Innovation durch strategische Offenheit

Zukunft des deutschen Wissenschafts- und Innovationssystems

Digitalisierung und Globalisierung ändern die Innovationsparadigmen grundlegend: Geschwindigkeit, plattformbasiertes Arbeiten, Netzwerke sowie – auch als Konsequenz dieser Entwicklung – Formate offener Wissenschaft und Innovation gewinnen an Bedeutung. Ziel dieses Berichts ist eine Analyse des Status quo in Bezug auf offene Wissenschaft und Innovation sowie die Ableitung von Empfehlungen für eine Weiterentwicklung des deutschen Forschungs- und Innovationssystems.

Der Bericht baut dabei auf eine vorangegangene Studie auf, in dem erstmals ein Modell für die strategische Öffnung entwickelt und Wertschöpfungspotenziale entlang der drei Dimensionen der Öffnung – Inklusivität und Kooperation, Zugänglichkeit und Nachnutzung, Transparenz und Überprüfung – aufgezeigt wurden.

Deutschland verfügt gegenwärtig über ein leistungsfähiges und ausdifferenziertes Forschungs- und Innovationssystem, das sich im internationalen Vergleich durch eine außerordentliche Breite an Institutionen auszeichnet. Allerdings zeigt sich, dass sich die Innovationsaktivitäten zu sehr sektoral verengen, auf zu wenige Innovationsakteure verteilen und potenziell produktive Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in zu geringem Maß produktiv genutzt werden. Die Analyse der Politikmaßnahmen in diesem Papier belegt zudem, dass die politischen Instrumente in Deutschland zu wenig auf die Herausforderungen eines digitalen, offenen und vernetzten Forschens und Innovierens zugeschnitten sind. Die deutsche Innovationspolitik benötigt eine Erweiterung ihres methodischen Instrumentariums, um auch im digitalen Zeitalter wettbewerbsfähig zu sein. Daher sind in diesem Bericht Aktivitäten aus den drei gewählten Referenzländern Niederlande, Österreich und Großbritannien aufgeführt, die sich ähnlich wie die Europäische Kommission bereits strategisch der Herausforderung von Öffnungsprozessen gestellt haben.

Auch in Deutschland lassen sich, verstärkt im Zuge der Digitalen Agenda der Bundesregierung zwischen 2014 und 2017, eine Reihe von Initiativen erkennen. Allerdings sind die Initiativen noch zu vereinzelt und zu wenig miteinander durch eine übergreifende politische Strategie verknüpft. Es bedarf der Entwicklung einer Gesamtstrategie für Offenheit gemeinsam mit den wesentlichen Stakeholdern, um Potenziale, Handlungsfelder und Prioritäten zu definieren und damit sowohl vorhandene Spielräume klug zu nutzen als auch neue zu schaffen. Die Förderinstrumente der deutschen Forschungs- und Innovationspolitik unterstützen in zu geringem Maße die Einbindung unüblicher Akteure (wie Crowds, Onlinecommunitys, Lead User, besonders innovative Anwender, die häufig auch in Unternehmen im B2B-Bereich zu finden sind, oder Nutzerorganisationen) in Konsortien; auch hier ist eine Öffnung und Weiterentwicklung der Programme anzuraten. Weiters werden kleine und mittelständische Unternehmen zu wenig dabei unterstützt, an neuen, offenen Innovationspraktiken teilzunehmen und Zugänge zu externem Innovationswissen zu erhalten. Es bedarf einer zielgerichteten Inklusion unüblicher Akteure in die wissenschaftliche und wirtschaftliche Wertschöpfung, nicht ausschließlich, aber vorrangig an den neuralgischen Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Ziel sollte es sein, in allen Dimensionen der Offenheit gezielt solche Praktiken zu fördern, die einen erhöhten sozialen und ökonomischen Nutzen versprechen und die die Wettbewerbsfähigkeit des Innovationsstandorts stärken. Dabei sollten durch die Maßnahmen insbesondere neuartige, unübliche Wissensgeber durch Förderung, Netzwerkbildung und gezielte Regulierung adressiert und Wissenstransfer gefördert werden. Bei der Förderung offener Wissenschafts- und Innovationsaktivitäten sollten gleichzeitig die Risiken (etwa in Bezug auf geistiges Eigentum) klar benannt werden. Öffnung bedeutet nicht, Wettbewerbsvorteile blind aufzugeben, sondern durch kluge, dem digitalen Zeitalter entsprechende Herangehensweisen gezielt neue Wettbewerbsvorteile zu schaffen.

Um die Chancen eines offenen Forschens und Innovierens besser identifizieren zu können, bedarf es zudem einer klaren Wissensbasis. Gegenwärtig ist die existierende Forschungs- und Innovationsindikatorik nur bedingt aussagekräftig im Hinblick auf neuartige Formen des Innovierens. Daher ist eine Ausweitung und Weiterentwicklung unter Einbeziehung von nationalen und internationalen Experten, Pionieren bei der Anwendung offener Methoden, Stakeholdern und unüblichen Akteursgruppen (beispielsweise Nutzern) nötig, um alle Dimensionen von Offenheit im Forschungs- und Innovationssystem durch eine entsprechende Indikatorik abbilden und bei künftigen Evaluationsverfahren berücksichtigen zu können.

Clemens Blümel, Benedikt Fecher, Gertraud Leimüller:
Innovation durch strategische Offenheit
Essen: Edition Stifterverband 2018
32 Seiten

Zitierung der Studie:
Gertraud Leimüller, Clemens Blümel, Benedikt Fecher (2018):
Innovation durch strategische Öffnung
DOI: 10.5281/zenodo.1879801

Die Studie ist unter einer Creative-Commons-Lizenz
vom Typ Namensnennung 4.0 International zugänglich.

Aus dem Inhalt

Gezielte Öffnung von Wissenschaft und Innovation

Europäische und deutsche Perspektive
Strategische Verankerung von Offenheit in Europa
Strategische Offenheit in Deutschland

Handlungsempfehlungen
Entwicklung eines nationalen politischen Handlungsrahmens für strategische Offenheit
Erweiterung des nationalen Forschungs- und Innovationsmonitorings
Einbindung unüblicher Akteure in Forschungs- und Innovationsprojekte
Weiterentwicklung der Transferstrukturen zu Kooperationszentren