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Zukunftsmission Bildung · KI Skills

Verantwortung ist die Kompetenz der Zukunft

Illustration Sylvia Heuchemer
Sylvia Heuchemer (Illustration: Graphorama, Foto: Thilo Schmülgen, TH Köln)

Welche Fähigkeiten werden in einer Welt wichtig, in der Künstliche Intelligenz unseren Alltag, unsere Arbeit und unsere Bildung immer stärker prägt? Darüber wird viel diskutiert. Doch oft bleiben die Antworten abstrakt. In unserer Reihe Der Zukunftsfragebogen rücken wir deshalb den persönlichen Blick in den Mittelpunkt. Wir stellen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft immer dieselben Fragen – und erhalten überraschend unterschiedliche Antworten.

Sylvia Heuchemer ist seit Mai 2024 Präsidentin der Technischen Hochschule Köln und die erste Frau an der Spitze der Hochschule. Sie studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg, wo sie 2003 promovierte. Nach beruflichen Stationen bei der Deutschen Bundesbank und an der Universität Freiburg wurde sie 2003 als Professorin für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Empirische Wirtschaftsforschung an die heutige TH Köln berufen.

Illustration mit Studierenden an einem gemeinsamen Projekt
lllustration: KI-generiert
Gestalten braucht Urteilskraft und Fachwissen

DER ZUKUNFTSFRAGEBOGEN MIT: SYLVIA HEUCHEMER

 

Stellen Sie sich vor, Sie sind 18. Mit Ihrem heutigen Wissen: Wohin würden Sie beruflich gehen – und was lassen Sie bewusst bleiben?
Wenn ich mein heutiges Wissen in die Vergangenheit mitnehmen könnte, würde ich mich vermutlich stärker in Richtung Entwicklungszusammenarbeit orientieren. Mich reizt daran, über unterschiedliche kulturelle und fachliche Perspektiven hinweg zusammenzuarbeiten und dabei etwas bewirken zu können. Ein Umfeld wie das Institute for Natural Resources Technology and Management an der TH Köln, das international zu Fragen des nachhaltigen Ressourcenmanagements arbeitet, wäre dafür ein Beispiel.

Bewusst bleiben lassen würde ich auch den Versuch, möglichst früh einen festen Karriereplan zu entwerfen. Den hatte ich mit 18 auch nicht, und rückblickend war diese Offenheit eine Stärke. Viele der Aufgaben, die für mich später wichtig wurden, hätte ich mir damals überhaupt nicht vorstellen können. Ich würde mich deshalb auch heute davon leiten lassen, was mich wirklich interessiert, wo ich mich entwickeln kann und wo ich das Gefühl habe, einen sinnvollen Beitrag leisten zu können.

Welche Fähigkeit wird in den nächsten fünf Jahren über beruflichen Erfolg entscheiden -- und welche in 15 Jahren?
In den nächsten fünf Jahren halte ich Urteilskraft für zentral. Wir werden mit immer leistungsfähigeren KI-Systemen und immer schnelleren Veränderungen umgehen müssen. Hier wird die Fähigkeit wesentlich, unterscheiden zu können, was belastbar ist, welche Perspektiven fehlen und wo das eigene Urteil gefragt bleibt.

In 15 Jahren wird Gestaltungsfähigkeit stärker in den Vordergrund rücken. Je stärker sich Technologien, Arbeitswelt und Gesellschaft verändern, desto wichtiger wird es zu wissen, wofür man steht und an welchen Werten man sein Handeln ausrichtet. Denn nicht alles, was technisch möglich oder wirtschaftlich sinnvoll erscheint, ist auch gesellschaftlich wünschenswert. Da wird es nicht reichen, mit Veränderungen Schritt zu halten. Wir müssen selbst Richtung geben. Dafür benötigen wir Wissen und neue Ideen, aber auch Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für die eigene Arbeit, sondern auch für die Entwicklungen, die wir durch unser Handeln mitprägen.

 

„Es wird nicht reichen, mit Veränderungen Schritt zu halten. Wir müssen selbst Richtung geben. Dafür benötigen wir Wissen und neue Ideen, aber auch Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.“

Porträt Sylvia Heuchemer
Sylvia Heuchemer (Foto: Costa Belibasakis)
Sylvia Heuchemer
Präsidentin der Technischen Hochschule Köln

Was wünschen Sie sich, wie unsere Bildungssysteme oder Unternehmen mit dem Thema Future Skills umgehen sollten – und warum ist der Stifterverband hier ein wichtiger Partner?
Es gibt inzwischen hilfreiche Strategien für Future Skills, die einen gemeinsamen Bezugsrahmen schaffen und eine gemeinsame Sprache ermöglichen. Das allein reicht jedoch nicht. Vor allem müssen wir entlang der gesamten Bildungskette konkrete Lernsituationen schaffen, in denen Menschen diese Fähigkeiten entwickeln können, indem sie offene Fragen bearbeiten, Perspektiven zusammenbringen und aus Erfahrungen lernen.

Gerade weil wir nicht wissen, was künftig gefragt sein wird, muss Lernen ein Leben lang möglich bleiben. Und dieses Lernen braucht Begleitung durch Mentorinnen und Mentoren, Lehr- oder Führungskräfte, die Orientierung geben und Reflexion ermöglichen, ohne einen bestimmten Weg vorzugeben.

Der Stifterverband ist hier ein wichtiger Partner, weil er Perspektiven aus Hochschulen, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenbringt und wichtige Themen früh aufgreift. Besonders wertvoll ist, dass er zugleich Möglichkeiten schafft, neue Ansätze zu erproben und Erfahrungen zu teilen.

KI ist in aller Munde. Was sind für Sie persönlich die entscheidenden Skills, um KI nicht nur zu nutzen, sondern damit wirklich besser zu werden?
Für mich liegt ein großer Wert von KI darin, sie als Sparringspartner für das eigene Denken zu nutzen. Das funktioniert aber nur, wenn ich selbst weiß, worüber ich spreche und was ich erreichen will. Ich brauche fachliches Wissen, eigene Fragen und eine Vorstellung davon, wie eine gute Lösung aussehen könnte. Erst dann kann ich Vorschläge einordnen und der KI auch widersprechen.

Wirklich besser werde ich durch KI also vor allem dann, wenn ich sie bitte, meine eigenen Gedanken zu prüfen, andere Perspektiven einzubeziehen und mir Ideen vorzuschlagen, auf die ich allein vielleicht nicht gekommen wäre. Dabei muss mir allerdings immer bewusst sein, dass auch KI keinen neutralen Blick auf die Welt bietet.

Dazu gehört für mich auch, bewusst zu entscheiden, was ich an KI delegiere. Nur weil sie etwas übernehmen kann, muss es nicht sinnvoll sein, es aus der Hand zu geben. Viele Aufgaben gewinnen gerade dadurch an Qualität, dass man selbst nachdenkt, abwägt und mit anderen ins Gespräch geht.

 

„Auch KI bietet keinen neutralen Blick auf die Welt.“

Sylvia Heuchemer
Volkswirtin

Was würden Sie jungen Menschen (oder Studierenden) raten: Woran sollten sie heute arbeiten, das in keinem Zeugnis steht – aber ihre Zukunft prägt?
Ich würde jungen Menschen raten, sich selbst ehrlich zu beobachten: Was kann ich gut? Was fällt mir schwer? Woran habe ich wirklich Freude? Und was ist mir wichtig? Das mag selbstverständlich klingen, aber solche Fragen werden durch kein Zeugnis beantwortet, obwohl sie für viele Entscheidungen vielleicht sogar relevanter sind als Noten oder Abschlüsse. Dabei würde ich eher versuchen, die eigenen Stärken weiterzuentwickeln, als sehr viel Energie darauf zu verwenden, jede vermeintliche Schwäche auszugleichen.

Zugleich würde ich das Bild, das ich von mir selbst habe, nie für endgültig halten. Menschen verändern sich, Interessen entwickeln sich weiter und manchmal entdecken andere Fähigkeiten in uns, die wir selbst noch gar nicht gesehen haben. Sich selbst gut zu kennen, bedeutet nicht, sich für immer auf das festzulegen, was man heute über sich weiß. Es bedeutet auch, sich selbst treu zu bleiben und dabei offen für Veränderungen zu sein.

Zukunftsmission Bildung

 Zukunftsmission Bildung: Die Allianz für Future Skills (Video)

Transformationsprozesse wie die Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Arbeits- und Lebenswelt erfordern Kompetenzen, deren Erwerb an unseren Hochschulen und Bildungseinrichtungen noch nicht ausreichend ermöglicht wird. Die Zukunftsmission Bildung des Stifterverbandes hat deshalb die Allianz für Future Skills gestartet - mit dem Ziel, dass sich der Anteil der Hochschulen, die KI-Kompetenzen und Future Skills fest in ihr Bildungsangebot aufnehmen, signifikant erhöht.

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