauf, wie die Ausbildung durch Studium und Referendariat im eigenen Bundesland verbessert werden soll und der Schwund im Studium reduziert werden kann, lässt das Wahlprogramm weitgehend offen beziehungsweise plädiert nur sehr vage für die Gründung einer Pädagogischen Hochschule für das Grundschul- und Sekundarschullehramt (AfD-Wahlprogramm, Kap IV, Nr. 25). Für die zentrale bildungspolitische Aufgabe, eine qualitätsvolle Unterrichtsversorgung mit gut qualifizierten Lehrkräften zu gewährleisten, liefert die AfD in ihrem Wahlprogramm keine Antworten.

Schulische und außerschulische Potenzialförderung 
Wie beschrieben bildet Schule den herausgehobenen Bildungsort, der als einziger alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Nur hier kann sichergestellt werden, dass in Kooperation mit anderen Bildungsakteuren jede und jeder individuell angemessen gefördert wird. Mit der, laut Wahlprogramm, angestrebten Abschaffung der Schulpflicht stellt die AfD diese Grundlage infrage. Die Förderung der Kinder und Jugendlichen würde damit nicht mehr in den professionellen Händen der Lehrkräfte liegen, die gezielt zusätzliche Angebote von außerschulischen Akteuren einbinden können, sondern in den Händen der Eltern. Herkunftsbedingte Bildungsunterschiede würden so weiter verstärkt.

Das Wahlprogramm der AfD beschränkt schulisch-außerschulische Kooperationen weitgehend auf die Berufsorientierung sowie vereinzelt auf forst- und landwirtschaftliche Bildung. Im Bereich der Demokratiebildung sieht es hingegen einen deutlichen Rückbau bestehender Kooperationen vor. So fordert die AfD, die Zusammenarbeit mit "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" zu beenden und die Landeszentrale für politische Bildung aufzulösen. Damit würden wichtige und bewährte Angebote außerschulischer Bildungsförderung entfallen, etwa die Unterstützung von Besuchen außerschulischer Lernorte wie Gedenkstätten, und die Möglichkeiten schulisch-außerschulischer Kooperationen im Bereich der Demokratiebildung erheblich einschränkt. Begründet werden sie im Wahlprogramm unter anderem mit falschen oder nicht belegten Behauptungen, es gebe "echten Rassismus kaum noch" und Programme wie "Schule ohne Rassismus" richteten sich gegen "legitime rechte und patriotische Einstellungen", wodurch Schülerinnen und Schüler unter Druck gesetzt würden, sich einer "Vorherrschaft linker Ideen" zu beugen (AfD-Wahlprogramm, S. 76). Diese Argumentation knüpft an zentrale Narrative der AfD an und verdeutlicht ihre rechtsextreme Positionierung.

Die Potenziale außerschulischer Bildungsangebote für Basiskompetenzen, MINT sowie sozial-emotionale und weitere überfachliche Kompetenzen bleiben unberücksichtigt. Schülerwettbewerbe werden zwar positiv bewertet, ihr Mehrwert jedoch auf Leistungsorientierung reduziert. Konkrete Maßnahmen zur Erhöhung der in Sachsen-Anhalt bislang niedrigen Teilnahme fehlen. Insgesamt fehlt eine Strategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards und Unterstützungsstrukturen für schulisch-außerschulische Kooperationen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend wäre eine gezielte Strategie zur stärkeren Nutzung außerschulischer MINT-Angebote erforderlich. Da der Ganztag im Wahlprogramm keine Berücksichtigung findet, bleibt ein zentraler Entwicklungsraum für die systematische Einbindung außerschulischer Bildungsangebote und die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern ungenutzt.

Lehrkräftebildung
DIE LINKE will dem Lehrkräftemangel mit einem Bündel von Maßnahmen begegnen: Neben Lehrkräften sollen verstärkt pädagogische Fachkräfte oder Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter eingestellt werden. Studienplätze für das Lehramt an den Universitäten sollen ausgebaut (aktuell werden die vorhandenen Kapazitäten allerdings nicht ausgeschöpft) und die Studiendauer verkürzt werden. DIE LINKE will die Studienstruktur gänzlich verändern und plädiert (genauso wie die GRÜNEN) für die Ablösung des schulformbezogenen Lehramtes durch ein Stufenlehramt mit zwei Lehramtslaufbahnen (Primarstufe inkl. Sonderpädagogik sowie Sekundarstufe I und II), um den späteren Einsatz der Lehrkräfte effizienter zu gestalten (DIE LINKE-Wahlprogramm, S.33 und 34). Die Ausbildung soll durch Praxissemester und Schulkooperationen praxisorientierter ausgerichtet werden; auch duale Studiengänge sollen das Studienangebot in Mangelfächern ergänzen (DIE LINKE-Wahlprogramm, S.34). Ansätze wie Ein-Fach-Lehrämter oder der Einbezug von HAW für die Ausbildung von Berufsschullehrkräften werden hingegen nicht in Betracht gezogen. Explizit adressiert werden Seiteneinsteigende: Diese sollen adäquat ausgebildet und auf Dauer nicht schlechter gestellt/bezahlt werden als grundständig ausgebildete Lehrkräfte (DIE LINKE-Wahlprogramm, S.34). Auch der Schwund im Lehramt wird nicht thematisiert.

Schulische und außerschulische Potenzialförderung
Insgesamt werden schulisch-außerschulische Kooperationen im Wahlprogramm von DIE LINKE nicht explizit adressiert. Damit bleiben die Potenziale zur Förderung von Basiskompetenzen, MINT-Kompetenzen, beruflicher Orientierung, Demokratiebildung sowie sozial-emotionalen und weiteren überfachlichen Kompetenzen ungenutzt. Es fehlt eine ressortübergreifende Gesamtstrategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards, Zuständigkeiten und Unterstützungsstrukturen für schulisch-außerschulische Kooperationen, um ihr Potenzial für die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler sowie für mehr Bildungsgerechtigkeit umfassend zu nutzen. Vor dem Hintergrund der deutlichen Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend wäre insbesondere eine Strategie zur stärkeren Nutzung außerschulischer MINT-Angebote erforderlich. Enrichment-Programme mit wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit werden nicht erwähnt, sodass ihr Beitrag zur individuellen Förderung ungenutzt bleibt. Positiv bleibt zu erwähnen, dass die Schaffung der personellen und finanziellen Voraussetzungen für den bedarfsgerechten Ausbau der Ganztagsangebote an weiterführenden Schulen, neue Möglichkeiten eröffnet, Bildungsangebote stärker mit Schule zu verzahnen und deren Nachfrage erhöht. Dies kommt der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern zugute. Auch die Förderung multiprofessioneller Teams schafft gute Voraussetzungen dafür, dass außerschulische Bildungsakteure in Schulen auf ein kollaboratives Arbeitsumfeld treffen und ihre Angebote und Expertise wirksam einbringen können.

Lehrkräftebildung
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sind die einzige Partei, die sich für die Einführung des Ein-Fach-Lehramts als eine Maßnahme zur Flexibilisierung und Öffnung des Lehramtes für weitere Zielgruppen einsetzten. Darüber hinaus plädieren sie, genauso wie DIE LINKE, für die Einführung des Stufenlehramtes (einheitliches Lehramt für weiterführende Schulen sowie Primarstufenlehramt inkl. inklusives Lernen), um flexibler auf die Bedürfnisse der Schulen reagieren zu können. Für Seiteneinsteigende fordern sie eine qualifizierte berufsbegleitende Ausbildung sowie Gehaltsangleichungen. Das duale Studium bezeichnen sie als "Erfolgsmodell" und möchten es an beiden lehramtsbildenden Universitäten ausbauen (vgl. DIE GRÜNEN-Wahlprogramm, S. 55-57). Damit machen sie weitreichende Vorschläge zur Veränderung der Studienstrukturen für das Lehramt. Keine Hinweise finden sich hingegen zur Einbeziehung von HAW für Berufsschullehrkräfte. Auch die Schwundquoten im Lehramtsstudium werden nicht adressiert.

Schulische und außerschulische Potenzialförderung 
Die GRÜNEN setzen wichtige Impulse für schulisch-außerschulische Kooperationen, insbesondere durch die stärkere Vernetzung von Schulen mit Betrieben, Jobcentern und Jugendhilfe für die berufliche Orientierung sowie die Integration kultureller und sportlicher Bildungsangebote in den Ganztag. Positiv hervorzuheben sind zudem die geplante bessere Finanzierung außerschulischer Akteure für Schulkooperationen im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung, der Ausbau von Ganztagsschulen, die Förderung multiprofessioneller Teams sowie mehr Eigenverantwortung für Schulen. Dadurch verbessern sich die Voraussetzungen, außerschulische Bildungsangebote nachhaltig in den Schulalltag zu integrieren und die individuelle Förderung zu stärken.

Insgesamt bleibt das Wahlprogramm jedoch hinter den Potenzialen schulisch-außerschulischer Koopera-tionen zurück. Weder die Förderung von Basiskompetenzen, MINT-Kompetenzen, Demokratiebildung sowie sozial-emotionalen und weiteren überfachlichen Kompetenzen noch Enrichment-Programme werden ausreichend berücksichtigt. Zudem fehlen eine Gesamtstrategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards und Unterstützungsstrukturen sowie eine gezielte Strategie zur stärkeren Nutzung außerschulischer MINT-Angebote angesichts der deutlichen Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend.

Gesamteinordnung aus Sicht des Stifterverbandes

Der Lehrkräftemangel gehört zu den größten bildungspolitischen Herausforderungen Sachsen-Anhalts. Zwar setzen nahezu alle Parteien auf zusätzliche Personalgewinnung und eine stärkere Praxisorientierung der Ausbildung, die Strategien zur Öffnung und Flexibilisierung der Lehrkräftebildung fallen jedoch sehr unterschiedlich aus.

Die weitreichendsten Reformansätze finden sich bei BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN und der LINKEN. Beide Parteien sprechen sich für ein schulformunabhängiges Stufenlehramt und den Ausbau dualer Studienangebote aus; BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN fordern darüber hinaus als einzige Partei die Einführung eines Ein-Fach-Lehramts. CDU und SPD setzen dagegen vor allem auf die Weiterentwicklung bereits eingeleiteter Maßnahmen wie des dualen Lehramtsstudiums und einer stärkeren Praxisorientierung. Die FDP schlägt als einzige Partei eine stärkere Einbindung von Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) sowie zusätzliche, verbindliche Qualifizierungswege für Seiteneinsteigende vor. Die AfD konzentriert sich überwiegend auf kurzfristige – und zu Lasten anderer Bundesländer gehende – Maßnahmen zur Personalgewinnung und macht kaum Vorschläge zur strukturellen Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung.

Auffällig ist, dass die wachsende Bedeutung von Quer- und Seiteneinstiegen parteiübergreifend anerkannt wird, konkrete Konzepte für hochwertige und dauerhaft angelegte Qualifizierungswege jedoch meist vage bleiben. Die Einbindung von HAW, die der Stifterverband insbesondere hinsichtlich der Deckung des Lehrkräftebedarfs an den beruflichen Schulen empfiehlt, spielt in den Wahlprogrammen insgesamt kaum eine Rolle.

Die größte Leerstelle aller Wahlprogramme ist jedoch der hohe Schwund im Lehramtsstudium. Obwohl rund die Hälfte der Lehramtsstudierenden ihr Studium in Sachsen-Anhalt nicht abschließt, legt keine Partei eine überzeugende Strategie vor, wie angehende Lehrkräfte bis zum Berufseintritt gehalten werden können. Damit wird eine zentrale Herausforderung der Lehrkräftebildung in Sachsen-Anhalt parteiübergreifend nur unzureichend adressiert.

Schulisch-außerschulische Kooperationen spielen in allen Wahlprogrammen eine Rolle, werden jedoch sehr unterschiedlich gewichtet. Gemeinsam ist den Parteien, dass sie Kooperationen vor allem als Instrument der Berufsorientierung verstehen. CDU, SPD, GRÜNE und FDP sehen zudem im Ganztag wichtige Potenziale für die Einbindung außerschulischer Bildungsangebote, während die AfD diesen Bereich nicht berücksichtigt.

Den umfassendsten Ansatz verfolgt die CDU. Mit dem 4+1-Modell, den "Schulen der Praxis", Campusschulen und einer stärkeren Praxisorientierung der Lehrpläne verbindet sie konkrete Maßnahmen mit strukturellen Veränderungen und schafft damit strukturelle Voraussetzungen für eine nachhaltige Verankerung schulisch-außerschulischer Kooperationen zumindest im Bereich Berufsorientierung. SPD, GRÜNE und FDP setzen vor allem auf förderliche Rahmenbedingungen wie den Ausbau von Ganztagsschulen, multiprofessionellen Teams, mehr Eigenverantwortung für Schulen sowie Bildungsmonitoring. Die FDP hebt sich zusätzlich durch die Förderung außerschulischer MINT-Lernorte und den Aufbau einer landesweiten Plattform außerschulischer Angebote für Lehrkräfte hervor. Die AfD fokussiert auf die Berufsorientierung sowie auf forst- und landwirtschaftliche Bildung. Zugleich ist sie die einzige Partei, die bestehende schulisch-außerschulische Kooperationsstrukturen im Bereich der Demokratiebildung ausdrücklich zurückbauen möchte.

Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte weisen alle Programme zentrale Lücken auf. Keine Partei entwickelt eine Gesamtstrategie mit klaren Zielen, Qualitätsstandards, Zuständigkeiten und Unterstützungsstrukturen. Ebenso bleiben die Potenziale außerschulischer Bildungsangebote für Basiskompetenzen, MINT, Demokratiebildung sowie sozial-emotionale und weitere überfachliche Kompetenzen weitgehend ungenutzt. Angesichts der Kompetenzrückgänge im IQB-Bildungstrend fehlt zudem eine systematische Strategie zur stärkeren Nutzung außerschulischer MINT-Angebote. Auch Enrichment-Programme wie Schülerwettbewerbe und Akademien werden von keiner Partei als evidenzbasierte Instrumente der individuellen Förderung strategisch aufgegriffen. Die AfD bewertet Schülerwettbewerbe zwar positiv, macht jedoch keine Vorschläge, wie die Beteiligung in Sachsen-Anhalt strukturell erhöht werden kann.

Kontakt

Bettina Jorzik (Foto: Damian Gorczany)
Bettina Jorzik (Foto: Damian Gorczany)

Bettina Jorzik

ist Programmleiterin für Hochschullehre, Lehrkräftebildung und MINT sowie Leiterin der Zukunftsmission Bildung.

T 0201 8401-103

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