Wahlprogrammanalyse Sachsen-Anhalt 2026 zur Wissenschafts- und Innovationspolitik
Mit der Landtagswahl am 6. September 2026 werden in Sachsen-Anhalt auch zentrale Weichen für die zukünftige Wissenschafts- und Innovationspolitik gestellt. Die neue Landesregierung wird die Fortschreibung der Regionalen Innovationsstrategie Sachsen-Anhalt vorbereiten und darüber entscheiden, wie Hochschulen, Forschung und Innovation zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes beitragen sollen. Vor diesem Hintergrund analysiert die im August 2026 vom Stifterverband veröffentlichte Untersuchung die wissenschafts- und innovationspolitischen Positionen der in der Legislaturperiode 2021-2026 im Landtag vertretenen Parteien.
Sachsen-Anhalts Wissenschafts- und Innovationssystem steht unter wachsendem Anpassungsdruck. Sinkende Studierendenzahlen treffen auf steigende Kosten, zugleich wächst mit einem Anteil internationaler Studierender von 20,1 Prozent die Bedeutung internationaler Anschlussfähigkeit.
Die Forschungsleistung wird wesentlich vom öffentlichen Wissenschaftssystem getragen: Von 1,135 Milliarden Euro FuE-Ausgaben 2023 entfielen nur 255 Millionen Euro auf die Wirtschaft. Auch beim Transfer bleibt Potenzial ungenutzt: Die Hochschulen sind überdurchschnittlich gut mit Wirtschaft und Politik vernetzt, die Zahl der Ausgründungen liegt jedoch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.
Die Analyse zeigt, dass alle Parteien Hochschulen, Forschung und Innovation als wichtige Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit Sachsen-Anhalts verstehen. Unterschiede bestehen jedoch darin, welche Rolle Wissenschaft im Innovationssystem einnehmen und wie Innovation politisch gestaltet werden soll. Während CDU und FDP Wissenschaft vor allem als Motor wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Entwicklung betrachten, betonen SPD und Die Linke stärker ihre Bedeutung für den sozial begleiteten Strukturwandel und die regionale Entwicklung. Bündnis 90/Die Grünen verbinden Wissenschaft und Innovation insbesondere mit ökologischer Transformation des Standortes und nachhaltiger Wertschöpfung. Die AfD setzt einen Schwerpunkt auf Digitalisierung und einzelne Zukunftstechnologien, entwickelt daraus jedoch kein konsistentes Wissenschafts- und Innovationskonzept.
Übergreifend knüpfen die Parteien an bestehende wissenschaftliche und wirtschaftliche Stärken Sachsen-Anhalts an, etwa in den Bereichen Chemie, Maschinenbau, Gesundheitswirtschaft, Künstliche Intelligenz und Wasserstoff. Gleichzeitig bleiben viele Programme in zentralen Fragen unkonkret. Häufig wird nicht deutlich, wie Hochschulfinanzierung, wissenschaftliche Karrieren, Transfer, Gründungsförderung und technologische Profilbildung zu einer langfristigen Gesamtstrategie verbunden und angesichts begrenzter finanzieller und personeller Ressourcen priorisiert werden sollen.
Die Analyse macht damit deutlich: Die Unterschiede zwischen den Parteien liegen weniger in der Bedeutung, die sie Wissenschaft und Innovation beimessen, als in ihren Vorstellungen darüber, welche Rolle Hochschulen, Forschung und Unternehmen für die Entwicklung Sachsen-Anhalts übernehmen sollen. Gleichzeitig zeigen die Wahlprogramme, dass eine langfristige Strategie für Wissenschaft, Forschung und Innovation häufig nur in Ansätzen erkennbar ist. Die Untersuchung bietet damit eine Grundlage, um die wissenschafts- und innovationspolitischen Leitbilder der Parteien systematisch zu vergleichen und einzuordnen.
Parteiprogramme im Überblick
- Die CDU setzt auf eine verlässliche Hochschulfinanzierung, die durch leistungsorientierte Instrumente wie Zielvereinbarungen, Evaluationen und strategische Schwerpunktsetzungen gesteuert werden soll. Als zusätzliche Finanzierungsquelle nennt sie "mit den mitteldeutschen Nachbarländern abgestimmte Studiengebühren für ausländische Studentinnen und Studenten aus Nicht-EU-Staaten" (vgl. CDU-Wahlprogramm, S. 75).
- Die SPD verbindet "verlässliche Hochschulverträge, auskömmliche Grundfinanzierung und klare Perspektiven für Beschäftigte" mit dem Ziel institutioneller Stabilität. Programme zur Förderung von Forschung, Innovation, Transfer und wissenschaftlichem Nachwuchs sollen fortgeführt und weiterentwickelt werden (vgl. SPD-Wahlprogramm, S. 21).
- Die FDP betont die Eigenverantwortung der Hochschulen für "Personal, Profil und Budget sowie Bauherrschaft" (vgl. FDP-Wahlprogramm, S. 35). Institutionelle Autonomie solle den Hochschulen ermöglichen, ihre finanziellen und personellen Ressourcen eigenständig einzusetzen, fachliche Schwerpunkte zu entwickeln und sich stärker im wissenschaftlichen Wettbewerb zu positionieren. Ergänzend soll Bürokratieabbau den Zeit- und Personalaufwand für Forschungsanträge verringern und "innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen" schaffen (vgl. FDP-Wahlprogramm, S. 37 f.).
- Die AfD fordert eine stärkere Grundfinanzierung der Hochschulen und eine geringere Abhängigkeit von Drittmitteln. Sie begründet dies mit der Annahme, dass die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) sowie Industrie- und politische Stiftungen "politische Anforderungen an jede Projektförderung" stellen, und erklärt: "Was nicht dem politischen Mainstream entspricht, wird nicht gefördert" (vgl. AfD-Wahlprogramm, S. 72-73).
- Die Linke benennt mehrere Maßnahmen, mit denen die Hochschulfinanzierung stabilisiert und die Abhängigkeit von Projektmitteln reduziert werden soll. So fordert sie, "Kürzungen im Hochschulhaushalt […] auch bei sinkenden Studierendenzahlen" zu verhindern, die "Abhängigkeit von der Projektfinanzierung" zu reduzieren sowie Tarifsteigerungen und Inflation vollständig auszugleichen (vgl. Die Linke-Wahlprogramm, S. 36). Zudem sollen der Zukunftsvertrag Studium und Lehre durch zusätzliche Landesmittel kofinanziert und transparente Zielvereinbarungen als verlässliche Grundlage abgeschlossen werden (vgl. ebd.).
- Die Grünen setzen auf eine stärkere Grundfinanzierung durch Land und Bund, um den Hochschulen mehr Planungssicherheit zu geben und finanzielle Mehrbelastungen durch "Inflation sowie steigende Energie- und Baukosten" aufzufangen (vgl. Die Grünen-Wahlprogramm, S. 62). Als konkrete Maßnahme fordern sie, "die Bundesmittel aus dem Zukunftsvertrag Studium und Lehre vollständig an die Hochschulen weiterzureichen" (vgl. ebd.).
- Die CDU bekennt sich zur Freiheit von Forschung und Lehre und will zugleich Forschungsfelder fördern, die internationale Spitzenleistungen erwarten lassen oder für Sachsen-Anhalt als besonders relevant bewertet werden (vgl. CDU-Wahlprogramm, S. 74).
- Die SPD bezeichnet die Autonomie in Forschung und Lehre als Grundlage wissenschaftlicher Qualität und bekennt sich zur Exzellenzinitiative. Zugleich beschreibt sie Hochschulen als Orte von Bildung, Forschung, Innovation und gesellschaftlicher Debatte (vgl. SPD-Wahlprogramm, S. 21).
- Die FDP bezeichnet Autonomie als elementar für Forschung und Lehre und lehnt Beschränkungen der Forschung durch Zivilklauseln ausdrücklich ab. Hochschulen beschreibt sie zudem als Orte der Diskussion und des freien Meinungsaustauschs (vgl. FDP-Wahlprogramm, S. 35).
- Die AfD will nach eigener Aussage "echte akademische Freiheit" wiederherstellen und den politischen Einfluss auf die Wissenschaft zurückdrängen. Gleichzeitig fordert sie die Abschaffung wissenschaftsbezogener Quoten, die Wiedereinführung "deutscher Studiengänge und Studienabschlüsse" (Magister und Diplom) sowie die Abschaffung von Gender Studies und Postkolonialismus und den Aufbau von Bevölkerungswissenschaft und kritischer Islamforschung (vgl. AfD-Wahlprogramm, S. 68, 72–73).
- Die Linke beschreibt Wissenschaftsfreiheit als Schutz von Forschung und Lehre vor politischem und finanziellem Druck. Sie verbindet diesen Schutz mit institutioneller Selbstverwaltung, demokratischer Mitbestimmung und stärkeren Beteiligungsrechten der verschiedenen Statusgruppen an den Hochschulen (vgl. Die Linke-Wahlprogramm, S. 41).
- Die Grünen thematisieren politische Angriffe auf wissenschaftliche Erkenntnisse: "Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zunehmend zum Gegenstand politischer Angriffe, mit dem Ziel, Zweifel zu erzeugen, wo Konsens besteht" (Die Grünen-Wahlprogramm, S. 61). Sie wollen Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie vor wissenschaftsfeindlicher Einflussnahme schützen (vgl. ebd.).
- Die CDU behandelt wissenschaftliche Karrieren und Beschäftigungsbedingungen nicht als eigenständiges Handlungsfeld. Bezüge finden sich in der Darstellung der Hochschulen als Orte "gezielter Nachwuchsförderung" und "praxisnaher Ausbildung" sowie im Ziel, Sachsen-Anhalt als Wissenschaftsstandort zu stärken, der "Talente fördert und bindet" (vgl. CDU-Wahlprogramm, S. 74f.).
- Die SPD fordert planbare wissenschaftliche Karrieren, gute Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung. Programme zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sollen fortgeführt und weiterentwickelt werden. Für die Geschlechterforschung sieht sie außerdem den Ausbau unbefristeter, aus Haushaltsmitteln finanzierter Professuren vor (vgl. SPD-Wahlprogramm, S. 21).
- Die FDP setzt auf definierte Karrierepfade durch Tenure-Track-Professuren und auf wissenschaftsadäquate Arbeitsbedingungen. Zudem will sie die Rahmenbedingungen für die Be- und Entfristung wissenschaftlicher Stellen, den personellen Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie die Gewinnung internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verbessern (vgl. FDP-Wahlprogramm, S. 35, 37f.).
- Die AfD will "prekäre Arbeitsverhältnisse an der Universität beenden" und fordert dafür eine höhere Bezahlung sowie weniger befristete Beschäftigungsverhältnisse. Zugleich erklärt sie: "Abgesehen von einigen Wissenschaftsidealisten streben vor allem die eher Mittelmäßigen, die in der Wirtschaft keine Perspektive finden, eine wissenschaftliche Laufbahn an" (AfD-Wahlprogramm, S. 68, 70).
- Die Linke fordert, Daueraufgaben dauerhaft zu finanzieren, Vertragslaufzeiten an Projektlaufzeiten anzupassen und Übergänge zwischen Projekten abzusichern. Darüber hinaus will sie vom Lehrstuhlprinzip abrücken, Fachbereichsstrukturen ausbauen sowie Tandem-Professuren, familiengerechte Bedingungen und Angebote zur Gewinnung und langfristigen Bindung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stärken (vgl. Die Linke-Wahlprogramm, S. 38f.).
- Die Grünen setzen bei studentischen Beschäftigten, im akademischen Mittelbau und beim Übergang zur Professur an. Sie fordern Dauerstellen für Daueraufgaben, einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte, eine Ausweitung des Tenure-Track-Programms und mehr Dauerstellen unterhalb der Professur. Ergänzend wollen sie Department-Strukturen unterstützen und sich auf Bundesebene für eine Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einsetzen (vgl. Die Grünen-Wahlprogramm, S. 63).
- Die CDU verankert Gründungen zunächst im breiteren wirtschaftspolitischen Ziel, "unternehmerisches Denken" und Gründerkultur zu fördern (CDU-Wahlprogramm, S. 12). Im Wissenschaftsbereich verfolgt sie mit "Innovation aus einem Guss" einen Ansatz, der Grundlagenforschung, angewandte Wissenschaft und wirtschaftliche Umsetzung miteinander verbindet (CDU-Wahlprogramm, S. 74 f.). Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen sowie Wirtschaft soll durch Innovationszentren und Cluster sowie durch die Unterstützung von Start-ups und Maker Spaces gestärkt werden (vgl. ebd.). Ziel der genannten Maßnahmen ist die Entwicklung marktreifer Produkte und ihre wirtschaftliche Umsetzung.
- Die SPD will Gründungen ermöglichen und Wissenschaft und Wirtschaft enger verbinden. Im Mittelpunkt steht anwendungs- und transferorientierte Forschung, deren Ergebnisse schneller in die Praxis gelangen sollen (vgl. SPD-Wahlprogramm, S. 7). Um Gründungen zu fördern, setzt die SPD auf vereinfachte Förderangebote, gestärkte regionale Anlaufstellen, einen Gründungsbonus für Start-ups und ein unbürokratisches Programm für Berufserfahrene (vgl. ebd.). Wie die engere Verzahnung von Forschung und Wirtschaft konkret organisiert werden soll, bleibt dagegen offen.
- Die FDP will Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, regionale Vernetzung und Gründungen stärken. Regionale Industriezweige sollen Impulse für die fachliche Profilbildung der Hochschulen geben, während "strategische Zukunftslabore" zu KI, Robotik oder synthetischer Biologie anwendungsorientierte Forschung fördern sollen (FDP-Wahlprogramm, S. 36). Regionale Vernetzung und ein stärkerer personeller Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sollen den Wissens- und Technologietransfer insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen stärken (vgl. FDP-Wahlprogramm, S. 37). Ergänzend sollen Bürokratieabbau, private Investitionen und die Vermittlung eines "Macher-Mindsets" in Schulen unternehmerisches Handeln fördern.
- Die AfD führt die geringe Zahl von Unternehmensgründungen und Neuansiedlungen primär auf die Politik der bisherigen Landesregierungen und bürokratische Belastungen zurück (vgl. AfD-Wahlprogramm, S. 95 f.).
- Die Linke will Forschung durch Reallabore, Praxissemester und Transfer-Ansprechstellen stärker mit Kommunen, Kliniken, Schulen und Betrieben verbinden. Reallabore, Praxissemester und Transfer-Ansprechstellen sollen Forschung enger mit Kommunen, Kliniken, Schulen und Betrieben verbinden; regionale Transformationsräte sollen zusätzliche Beteiligung ermöglichen (vgl. Die Linke-Wahlprogramm, S. 40f., 87f.). Wechselwege zwischen Wissenschaft und Praxis sollen durch Matching, Standardverträge, Datenhinweise und Transfer-Ansprechstellen vereinfacht werden (vgl. Die Linke-Wahlprogramm, S. 40f).
- Die Grünen wollen landesweite Innovationscluster als spezialisierte Gründungsökosysteme aufbauen und miteinander vernetzen. Landesweite Innovationscluster sollen Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Start-ups in ausgewählten Feldern wie Biotechnologie, Bioökonomie, Chemie, Life Sciences und Medizintechnik stärker vernetzen. Zugleich wollen sie den Wissenstransfer zu KMU durch bessere Transferinfrastrukturen, Beratungsangebote und vernetzte Gründungszentren professionalisieren. Zur Förderung von Ausgründungen nennen sie Gründungsstipendien, ein Venture-Clienting-Programm sowie eine Reform der Investitionsbank und der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (vgl. Die Grünen-Wahlprogramm, S. 85).
- Die CDU thematisiert digitale Resilienz und Cybersicherheit. Sie will ein leistungsfähiges Computer Emergency Response Team für Sachsen-Anhalt schaffen, das Unternehmen bei der Abwehr von Cyberangriffen unterstützt, und die Cybersicherheitskompetenz durch Informations- und Bildungsangebote stärken. Eine eigenständige Rolle von Hochschulen und Forschungseinrichtungen wird in den ausgewerteten Passagen nicht benannt (vgl. CDU-Wahlprogramm, S. 51f.).
- Die SPD verbindet digitale Resilienz mit europäischer Datensouveränität und regionaler Wirtschaftsentwicklung. Der Einsatz von Open-Source-Software soll außereuropäische technologische Abhängigkeiten der Landesverwaltung verringern und zugleich die heimische IT-Wirtschaft stärken. Ergänzend will die Partei Koordinierungs- und Reaktionsstrukturen für Cybervorfälle ausbauen und Kommunen sowie öffentliche Einrichtungen bei der Absicherung ihrer IT-Systeme unterstützen (vgl. SPD-Wahlprogramm, S. 56).
- Die FDP verbindet technologiebezogene Sicherheit mit industrieller Wertschöpfung und Standortentwicklung. Sachsen-Anhalt soll Produktionskapazitäten der Verteidigungsindustrie ansiedeln und sich mit offenen Reallaboren und Sicherheitsstandards als Test- und Anwendungsregion für Drohnentechnologien positionieren. Dafür sollen die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst und zentrale Ansprechpartner für Unternehmen geschaffen werden (vgl. FDP-Wahlprogramm, S. 9, 75).
- Die AfD nennt die Erprobung eines digitalen Polizeifunk- und Informationssystems zur automatisierten Bearbeitung von Notfällen. Eine Verbindung zu Cybersicherheitsforschung, Hochschulen, kritischen Infrastrukturen oder sektorübergreifenden Innovationskooperationen wird in den ausgewerteten Passagen nicht hergestellt (vgl. AfD-Wahlprogramm, S. 74 f.).
- Die Linke fordert spezialisierte Kompetenzen gegen Cybercrime, Wirtschaftskriminalität und KI-gestützte Manipulation sowie eine Informationssicherheitsstrategie und zusätzliches Personal für die Cybersicherheit. KI soll gezielt zur Unterstützung von Ermittlungen eingesetzt werden, während anlasslose Überwachung und automatisierte Massendatenanalysen abgelehnt werden. Für die Wissenschaft fordert die Partei eine Zivilklausel und eine Stärkung ziviler Forschung (vgl. Die Linke-Wahlprogramm, S. 40, 127–129, 142).
- Die Grünen thematisieren hybride und digitale Bedrohungen wie Cyberangriffe, Drohnen, Spionage und Sabotage. Als Maßnahmen nennen sie technische Lösungen zur Drohnenabwehr, interdisziplinäre Teams, die Zusammenarbeit mit IT-Fachkräften und eine bundes- und länderübergreifende Koordination. Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden in den ausgewerteten Passagen nicht ausdrücklich als beteiligte Akteure genannt (vgl. Die Grünen-Wahlprogramm, S. 37, 41).
- Die CDU setzt auf vereinfachte, beschleunigte und digitalisierte Vergabeverfahren sowie erleichterte Zugänge zu öffentlichen Aufträgen für kleine und mittlere Unternehmen. Zusätzlich sollen Reallabore und rechtlich erleichterte Testfelder die Erprobung innovativer Lösungen ermöglichen (CDU-Wahlprogramm, S. 16, 51).
- Die SPD konzentriert sich auf einfachere Förderverfahren, digitale Nachweise sowie den Abbau mehrfacher Berichtspflichten aus Landes-, Bundes- und EU-Vorgaben (SPD-Wahlprogramm, S. 4).
- Die FDP verbindet Bürokratieabbau besonders eng mit Gründungen, Investitionen und Wachstum: Eine digitale One-Stop-Agency soll Verfahren bündeln, während junge Unternehmen von Dokumentationspflichten und weiteren Belastungen entlastet werden sollen (FDP-Wahlprogramm, S. 8).
- Die AfD will landeseigene Vorschriften überprüfen und überflüssige Regelungen streichen. Als Richtwert sollen für jede neue Regelung mindestens zwei bestehende Regelungen entfallen (vgl. AfD-Wahlprogramm, S. 95 f.).
- Die Linke befürwortet Digitalisierung und Verwaltungsvereinfachung, grenzt diese jedoch ausdrücklich vom Stellenabbau ab. Automatisierung soll Beschäftigte von standardisierbaren Aufgaben entlasten und personelle Kapazitäten für Beratung und Aufgaben mit menschlichem Entscheidungsbedarf freisetzen (Die Linke-Wahlprogramm, S. 145).
- Die Grünen setzen ebenfalls auf weniger Dokumentationspflichten, ergänzen dies aber um Praxischecks, klare Zuständigkeiten, medienbruchfreie Verfahren und einen zentralen digitalen Zugang über eine Sachsen-Anhalt-App (Die Grünen-Wahlprogramm, S. 84).
- Die CDU verknüpft digitale Modernisierung mit technologischer Souveränität: Regionale IT-Angebote, europäische Cloud-Dienste und Open-Source-Lösungen sollen Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern verringern und das regionale IT-Ökosystem stärken (CDU-Wahlprogramm, S. 51). In der Landwirtschaft setzt sie auf moderne Technologien und KI-gestützte Steuerung, um Betriebe effizienter zu machen (CDU-Wahlprogramm, S. 37).
- Die SPD verbindet technologische Modernisierung mit der Förderung der IT-Wirtschaft, von Hoch- und Spitzentechnologien, klimafreundlichen Produktionsverfahren und der Modernisierung bestehender Branchen (vgl. SPD-Wahlprogramm, S. 5).
- Die FDP verbindet Digitalisierung mit schnelleren Verfahren, Gründungen und Investitionen. In der Landwirtschaft sollen KI und neue Züchtungstechnologien zusätzliche Innovationspotenziale erschließen (vgl. FDP-Wahlprogramm, S. 8, 16).
- Die AfD verbindet Technisierung, Digitalisierung und KI mit höherer Produktivität und der Verringerung von Arbeitskräfteengpässen. Sie will anwendungsnahe KI fördern, Rechenzentren ansiedeln und technologische Modernisierung als Alternative zur Zuwanderung ausländischer Fachkräfte nutzen (vgl. AfD-Wahlprogramm, S. 37, 99).
- Die Linke will Digitalisierung und KI zur Entlastung von Beschäftigten und zum effizienteren Einsatz vorhandener Ressourcen nutzen. Automatisierung soll dabei nicht zu Personalabbau führen (vgl. Die Linke-Wahlprogramm, S. 145).
- Die Grünen setzen neben KI auf Quantencomputing, digitale Infrastruktur und die Stärkung bestehender Digitalisierungszentren. Der Staat soll zudem als Ankerkunde für nachhaltige und verantwortungsvolle KI-Angebote auftreten (Die Grünen-Wahlprogramm, S. 85).
Position des Stifterverbandes
Eine verlässliche Grundfinanzierung sichert dauerhafte Hochschulaufgaben, wissenschaftliche Infrastrukturen und langfristige Personalentwicklung. Drittmittel und leistungsorientierte Förderinstrumente ergänzen diese Basis um zusätzliche Forschungsvorhaben, Kooperationen und Möglichkeiten zur Profilbildung. Da Grundmittel überwiegend von den Ländern und viele Drittmittel aus Bundes- und EU-Programmen stammen, müssen die verschiedenen Finanzierungsquellen sinnvoll aufeinander abgestimmt werden.
Für Sachsen-Anhalt ist dieses Zusammenspiel besonders wichtig, weil viele kleine und mittlere Unternehmen keine eigenen umfangreichen Forschungsabteilungen unterhalten. Der Zugang zu wissenschaftlicher Expertise, Laboren und Forschungsinfrastrukturen kann sie dabei unterstützen, Innovationen zu entwickeln. Eine verlässliche Hochschulfinanzierung stärkt damit neben Forschung und Lehre auch Transfer, Ausgründungen und regionale Innovationsnetzwerke.
Aus Sicht des Stifterverbandes sollten Hochschulen deshalb leichter auf europäische Förderprogramme zugreifen können. Zugleich sollten Förderverfahren administrativ vereinfacht und Kooperationen mit Unternehmen und weiteren außerwissenschaftlichen Partnern ausgebaut werden. So lassen sich zusätzliche Mittel für Forschung und Innovation mobilisieren, ohne die öffentliche Grundfinanzierung zu ersetzen. Ziel sollte eine Finanzierungsarchitektur sein, die dauerhafte Aufgaben absichert und zugleich Spielraum für neue Forschung, Kooperationen und Innovationen schafft.
Aus Sicht des Stifterverbandes sollte die Landespolitik Hochschulen dabei unterstützen, Wissenschaftsfreiheit nicht nur rechtlich, sondern auch institutionell und praktisch zu sichern. Dazu gehören verlässliche Finanzierung, transparente und wissenschaftsgeleitete Entscheidungsverfahren sowie geeignete Schutz- und Beratungsangebote für Forschende, die politischen Angriffen oder Anfeindungen ausgesetzt sind. Zugleich sollten Hochschulen beim verantwortungsvollen Umgang mit sensiblen Forschungsergebnissen unterstützt werden, ohne Wissenschaftsfreiheit und internationale Zusammenarbeit pauschal einzuschränken.
Wissenschaftliche Karrierewege sollten gemeinsam mit Hochschulprofilen, Personalstrukturen und Finanzierung entwickelt werden. Die Landespolitik kann Zielvereinbarungen und die jährliche Mittelvergabe nutzen, um verbindliche Ziele etwa zu Tenure Track, Dauerstellen und Personalentwicklung zu unterstützen. Dabei sollte sie den Hochschulen als verlässliche Sparringspartnerin zur Seite stehen und Beschäftigungsbedingungen, wissenschaftliche Qualität sowie die gesellschaftliche Rolle der Hochschulen gemeinsam mit ihnen in den Blick nehmen.
Rechtlich abgesicherte Experimentierräume könnten Hochschulen ermöglichen, neue Karriere- und Personalmodelle zeitlich begrenzt zu erproben. Voraussetzung ist die Bereitschaft, erfolgreiche Ansätze anschließend in landespolitische Regelungen zu überführen. Zugleich sollte die Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und weiteren gesellschaftlichen Bereichen durch einen stärkeren Dialog und personellen Austausch verbessert werden.
Innovationsökosysteme durch regionale Orchestrierung stärken
Viele der in den Wahlprogrammen genannten Ansätze, etwa Innovationscluster, Transferstellen, Reallabore, Gründungszentren oder regionale Netzwerke, können ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie aufeinander abgestimmt sind. Entscheidend ist daher, die regionale Orchestrierung weiterzuentwickeln und bestehende Kooperationen und Netzwerke zu stärken. Im Mittelpunkt stehen nicht einzelne Transferstellen, sondern regionale Innovationsökosysteme, in denen Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Intermediäre, Kommunen und Zivilgesellschaft zusammenwirken.
Mit dem KAT-Kompetenznetzwerk verfügt Sachsen-Anhalt bereits über ein Bindeglied zwischen den Hochschulen für angewandte Wissenschaften und der regionalen Wirtschaft. Im Vordergrund sollte daher nicht zwingend der Aufbau neuer Einrichtungen stehen, sondern die Weiterentwicklung, Verbindung und langfristige Absicherung bestehender Angebote. Hochschulen sollten Transfer zugleich stärker als dauerhafte Aufgabe neben Forschung und Lehre verankern und Wissen systematisch in Kooperationen, Ausgründungen, IP-Verwertung und praktische Anwendungen überführen.
Privates Kapital ergänzend mobilisieren
Angesichts begrenzter öffentlicher Mittel ist eine stärkere Beteiligung privater Akteure an der Finanzierung von Forschung, Transfer und Gründungsförderung wichtig. Privates Kapital kann öffentliche Finanzierung jedoch nur ergänzen und entbindet den Staat nicht von seiner Verantwortung für verlässliche Rahmenbedingungen und eine tragfähige Grundfinanzierung. Mit der IBG Beteiligungsgesellschaft verfügt Sachsen-Anhalt bereits über ein Instrument zur Bereitstellung von Risikokapital für junge und innovative Unternehmen. Daran anknüpfend stellt sich die Frage, wie öffentliche Beteiligungsmittel zusätzliche private Investitionen mobilisieren und Ausgründungen auch in späteren Entwicklungs- und Wachstumsphasen unterstützen können.
Transfer breiter verstehen
Dabei sollte Transfer nicht auf technologische Produkte und wirtschaftliche Verwertung verengt werden. Entsprechend dem breiten Innovationsbegriff der Regionalen Innovationsstrategie können auch soziale Innovationen, GovTech-Lösungen und Prozessinnovationen zur regionalen Wertschöpfung und zum gesellschaftlichen Nutzen beitragen. Dafür braucht es passende Beratungs-, Förder- und Skalierungsangebote, die auch Gründungsideen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie gemeinwohlorientierte Vorhaben berücksichtigen.
Eine Analyse von Stifterverband und McKinsey zeigt, dass Deutschland zwar über eine breite wissenschaftliche Basis verfügt, Forschung, Erprobung und Anwendung aber noch unzureichend miteinander verbunden sind. Mehr als die Hälfte der 419 untersuchten Hochschulen forscht in Feldern, die auch sicherheits- oder verteidigungsrelevant genutzt werden können. Bei höheren Investitionen und einem besseren Transfer beziffert die Studie das zusätzliche Wertschöpfungspotenzial für Deutschland auf bis zu 22 Milliarden Euro jährlich. Diese bundesweite Schätzung lässt sich nicht unmittelbar auf Sachsen-Anhalt übertragen, verdeutlicht aber die wirtschaftliche Bedeutung eines besser verbundenen Forschungs- und Innovationssystems.
Sachsen-Anhalt kann dabei auf vorhandenen Strukturen aufbauen: Wissenschaftliche Kompetenzen und Hochschulkooperationen in der Cybersicherheit treffen mit der Cyberagentur in Halle auf eine Einrichtung, die Forschung für die innere und äußere Sicherheit beauftragt. Aus Sicht des Stifterverbandes sollten diese Akteure gezielter mit Unternehmen, Sicherheitsbehörden und weiteren öffentlichen Anwendern verbunden werden, damit Forschung, Testfelder, Beschaffung und Anwendung besser ineinandergreifen. Ein inklusiver und partizipativer Diskurs sollte zugleich sicherstellen, dass Sicherheitsinteressen, Wissenschaftsfreiheit, internationale Zusammenarbeit und der Schutz sensiblen Wissens gemeinsam berücksichtigt werden.
Sicherheitsrelevante Forschung, insbesondere die Cybersicherheit, kann damit ein Ansatzpunkt für die künftige Profilbildung Sachsen-Anhalts sein. Voraussetzung ist jedoch, dass ein solcher Schwerpunkt an vorhandene Kompetenzen und Strukturen anknüpft und nicht allein aufgrund seiner aktuellen politischen Bedeutung gesetzt wird.
Der Stifterverband empfiehlt, die Forschungs- und Innovationspolitik stärker auf wenige strategische Schwerpunkte zu konzentrieren. Angesichts begrenzter finanzieller, personeller und institutioneller Ressourcen kommt es weniger darauf an, möglichst viele Zukunftsfelder gleichzeitig zu adressieren, als in ausgewählten Bereichen kritische Masse, internationale Sichtbarkeit und nachhaltige Innovationsdynamik aufzubauen. Priorisierung sollte sich dabei an den spezifischen Stärken des Landes in Wissenschaft, Wirtschaft und Infrastruktur orientieren und in langfristigen, gemeinsam entwickelten Roadmaps verankert werden.
Zugleich sieht der Stifterverband die Hightech Agenda Deutschland (HTAD) als Chance für die Länder, nationale Innovationspolitik aktiv mitzugestalten. Sachsen-Anhalt sollte seine wissenschaftlichen und industriellen Kompetenzen gezielt in die Roadmapping-Prozesse der HTAD einbringen und sich in ausgewählten Schlüsseltechnologien als sichtbarer Partner positionieren. Entscheidend ist dabei nicht die Beteiligung an möglichst vielen Themen, sondern die Übernahme von Verantwortung in den Feldern, in denen das Land besondere Stärken und Entwicklungspotenziale besitzt.
Darüber hinaus sollte Sachsen-Anhalt Innovationspolitik stärker über Landesgrenzen hinweg denken. Nicht jedes Bundesland kann eigenständig in allen Zukunftstechnologien leistungsfähige Innovationsökosysteme aufbauen. Umso wichtiger sind länderübergreifende Kooperationen, gemeinsame Forschungs- und Transferstrukturen sowie eine stärkere Abstimmung bei technologischen Schwerpunktsetzungen. Wettbewerbsfähige Innovationsräume entstehen zunehmend dort, wo Länder ihre jeweiligen Stärken bündeln und komplementäre Profile entwickeln, anstatt parallele Strukturen aufzubauen.
Kontakt
Dr. Pascal Hetze
ist Programmleiter Data & Policy.
T 030 322982-506