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Future Skills · KI Skills

Schnellere Antworten, schwierigere Entscheidungen

Porträt Christina Zitzmann
Foto: Thomas Riese

Welche Fähigkeiten werden in einer Welt wichtig, in der Künstliche Intelligenz unseren Alltag, unsere Arbeit und unsere Bildung immer stärker prägt? Darüber wird viel diskutiert. Doch oft bleiben die Antworten abstrakt. In unserer Reihe „Der Zukunftsfragebogen“ rücken wir deshalb den persönlichen Blick in den Mittelpunkt. Wir stellen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft immer dieselben Fragen – und erhalten überraschend unterschiedliche Antworten.

Christina Zitzmann ist seit 2013 Professorin für Soziale Arbeit und seit 2020 Vizepräsidentin für Bildung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Sie verantwortet die strategische Weiterentwicklung von Studium, Lehre und Weiterbildung mit einem Fokus auf Innovationen der digitalen Lehre sowie der Weiterentwicklung moderner Hochschuldidaktik. Zudem ist sie Mitglied in verschiedenen Ausschüssen, darunter das Forschungs- und Innovationslabor Digitale Lehre und die Virtuelle Hochschule Bayern, in welchen sie aktiv an Zukunftsthemen arbeitet.

Intensive Gruppenarbeit an der Hochschule
Illustration: KI-generiert
Digitale Systeme bieten Optionen, bleiben aber dem menschlichen Urteil untergeordnet.

DER ZUKUNFTSFRAGEBOGEN: CHRISTINA ZITZMANN

 

Stellen Sie sich vor, Sie sind 18. Mit Ihrem heutigen Wissen: Wohin würden Sie beruflich gehen – und was lassen Sie bewusst bleiben?
Mit 18 würde ich mich zunächst fragen: Wofür brenne ich? Wo kann ich Verantwortung übernehmen und wirklich etwas bewegen? Wie schwierig es sein kann, darauf eine Antwort zu finden, erlebe ich gerade bei meinem 18-jährigen Sohn. Dabei wird mir noch einmal bewusst, wie viel Offenheit diese Lebensphase braucht. Mit meinem heutigen Wissen würde ich mich daher nicht vorschnell auf ein bestimmtes Berufsbild festlegen, sondern unterschiedliche Wege ausprobieren und unbedingt internationale Erfahrungen sammeln. Denn oft zeigen erst neue Perspektiven und ungewohnte Situationen, was wirklich zu einem passt.

Bewusst meiden würde ich einen Beruf, in dem ich vor allem Routinen abarbeite und wenig gestalten kann. Mich würde eine Aufgabe reizen, die Sinn, Verantwortung und Freiraum miteinander verbindet – auch wenn sie sich nicht sofort in eine bekannte Berufsbezeichnung übersetzen lässt. Und ich würde mich nicht vorschnell von Aussagen wie „Das ist nichts für dich“ entmutigen lassen. Einige der spannendsten Wege haben sich für mich gerade dann eröffnet, wenn ich mich nicht von den Vorstellungen anderer begrenzen ließ.

„Ich werde skeptisch, sobald Future Skills wie eine Einkaufsliste klingen.“

Christina Zitzmann
Professorin für Soziale Arbeit, TH Nürnberg

Welche Fähigkeit wird in den nächsten fünf Jahren über beruflichen Erfolg entscheiden – und welche in 15 Jahren?
Nach meiner Erfahrung hängt beruflicher Erfolg nie nur von einer einzelnen Fähigkeit ab. Wenn ich dennoch zuspitzen soll, würde ich mit Blick auf unsere Absolventinnen und Absolventen sagen: In den nächsten fünf Jahren wird entscheidend sein, KI nicht nur zu nutzen, sondern sie klug in das eigene Arbeiten zu integrieren.

Dazu gehört, sich ein persönliches Netzwerk aus spezialisierten KI-Werkzeugen und Assistenzsystemen aufzubauen. Das beschleunigt Arbeitsschritte und ermöglicht eine enorme Skalierung. Besser werden die Ergebnisse dadurch jedoch nicht automatisch, denn KI gibt keine Richtung vor. Darin liegt ein Spannungsfeld: Je schneller Systeme Ergebnisse erzeugen, Empfehlungen aussprechen oder Handlungen anstoßen, desto wichtiger wird die Fähigkeit, bewusst innezuhalten und ein begründetes Handlungsurteil zu fällen: Trägt die Empfehlung im konkreten Fall, und welche Folgen hätte ihre Umsetzung?

Was in fünfzehn Jahren beruflich gefragt sein wird, kann heute niemand seriös vorhersagen. Wir wissen nicht einmal, welche Berufsbilder dann noch in vergleichbarer Form existieren werden. Ich glaube aber: Erfolgreich werden diejenigen sein, die lernen, bevor sie lernen müssen – die Veränderungen früh wahrnehmen, neugierig bleiben und sich immer wieder neues Wissen und neue Fähigkeiten erschließen.

Was wünschen Sie sich, wie unsere Bildungssysteme oder Unternehmen mit dem Thema Future Skills umgehen sollten – und warum ist der Stifterverband hier ein wichtiger Partner?
Ich werde skeptisch, sobald Future Skills wie eine Einkaufsliste klingen: etwas Kreativität, etwas Kollaboration und noch eine Portion KI-Kompetenz. So funktioniert Bildung nicht. Wir können heute nicht verlässlich festlegen, welche einzelnen Fähigkeiten zukünftig gefragt sein werden.

Für mich geht es deshalb um ein größeres Bildungsziel: um das, was der Wissenschaftsrat als intellektuelle Souveränität bezeichnet – Informationen einordnen, Widersprüche aushalten, selbstständig urteilen und Verantwortung übernehmen. Gerade wenn KI in Sekundenschnelle überzeugende Antworten liefert, wird diese Fähigkeit immer wichtiger.

Dafür reicht kein zusätzliches Modul. Bildungssysteme und Unternehmen müssen Lernräume schaffen, in denen Menschen ausprobieren, scheitern, reflektieren, fachliche Grenzen überschreiten und an realen Herausforderungen wachsen können. Der Stifterverband ist dabei ein wichtiger Partner, weil er nicht nur Themen auf die Tagesordnung setzt, sondern unterschiedliche Akteure zusammenbringt und dabei unterstützt, aus Debatten und Ideen konkrete Veränderungsprozesse entstehen zu lassen.

„KI kann meine Sicht irritieren, erweitern und schärfen – abnehmen darf sie mir das Denken nicht.“

Christina Zitzmann
Foto: Thomas Riese
Christina Zitzmann
Vizepräsidentin für Bildung, TH Nürnberg
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KI ist in aller Munde. Was sind für Sie persönlich die entscheidenden Skills, um KI nicht nur zu nutzen, sondern damit wirklich besser zu werden?
Ich nutze KI inzwischen fast täglich – ganz pragmatisch beim Schreiben von Grußworten, aber auch bei anspruchsvolleren Vorhaben, aktuell etwa bei der Entwicklung einer zentralen Moduldatenbank, die Modulinhalte und Lernziele hochschulweit vergleichbar machen soll.

Entscheidend ist für mich dabei nicht nur, KI souverän zu nutzen, sondern auch die eigenen Denk- und Entscheidungsmuster im Umgang mit ihren Ergebnissen zu erkennen. Der Automation Bias kann dazu führen, dass wir maschinell erzeugte Ergebnisse vorschnell für objektiver und richtiger halten. Zugleich verleitet uns der Action Bias dazu, einer Antwort schon deshalb zu folgen, weil sie sofort verfügbar ist und unmittelbares Handeln ermöglicht. Eine wichtige Kompetenz besteht für mich deshalb darin, diese Impulse bei mir selbst wahrzunehmen, bewusst innezuhalten und auch einer plausibel klingenden Empfehlung widersprechen zu können.

Dafür brauche ich Problemklarheit, Fachwissen, Urteilskraft und eine gesunde Skepsis gegenüber Antworten, die vor allem deshalb überzeugen, weil sie gut klingen. Ich muss wissen, welches Problem ich lösen will, woran ich Qualität erkenne und welche Folgen eine Entscheidung haben kann. Die wichtigste Fähigkeit ist für mich deshalb, das eigene Denken nicht auszulagern. KI kann meine Sicht irritieren, erweitern und schärfen – abnehmen darf sie mir das Denken nicht. Am Ende entscheide ich und trage die Verantwortung.

Was würden Sie jungen Menschen (oder Studierenden) raten: Woran sollten sie heute arbeiten, das in keinem Zeugnis steht – aber ihre Zukunft prägt?
Ich würde jungen Menschen raten, an etwas zu arbeiten, das sich kaum benoten lässt: Verantwortung zu übernehmen, bevor man sich vollkommen bereit fühlt. Die prägendsten Erfahrungen entstehen oft dort, wo nicht schon vorher feststeht, dass alles gelingt – zum Beispiel im Ehrenamt, bei einem Auslandsaufenthalt oder in einem Projekt, das nur gemeinsam mit anderen funktioniert. Dort lernt man zuzuhören, Konflikte auszuhalten, die eigene Position zu vertreten, Entscheidungen zu treffen und nach einem Fehler weiterzumachen.

Gerade in einer KI-geprägten Welt wird vieles schneller verfügbar und leichter produzierbar. Umso wichtiger wird die Frage: Wofür stehe ich, was will ich beitragen und wie gehe ich mit anderen um? Mein Rat wäre deshalb: Sucht euch Aufgaben, bei denen ihr wirklich gebraucht werdet und etwas bewirken könnt. Solche Erfahrungen hinterlassen vielleicht keine Note im Zeugnis – aber sie prägen die eigene Haltung und oft den gesamten weiteren Weg.

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Allianz für Future Skills

Transformationsprozesse wie die Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Arbeits- und Lebenswelt erfordern Kompetenzen, deren Erwerb an unseren Hochschulen und Bildungseinrichtungen noch nicht ausreichend ermöglicht wird. Die Zukunftsmission Bildung des Stifterverbandes hat deshalb die Allianz für Future Skills gestartet mit dem Ziel, dass sich der Anteil der Hochschulen, die KI-Kompetenzen und Future Skills fest in ihr Bildungsangebot aufnehmen, signifikant erhöht.

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