Das Potenzial strategischer Öffnung

Zukunft des deutschen Wissenschafts- und Innovationssystems

Die Studie behandelt Wertschöpfungspotenziale im Schnittfeld von Wissenschaft und Wirtschaft in Zeiten der Digitalisierung. Sie zeigt auf, dass durch eine strategische, das heißt zielgerichtete Öffnung des deutschen Forschungs- und Innovationssystems gesamtgesellschaftliche Gewinne und Standortvorteile erzielt werden können. Zur Strukturierung der Wertschöpfungspotenziale schlagen die Autoren ein neuartiges Modell mit drei Dimensionen vor, die jeweils unterschiedliche Praktiken der Öffnung subsumieren und Open Science als auch Open Innovation zusammenführen. Die drei Dimensionen von Offenheit sind:
1) Inklusivität und Kollaboration
2) Zugänglichkeit und Nachnutzung und
3) Transparenz und Überprüfung
Innerhalb dieser Dimensionen identifizieren die Autoren der Studie repräsentative Phänomene und leiten mittels eigener und fremder empirischer Arbeiten ein Bild vom Stand ihrer Ausprägung ab.

 

Inklusivität und Kollaboration

Obgleich die Bedeutung neuartiger digitaler Innovationsplattformen noch nicht statistisch erfasst wird, zeigt sich bereits jetzt, dass innovierende Unternehmen von der Zusammenarbeit mit externen Innovationspartnern profitieren. In Deutschland lässt sich ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen dem Markterfolg mit radikalen Innovationen (Markt- und Sortimentsneuheiten), wie sie im globalen, zunehmend digitalen Wettbewerb besonders gefragt sind, und der Öffnung gegenüber externen Innovationspartnern, feststellen. Quer über alle Branchen unterhalten immerhin 20 Prozent der innovierenden deutschen Unternehmen externe Innovationspartnerschaften. Dabei bestehen große sektoralen Unterschiede: 24 Prozent der produzierenden, innovierenden Unternehmen verfügen über institutionelle Innovationspartner, aber nur 16 Prozent der Dienstleistungsbranchen. Was die Art der Institutionen betrifft, kollaborieren deutsche Unternehmen vor allem mit zwei Gruppen: mit anderen Unternehmen innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette (zum Beispiel mit Kunden, Lieferanten oder Konkurrenten) und mit Forschungseinrichtungen wie Hochschulen und außeruniversitären Forschungsinstitutionen. Bemerkenswert ist, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) wesentlich seltener mit externen Innovationspartnern zusammenarbeiten als große: Nur 14 Prozent der innovierenden Kleinunternehmen gehen Innovationspartnerschaften ein, 27 Prozent der mittleren, jedoch 50 Prozent der Großunternehmen. Eine Ausnahme stellt die Subgruppe wissensintensiver, häufig digital agierender Start-ups dar, bei denen die Integration von Anwender- und Kunden-Feedback essentieller Teil der Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle ist.

 

Zugänglichkeit und Nachnutzung

In dem Jahr 2013 waren knapp mehr als 50 Prozent der wissenschaftlichen Artikel von deutschen Autoren kostenfrei online verfügbar. Damit liegt Deutschland im europäischen Schnitt. Zudem lässt sich global ein steigender Anteil von Open-Access-Publikationen verzeichnen. Während sich im Falle von Artikeln Open Access als dominante Publikationsform zunehmend durchsetzt, liegt dies im Fall des Zugangs zu Forschungsdaten noch in weiter Ferne. Bei einer Befragung von 1.564 vorrangig deutschen Forschern, gaben nur 13 Prozent der befragten Wissenschaftler an, in der Vergangenheit Daten offengelegt haben. Stattdessen zeigt sich hier ein selektives Offenlegungsverhalten: Immerhin 58 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Daten Kollegen zur Verfügung gestellt haben, die sie persönlich kennen. Da Daten auch außerhalb der Wissenschaft einen hohen Nachnutzungswert besitzen, lohnt sich eine gezielte Förderung der Verfügbarmachung, vorrangig durch die Steigerung der formalen Anerkennung von Datenpublikationen, weitere Investitionen in öffentliche Forschungsinfrastrukturen (für Daten und Artikel) und die gesonderte Förderung von Datenerhebungen.

 

Transparenz und Überprüfung

Im Kontext der steigenden Anzahl von Artikeln und der gehäuften Fälle fehlerhafter Ergebnisse in begutachteten Artikeln, sind Replikationsstudien ein Mittel, um die Qualität und Sicherheit wissenschaftlicher Ergebnisse sicherzustellen. Von allen Artikeln, die zwischen 1974 und 2014 in den Top-50-Zeitschriften der Wirtschaftswissenschaften veröffentlicht wurden, waren gerade einmal 0,1 Prozent Replikationen. Vor allem solche Artikel werden repliziert, die einen hohen wissenschaftlichen Impact – und damit vermutlich auch einen gesellschaftlichen – haben. Das zeigt, dass es eine gesunde Selektion gibt. Diese muss vor dem Hintergrund der hohen Anzahl nicht replizierbarer Ergebnisse in vielen empirischen Disziplinen allerdings gefördert werden, zum Beispiel durch die Förderung großangelegter Replikationsstudien.

 

Insgesamt lässt sich feststellen, dass das deutsche Forschungs- und Innovationssystem in einer Reihe von – klassischen – Innovationsindikatoren überdurchschnittlich abschneidet. Gleichwohl zeigen sich im Innovationssystem einige Probleme, etwa die Versäulung des Forschungssystems (disziplinäre vs. angewandte Exzellenz) oder die geringe Anzahl an Innovationskooperationen bei kleinen und mittelständischen Unternehmen. Nutzt Deutschland das Potenzial strategischer Öffnung und implementiert entsprechende Aktivitäten an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, kann dies zu einer Stärkung des deutschen Forschungs- und Innovationssystems führen. Hierzu ist ein gezieltes Monitoring der deutschen Forschungs- und Innovationsleistung erforderlich, dass auch die Potenziale in den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft (sowie zwischen Wissenschaft und Gesellschaft im allgemeinen) in den Blick nimmt.

Das Potenzial strategischer Öffnung
Edition Stifterverband. Essen 2018
Autoren: Benedikt Fecher, Gertraud Leimüller, Clemens Blümel

Zitierung der Studie:
Fecher, Benedikt; Leimüller, Gertraud; Blümel, Clemens (2018):
Das Potenzial strategischer Öffnung. Stifterverband
DOI: 10.5281/zenodo.1246652

Die Studie ist unter einer Creative-Commons-Lizenz
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