Herr Professor Bornemann, Medien haben berichtet, dass große KI-Unternehmen einige der wichtigsten offenen Fragen der Mathematik lösen konnten. Freut Sie das als Mathematiker?
Das ist schon faszinierend. Aber so, wie es passiert ist, ärgert es mich. Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben: Es gab hierzu auch einen Aufschrei in internationalen Fachkreisen der wissenschaftlichen Mathematik. Weil wir gesehen haben, dass OpenAI oder Anthropic diese gelösten mathematischen Probleme sehr publikumswirksam wie Trophäen an die Wand nageln. Sie tun das, so unser Eindruck, um verhältnismäßig billig für sich zu werben.
Auf der anderen Seite kann die öffentliche Hand ähnlich hohe Investments in entsprechende generative Künstliche Intelligenz sicher nur schwer realisieren.
Das stimmt. Und all das hat Auswirkungen auf unser Fach, bis hin zur Lehre. Sehr begabte junge Menschen, die eigentlich eine Karriere in der Mathematik anstreben wollten, fragen uns bereits, ob das überhaupt noch Sinn mache.
Sie sorgen sich, dass die Mathematik die talentierte nachfolgende Generation verliert?
Ja, das treibt mich und viele andere gerade um. Es ist zwar schön, dass ich in meiner eigenen Forschung jetzt ein Tool zur Verfügung habe, das viele Dinge beschleunigt, mich produktiver macht. Wenn aber die Anschlussfähigkeit an die nächste Generation verloren geht, dann hat das erhebliche Auswirkungen.
Das klingt nicht gut.
Der Mathematiker und Tech-Gründer David Bessis hat es in den aktuellen Diskussionen mit folgender Überschrift auf den Punkt gebracht, wie ich finde: „AI could destroy mathematics and barely touching it“. KI könne also die wissenschaftliche Forschung in der Mathematik kaputt machen, ohne dass sie überhaupt irgendeinen Beitrag zu diesem Fach geliefert habe.
Das müssen wir im Kontext der Hochschulbildung ganz aufmerksam für alle Fächer im Auge behalten. Und ich glaube, da haben einige Kolleginnen und Kollegen recht, wenn sie die Mathematik als Kanarienvogel in der Goldmine bezeichnen.