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Rafaela Kraus: Wie die Bundeswehr schneller innovieren kann

Es geht eigentlich darum, in der Fertigung sich Lösungen zu überlegen, wie ich sehr schnell skalieren kann. The factory as a service, so könnte man das vielleicht bezeichnen.

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Rafaela Kraus: Wie die Bundeswehr schneller innovieren kann (Video)
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Rafaela Kraus, Professorin für Unternehmens- und Personalführung an der Universität der Bundeswehr München, sieht erhebliche Defizite in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen und industriepolitischen Fragen der sicherheitsrelevanten Forschung. Es fehlen insbesondere Professuren und Institute, die sich mit dem Aufbau eines leistungsfähigen Verteidigungsökosystems beschäftigen. Dabei stellen sich zentrale Fragen: Wie können Beschaffungsprozesse beschleunigt, Produktionskapazitäten im Krisenfall schnell ausgeweitet und neue Technologien wirtschaftlich sinnvoll genutzt werden?

An die Stelle jahrzehntelanger Entwicklungs- und Nutzungsphasen treten immer kürzere Innovationszyklen, angetrieben durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und moderne Fertigungstechnologien. Systeme wie Drohnen entwickeln sich in hoher Geschwindigkeit weiter. Große Lagerbestände sind deshalb wirtschaftlich kaum sinnvoll. Stattdessen müsse die Fähigkeit zur schnellen Skalierung von Produktion selbst zu einer strategischen Kernkompetenz werden. Stichwort: "Factory as a Service".

Während Technologieunternehmen und Forschungseinrichtungen immer schneller neue Lösungen entwickeln, agiert der öffentliche Sektor vergleichsweise langsam – ein Gegensatz zwischen einem "D-Zug" und einer "Schnecke". Um sicherheitspolitisch handlungsfähig zu bleiben, müsse der Staat Wege finden, mit der Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen Schritt zu halten.

Die Ursache sieht Rafaela Kraus allerdings nicht in einem mangelnden Mindset der Beschäftigten, sondern in der bürokratischen Kultur. Starre Hierarchien, feste Dienstwege und risikoaverse Organisationsformen seien die eigentlichen Bremsen. Innovation entstehe nicht durch Appelle an mehr Agilität, sondern durch passende Rahmenbedingungen. Deshalb müsse grundsätzlich hinterfragt werden, wo mehr Handlungsspielräume geschaffen werden können.

Besonderen Handlungsbedarf sieht sie beim Zugang von Start-ups sowie kleinen und mittleren Unternehmen zum Verteidigungsökosystem. Trotz bestehender Initiativen bestehen weiterhin hohe Eintrittsbarrieren. Ohne spürbare Reformen könnten Unternehmen und Investoren das Vertrauen verlieren, weil Prozesse deutlich länger dauern als in anderen Branchen. Deshalb sei jetzt entschlossenes Handeln erforderlich, um Innovationsfähigkeit, Geschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
 
 
Produktion des Videos: Corina Niebuhr, Webclip Medien Berlin

 

Inzwischen ist es aber so, dass alle wirtschaftlichen Themen praktisch weg sind. Dabei gibt es viele Fragestellungen, die die Verteidigungswirtschaft, die Verteidigungsindustrie und auch die Industriepolitik betreffen. In Deutschland gibt es dafür keine Professuren und keine Institute.

Es gibt einige wenige Forschungsinstitute, die sich mit dem Thema Sicherheits- oder Verteidigungspolitik beschäftigen. Aber die eigentliche Frage lautet doch: Wie muss ein industrieller Komplex gestaltet werden, damit wir ein funktionsfähiges Verteidigungsökosystem haben? Dazu ist leider Gottes sehr, sehr wenig da. Das finde ich problematisch, weil wir viele wissenschaftliche Fragen haben, die man sich nicht nur aus der Beratungs- oder Industrieperspektive anschauen sollte. Wie schaffen wir es zum Beispiel, dass das Beschaffungsamt schneller wird? Welche Möglichkeiten haben wir denn tatsächlich? Und wie können wir Produkte so skalieren, dass im Ernstfall große Mengen an Drohnen oder anderen Systemen bereitstehen?

Gleichzeitig muss das ja irgendwo finanziert werden. Wir können ja nicht Fabriken leer stehen lassen und sie nur für den Fall der Fälle bereithalten. Auch die Transformation der Verteidigungsindustrie wirft viele Fragen auf. Ähnlich wie in der Autoindustrie geht es weg von reiner Hardware hin zu Software Defined Defense.

Es gibt extrem viele wirtschaftliche Fragen. Wie lassen sich etwa Advanced Manufacturing oder 3D-Druck wirtschaftlich nutzen? Technisch ist das natürlich super, aber lohnt es sich? In welchen Stückzahlen? Technische Entwicklungen haben immer auch eine wirtschaftliche Seite. Und dafür sind wir sehr schlecht aufgestellt.

In der traditionellen Verteidigungsindustrie wurden Waffensysteme oft über 30 Jahre entwickelt und anschließend 30 oder 40 Jahre genutzt. Jetzt haben wir dagegen sehr kurze Entwicklungszyklen, getrieben durch Digitalisierung, KI und andere digitale Technologien. Gleichzeitig verändert sich auch die Hardware. Es ist eine Illusion zu glauben, eine Drohne brauche nur Software-Updates und könne dann 20 oder 30 Jahre genutzt werden. Auch die Hardware entwickelt sich weiter. Wir haben also kurze Nutzungszyklen und zugleich die Notwendigkeit, diese Systeme in irgendeiner Form bereitzuhalten.

Das passt nicht zusammen. Wir können nicht riesige Bestände aufbauen, sie nach kurzer Zeit verschrotten und dann alles neu kaufen. Stattdessen brauchen wir in der Fertigung Lösungen, mit denen wir sehr schnell skalieren können, ohne ständig große Mengen auf Lager zu halten. Die Fähigkeit, schnell zu skalieren, wird damit selbst zum Produkt. Ich habe dafür einmal das Schlagwort "Factory as a Service" gehört. So könnte man das vielleicht bezeichnen.

Hinzu kommt die geopolitische Herausforderung durch den Konflikt zwischen den USA und China. Ich würde fast von einem Technologiekrieg sprechen: Wer ist schneller bei KI, wer bei Robotik? Auch Europa muss darauf Antworten finden. Die Entwicklung schreitet extrem schnell voran und schlägt sich unmittelbar in der Verteidigung nieder, etwa auf dem Gefechtsfeld in der Ukraine. Drohnen entwickeln sich in sehr kurzen Zeiträumen weiter, und die Abwehrstrategien ziehen nach. Es ist ein fortwährender, sehr schneller Iterationsprozess. Wir müssen diese Geschwindigkeit in Systeme bringen, die von sich aus sehr langsam sind, zum Beispiel in den öffentlichen Sektor. Dort treffen völlig unterschiedliche Geschwindigkeiten aufeinander.

Das gilt für die Technologieentwicklung an Universitäten, noch stärker aber für zivile Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic. Dort erscheint fast täglich ein neues Produkt. Wir erleben eine extreme Beschleunigung. Gleichzeitig wird der öffentliche Sektor durch zunehmende Regulierung und den Wunsch, neue Technologien sofort mit zu regulieren, noch langsamer. Entscheidungen dauern immer länger. Wir haben also einen D-Zug und eine Schnecke. Diesen Konflikt müssen wir auflösen. Denn nur mit Verteidigungs-Start-ups, Universitäten und Forschungseinrichtungen bekommen wir die nötige Geschwindigkeit nicht hin. Wir brauchen auch im öffentlichen Sektor ein neues Tempo.

Es geht nicht ums Mindset. Wir sollten aufhören, den Mitarbeitenden den schwarzen Peter zuzuschieben: Sie hätten das falsche Mindset, müssten schneller und agiler werden und einfach mal innovativ denken. Das funktioniert nicht in einer Kultur, die dem völlig entgegensteht. Wir müssen tiefer ansetzen. Eine solche Kultur fällt nicht vom Himmel, sondern entspricht den Strukturen, die irgendwann aufgebaut wurden: pyramidenartige bürokratische Organisationen, das Ein-Linien-Prinzip, klar festgelegte Dienstwege und sehr unflexible Organisationsstrukturen.

Diese Dinge müssten wir von Grund auf überdenken: Was muss bestehen bleiben, um Willkür zu verhindern und Nachvollziehbarkeit sicherzustellen? Und wo können wir den Mitarbeitenden mehr Freiheit geben, damit sie schneller und agiler arbeiten und Innovation tatsächlich Teil der Kultur wird

Damit meine ich gar nicht einzelne Behörden. In der Öffentlichkeit steht häufig das Beschaffungsamt, das BAAINBw, in der Kritik. Dann heißt es, das Amt sei wahnsinnig langsam, müsse agiler und dynamischer werden und Start-ups besser fördern. Ich persönlich glaube, dass die Menschen dort einen sehr guten Job machen. Dort arbeiten viele kompetente Leute. Trotzdem braucht auch diese Behörde Reformen. Neue gesetzliche Vorgaben allein reichen dafür nicht. Die Möglichkeit, Beschaffung in bestimmten Bereichen zu beschleunigen, ist sicher gut, löst aber aus meiner Sicht nicht das Grundproblem.

Ich würde auch nicht nur das BAAINBw in den Fokus stellen. Viele andere Behörden spielen in diesem Zusammenspiel und in diesem Ökosystem eine Rolle. Ich möchte nicht das ganz große Fass aufmachen. Trotzdem wäre es lohnenswert, sich gerade in der Wissenschaft mit Reformen des öffentlichen Sektors zu beschäftigen. Und zwar nicht nur auf der juristischen Ebene: Welches Gesetz können wir vereinfachen, welche Vorschrift abschaffen? Wir sollten uns vielmehr fragen, wie diese Kultur entstanden ist.

Wir haben extrem risikoaverse Organisationen. Sie vergeben nicht einfach so einen Auftrag an ein junges Unternehmen, weil sie genau wissen, dass das Gesamtsystem damit schlecht umgehen kann. Wenn der Auftrag scheitert, das Unternehmen nicht lieferfähig ist oder das Produkt nicht funktioniert, wird das der Behörde angelastet. Die Presse ist schnell da, und es entsteht ein großer Skandal. Das will man vermeiden. Diese Mechanismen tragen zur Risikoaversion bei. Wenn Behörden und staatliche Organisationen wirklich schneller werden sollen, müssen wir Lösungen für diesen Konflikt finden.

Einerseits bestehen wir zu Recht auf Rechtmäßigkeit, Nachvollziehbarkeit, Transparenz und absoluter Fairness bei der Vergabe. Andererseits wollen wir schnell handeln. Ich glaube nicht, dass sich dieser Konflikt vollständig auflösen lässt. Aber wir müssen Wege finden, zumindest einen tragfähigen Kompromiss zu erreichen.

Handlungsbedarf sehe ich derzeit vor allem beim transparenten Zugang von Start-ups zum Ökosystem der Bundeswehr und der Streitkräfte. Es gibt zwar gute Akteure wie NATO DIANA und bei uns an der Universität den Palladion Defence Accelerator. Der Zugang ist aber noch nicht systematisch und für Start-ups weiterhin mit vielen Hürden verbunden, besonders für Unternehmen, die ganz am Anfang stehen. Sie brauchen mehr Zugang. Das gilt auch für kleine und mittlere Unternehmen, die es vielleicht schon länger gibt und die gerade im Bereich Manufacturing interessante Lösungen anbieten könnten. Auch sie finden nur schwer in das Ökosystem.

Wenn wir nicht schnell handeln, werden viele ernüchtert sein, auch die Investoren. Alles dauert länger, als man es aus anderen Branchen gewohnt ist. Vielleicht wurden zu hohe Erwartungen geweckt, die sich am Ende nicht erfüllen lassen. Man muss wirklich handeln.
 

Das Transkript wurde zwecks Lesefreundlichkeit geglättet.

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