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Benjamin Wolba: Warum Europa mehr Defense Tech braucht

"Ich glaube, dass wir als Europa eine Antwort finden müssen, wie wir mit diesen Bedrohungen umgehen. Ich glaube, dass unsere Antwort sein muss, wirklich Hunderte, Tausende neue Leute zu finden, die Bock haben, diese Herausforderung anzugehen."

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Benjamin Wolba, Mitgründer des European Defense Tech Hub (EDTH), plädiert für einen grundlegenden Wandel im Umgang Europas mit Verteidigungstechnologien. Angesichts des Krieges in der Ukraine sei deutlich geworden, welche zentrale Rolle moderne Technologien, insbesondere Drohnen, auf dem Schlachtfeld spielen. Russland investiere massiv in deren industrielle Produktion und schaffe damit ein erhebliches Bedrohungspotenzial. Europa dürfe deshalb nicht allein auf Verteidigungsministerien, Militär oder etablierte Rüstungsunternehmen setzen. Stattdessen brauche es engagierte Gründerinnen, Entwickler und Ingenieure, die neue Lösungen entwickeln und innovative Unternehmen aufbauen.

Aus dieser Überzeugung heraus wurde Wolba zum Co-Gründer des European Defense Tech Hubs. Den Anstoß gab die Beobachtung, dass es in Europa zwar IT-Hackathons, aber kaum vergleichbare Formate für den Verteidigungsbereich gab. Der erste European Defense Tech Hackathon im Juni 2024 stieß trotz fehlender Erfahrung und ohne etablierte Marke auf große Resonanz. Besonders beeindruckt zeigte sich Wolba davon, dass viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Ideen nach dem Event weiterverfolgten und Unterstützung bei Investoren, Militärkontakten und der Unternehmensgründung suchten. Daraus entstand die Vision, nicht nur einzelne Veranstaltungen auszurichten, sondern einen strukturierten Einstieg in die Defense-Tech-Branche zu schaffen.

Die Hackathons richten sich vor allem an Berufserfahrene, die beispielsweise aus anderen Technologiebereichen kommen und ihr Wissen in den Verteidigungssektor einbringen möchten. Der EDTH schließt dabei eine wichtige Lücke: Während bestehende Programme meist erst Teams mit fertigen Prototypen fördern, unterstützt das Netzwerk Menschen bereits auf den ersten Schritten von der Idee bis zur Gründung.

Als besondere Herausforderungen nennt Wolba den Zugang zu militärischen Anwendern, die Testmöglichkeiten für neue Technologien sowie die Finanzierung und Beschaffung. Erfolgreiche Defense-Tech-Entwicklung erfordere ein tiefes Verständnis der tatsächlichen Einsatzrealität. Technologie allein sei wertlos, wenn die dahinterliegenden Taktiken nicht verstanden würden. Zudem fehlten in Europa oft die notwendigen Aufträge für innovative Systeme wie Drohnen oder Kommunikationsnetzwerke.

Als Vorbild verweist Wolba auf die Ukraine. Dort existiere ein direkter Feedback-Loop zwischen Soldaten und Entwicklern, wodurch neue Lösungen schnell getestet, verbessert und beschafft werden könnten. Europa müsse deutlich agiler werden und bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit vielversprechende Start-ups nicht in die USA abwandern oder sich ausschließlich am ukrainischen Markt orientieren.

Neben dem Verteidigungsbereich engagiert sich Wolba inzwischen auch für zivile Resilienz. Mit dem European Civil Resilience Network (EUCIV) wurde eine Schwesterorganisation des EDTH gegründet, die sich auf den zivilen Einsatz ähnlicher Technologien konzentriert, etwa bei Feuerwehr, Katastrophenschutz oder Krisenhilfe. Seine zentrale Botschaft lautet: Jeder könne einen Beitrag leisten. Man müsse nicht Teil des Militärs sein, um die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit Europas aktiv mitzugestalten.
 
Produktion des Videos: Corina Niebuhr, Webclip Medien Berlin

 

Auch wenn ich als Physiker persönlich sehr viele andere Interessen habe, mich vielleicht auch lieber mit Halbleiterchips oder Quantum Computing beschäftigen würde, sehe ich doch, wie wichtig Defense Tech ist. Ich glaube, was es braucht, sind Leute, die einfach mal anpacken, die wirklich Dinge machen.

Die meisten Informationen sind klassifiziert, und man bekommt sie nicht einfach. Gleichzeitig posten Soldaten extrem viel in sozialen Netzwerken, auf Telegram und in Messengern. Eines unserer mittlerweile erfolgreichsten Hackathon-Projekte heißt Lancelot Systems. Sie haben auf russischen Telegram-Kanälen diese Daten zusammengesammelt und aufbereitet und damit Material geschaffen, das wir nutzen können, um zu verstehen, mit welcher Taktik und Technologie Russland den Krieg in der Ukraine führt und wie wir uns natürlich auch dagegen verteidigen könnten. Wir können stolz sagen, dass Lancelot damit sehr vielen Projekten in unserem Netzwerk geholfen und auch entsprechende Berichterstattung bekommen hat.

Als ich das erste Mal in die Ukraine gefahren bin und die ganzen Maschinengewehre und Bomben gesehen habe, da ist mir schon anders geworden. Das ist man als Zivilist nicht gewöhnt. Gleichzeitig realisiert man: Okay, was stoppt aktuell gerade die russische Invasion in der Ukraine? Es sind Landminen, es sind Drohnen, die Bomben abwerfen. Es ist zu einem gewissen Teil Artillerie, aber es sind vor allem Drohnen. Und da sieht man, wie wichtig die Entwicklung auch von solchen Waffen ist.

Russland hat das Thema erkannt und investiert wirklich sehr viel in Drohnentechnologie. Es baut auch in Alabuga eine große Fabrik aus, um Shahed-Drohnen herzustellen – nicht mehr nur ein paar oder ein paar Dutzend, sondern wirklich Hunderte, am Ende wirklich Tausende Shahed-Drohnen. Das baut natürlich ein Bedrohungspotenzial auf, das Russland nicht nur gegen die Ukraine, sondern potenziell auch gegen andere unliebsame Nachbarstaaten einsetzen kann. Das Ganze schreitet mit einer Industrialisierung voran, die wir hier eigentlich nur aus der Automobilindustrie kennen.

Ich glaube, dass wir als Europa eine Antwort finden müssen, wie wir mit diesen Bedrohungen umgehen. Und ich denke, dass unsere Antwort nicht sein kann, auf Verteidigungsministerien, etablierte Rüstungsunternehmen und das Militär zu warten. Ich glaube, dass unsere Antwort sein muss, wirklich Hunderte, Tausende neue Leute zu finden, die Bock haben, diese Herausforderung anzugehen und junge, dynamische Firmen zu gründen. Von denen werden natürlich viele scheitern, aufgekauft oder nicht erfolgreich sein. Aber wenn wir es schaffen, eine Handvoll oder zehn neue große Firmen aufzubauen, die neue Fähigkeiten entwickeln, dann haben wir, glaube ich, eine Chance. Und das ist genau das, woran wir über die nächsten zehn Jahre arbeiten müssen.

Mein Co-Founder Jonathan und ich sind mit unserem allerersten European Defense Tech Hackathon gestartet, einfach weil wir dachten: Das ist eine coole Idee. Wir hatten ähnliche Events in den USA und in England gesehen und haben uns gefragt: Warum gibt es so etwas nicht in Europa? Jeder kennt Hackathons aus der IT. Warum gibt es hier keine Defense-Hackathons? Dann haben wir angefangen, unseren ersten European Defense Tech Hackathon zu organisieren. Das war im Juni 2024.

Wir haben dann sehr schnell gesehen, wie viel Resonanz es für das Thema gibt. Wir waren auf der einen Seite sehr früh mit Unternehmen wie Helsing, Quantum Systems und Auterion in Kontakt, auf der anderen Seite auch mit offiziellen Stellen. Wir standen sehr früh mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium, aber auch mit dem Bundeswehr Cyber Innovation Hub und anderen in Kontakt. Bei unserem ersten Event hatten wir 150 Leute vor Ort. Wir hatten keine Brand, wir hatten keine Erfahrung. Wir waren einfach zwei Jungs, die dachten, es sei cool, das für ein Wochenende zu machen.

Aber wir haben vor allem gesehen, wie Leute weitergemacht haben. Zwei Wochen lang nach dem Event haben mich Leute angerufen: "Benjamin, kennst du Investoren? Benjamin, kennst du Leute beim Militär? Benjamin, wir entwickeln diese Idee weiter. Kannst du uns helfen?" Und das war wirklich das, was den Schalter umgelegt hat, wo wir gesagt haben: Okay, das ist nicht nur ein Hackathon, sondern es kann ein strukturierter Weg sein, um Hunderte und Tausende Leute in den Defense-Bereich zu bringen und ihnen zu helfen, selbst Produkte und Firmen zu entwickeln.

Wir sind 2024 mit drei Events gestartet. Letztes Jahr haben wir 20 Events gemacht, komplett privat finanziert und gebootstrapped. Dieses Jahr haben wir allein schon 14 Hackathons gemacht und sind on track, insgesamt 40, 50 Events zu machen.

Bei unseren Hackathons haben wir vor allem Leute Ende 20 bis Mitte 30, die typischerweise schon ein paar Jahre Industrieerfahrung haben. Wir sind natürlich offen für Studenten, aber es ist kein Studenten-Event. Wir haben wirklich die Ambition, Leuten, die zum Beispiel in Climate Tech gearbeitet haben, dabei zu helfen, von der einen Industrie in eine neue Industrie, in Defense Tech, zu wechseln.

Es gibt sehr viele etablierte Programme, sei das NATO DIANA, sei das der EUDIS Business Accelerator, und ganz viele andere Programme, die dir helfen, wenn du schon ein Team und einen Prototypen hast: Wie entwickelst du das weiter? Aber die Frage ist: Wie kommst du überhaupt dahin? Was wir wirklich machen, ist, Leuten zu helfen, von Level minus eins auf null und von null auf eins zu kommen. Dann arbeiten wir mit allen in der Industrie zusammen, um von Level eins auf zehn und von zehn auf zwanzig zu kommen. Und ich glaube, dass das unfassbar wichtig ist.

Es gibt nichts, was aktuell dringender und wichtiger ist und woran wir arbeiten können. Es gibt tatsächlich sehr viele Herausforderungen. Das fängt beim Mindset an: dass man überhaupt merkt, wie wichtig das ganze Thema ist und dass es sich lohnt, an Defense zu arbeiten, gerade wenn wir uns als Demokratie und unsere Werte auch verteidigen wollen. Und es geht weiter mit der Frage: Wie komme ich überhaupt in Kontakt mit Soldaten, die diese Probleme haben? Ich kann mich ja nicht in Berlin in ein Café setzen und mit ihnen einen Kaffee trinken gehen. Sehr häufig bin ich komplett vom Endanwender der Technologie, die ich entwickeln möchte, getrennt. Und ich muss dessen Probleme erst einmal verstehen. Genau deswegen machen wir auch unsere European Defense Tech Hackathons: um diese Leute zusammenzubringen.

Wenn ich dann einen Prototypen habe, wie teste ich den? Ich kann nicht einfach außerhalb von Berlin aufs Feld fahren und meine Drohne einfach so fliegen lassen oder eine Drohnenabwehrsituation simulieren. Ich brauche dafür auf der einen Seite natürlich sehr viel Papierkram. Und auf der anderen Seite brauche ich auch da wieder Feedback von Soldaten: Wie würden diese Drohnen überhaupt im realen Leben eingesetzt werden?

Eines der wichtigsten Learnings aus den letzten zwei Jahren ist, dass die Entwicklung von Defense Tech keinen Wert hat, wenn du die Taktik dahinter nicht verstehst – also wie die Technologie verwendet wird. Und dann natürlich, ich glaube, auch einer der wichtigsten Punkte: Wer bezahlt am Ende dafür? Ich brauche ja nicht nur Investoren, ich brauche am Ende Aufträge. Und woher kommen diese Aufträge? Ein Großteil des Geldes fließt immer noch in etablierte Systeme: Panzer, Flugzeuge, Schiffe. Wo sind die großen Aufträge für Drohnen, für unbemannte Systeme, für Kommunikations- und Mesh-Netzwerke?

Ich glaube, da ist ganz, ganz wichtig, dass wir als Europa sehen: Wir haben zwar sehr viel IP, sehr viel Technologie und sehr viel Know-how, aber auf der einen Seite sitzen die Endanwender gerade in der Ukraine, und auf der anderen Seite ist der weltgrößte Markt für Defense Tech in den USA. Wenn wir kein konkretes Angebot für diese Firmen schaffen, werden sie entweder in die eine oder in die andere Richtung gehen, und wir sitzen quasi in der Mitte und gehen leer aus. Deswegen ist es essenziell, dass wir diese Drohnen-Start-ups und Defense-Tech-Start-ups im Allgemeinen hier halten und dass wir sie eben nicht nur mit Infrastruktur, Events und netten Worten unterstützen, sondern am Ende auch mit ganz klaren Aufträgen.

Wie in der Ukraine das ganze Defense-Thema eines der wichtigsten Themen ist, um das sich nicht nur das Verteidigungsministerium, sondern auch alle anderen Ministerien kümmern, um Initiativen zu launchen. Zum Beispiel gibt es jetzt den von Brave1 ins Leben gerufenen Brave1 Market, auf dem ich – ähnlich wie bei Amazon – Waffen kaufen kann. Auch ukrainische Brigaden haben eigene Budgets und können selbst einkaufen. In dem Sinne: Was auf dem Schlachtfeld funktioniert, wird entsprechend gekauft und mehr beschafft. Es gibt einen Feedback-Loop, den es hier nicht oder zumindest nicht so direkt gibt. Dort sind Systeme entwickelt worden, bei denen es sich für uns in Europa komplett skurril anhören mag, dass ich mir wie auf einem Amazon-Marktplatz Waffen kaufen kann. Aber es funktioniert sehr pragmatisch, sehr schnell und sehr effektiv. Wir sollten uns Gedanken machen: Wie können wir das adaptieren? Nicht, dass sich jeder online einfach so Waffen kaufen kann – das natürlich nicht. Aber wir sollten uns zum Beispiel überlegen: Wie können wir diesen Feedback-Loop herstellen? Wie können wir Soldaten, die Endanwender, mit den Leuten zusammenbringen, die tatsächlich die Technologien entwickeln? Wie können wir Probleme schnell kommunizieren, damit sie behoben werden? Und wie können wir einfach schneller und agiler werden und uns an diese neue Realität anpassen?

Wir haben jetzt eben auch gemerkt, dass sehr viele Leute Interesse am zivilen Bereich haben und dass wir damit noch einmal deutlich mehr Leute ansprechen können, wenn wir uns explizit darauf fokussieren. Dementsprechend haben wir dafür jetzt auch eine Community gelauncht. Wir nennen sie European Civil Resilience Network, kurz EUCIV. Das ist quasi die Schwester-Community zum EDTH. Wenn sich EDTH also wirklich auf Defense und mit vollem Fokus auf Defense konzentriert, gibt es verständlicherweise natürlich auch viele Leute, die aus persönlichen oder moralischen Gründen sagen: "Ich weiß nicht, ob ich mit Gleitbomben und Shaheds zu tun haben möchte." Gleichzeitig wollen sie sich engagieren, mit diesen Technologien arbeiten und am Ende wirklich Impact haben. Sie wollen diese Technologien an den Punkt bringen, an dem sie wirklich Menschenleben retten können – wenn nicht an der Front, dann zum Beispiel nach einem Katastrophenfall.

Wir sehen, dass es am Ende die gleichen Technologien sind – ob sie an der Front von ukrainischen Soldaten verwendet werden oder von der Feuerwehr, die auch Drohnen, Kommunikationsnetzwerke oder andere moderne, unbemannte Systeme braucht, um ihren Job besser machen zu können.

Das ist unglaublich erfüllend, weil wir einfach sehen, dass wir als Zivilisten den Unterschied machen können. Wir müssen nicht Teil des Militärs sein, wir müssen nicht Briefe an das Verteidigungsministerium schreiben. Wir können tatsächlich selbst Dinge machen. Ich glaube, das ist eine der wichtigsten Botschaften, die wir Menschen mitgeben können: Jeder Einzelne von uns kann etwas machen.
 

Das Transkript wurde zur besseren Lesbarkeit sprachlich geglättet.

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