Herr Professor Kaehlbrandt, der diesjährige Deutschsommer ist gerade zu Ende gegangen. Was war Ihr persönliches Aha-Erlebnis?
Ich fand es sehr anspornend, als einige Kinder nach den drei Wochen gesagt haben: „Wir wollen jetzt alle Wörter im Deutschen kennen!“ Voller Stolz und Neugier sagten sie es; daran zeigt sich, dass die Kinder den Deutschsommer als eine Art Stipendium ansehen, als ein Privileg. Und dann gibt es noch ein Aha-Erlebnis: Immer, wenn die Schule wieder beginnt, schreiben uns Lehrkräfte, dass ein Kind aus ihrer Klasse nicht mehr wiederzuerkennen sei. Es gehe jetzt aus sich heraus und sei viel selbstbewusster. Das hängt damit zusammen, dass die Kinder bei uns auf der Theaterbühne stehen und dafür Applaus bekommen.
außerschulisches Lernen
„Wir sind eine sehr kooperative Stiftung geworden“
„Wir haben oft Kinder, die zwar Umgangsdeutsch sprechen, aber in der Bildungssprache unsicher sind. Trotz aller ihrer Begabungen werden sie deshalb ihr Leben lang benachteiligt sein. Die Schule kann das nicht allein schaffen.“
Seit 2007 bieten Sie den Deutschsommer in Frankfurt an. Der Beginn kam also nur kurz nach der Gründung Ihrer Stiftung im Jahr 2005.
Ich sprach damals sowohl mit der hessischen Kulturministerin als auch mit dem Leiter des Amts für multikulturelle Angelegenheit in Frankfurt und schlug ihnen vor, dass wir als Stiftung die Initiative ergreifen und ein solches Projekt bei uns aufbauen. Wir fuhren dann gemeinsam nach Bremen, um uns die dortigen Erfahrungen mit einem ähnlichen Konzept anzuschauen.
Sie sprechen vom „Sommercamp“ der Jacobs Foundation. Wie viel konnten Sie damals vom dortigen Ansatz übernehmen?
Wir wussten aus der Evaluation des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: Die explizite Sprachförderung in den Ferien lohnt sich. Der Grundgedanke, Deutsch gezielt zu unterrichten, also auch grammatische Strukturen, aber dies spielerisch zu tun, war für uns entscheidend. Wir haben dieses Fundament dann auf unsere Verhältnisse abgestimmt. Wir haben zum Beispiel eigene Lektüren ausgewählt und didaktisiert aufbereitet. Wir haben die Elemente der Teilhabe gestärkt, indem wir die Kinder einen Kinderrat wählen lassen. Wir haben eine sehr intensive Elternarbeit eingeführt – etwa mit dem Theater, von dem wir schon sprachen: Am Schluss des Deutschsommers bringen wir die Eltern in normalen Zeiten per Bus zu den Veranstaltungsorten, damit sie ihre Kinder auf der Bühne erleben können. Derzeit drehen die Kinder kleine Videofilme mit Theaterszenen, die sie ihren Eltern daheim vorführen. Wir haben ein Vorbereitungswochenende eingeführt, an dem wir alle beteiligten Lehrkräfte trainieren. Fachberater suchen alle Standorte auf und beraten die Lehrerteams. Letztlich ist auch der Name „Deutschsommer“ schnell bekannt und beliebt geworden. Und natürlich haben wir uns damals mit der Jacobs Foundation kurzgeschlossen, dass wir hier in Frankfurt den Staffelstab übernehmen.
Guter Betreuungsschlüssel
Eine Besonderheit Ihres Frankfurter Programms ist, dass Sie dezidiert pädagogische Fachkräfte einsetzen. Wie finden Sie die?
Wir haben ein Assessment-Verfahren entwickelt, mit dem wir uns Fachleute für Deutsch als Zweitsprache aussuchen, um eine hohe Professionalität sicherzustellen. Häufig sind es Lehrerinnen und Lehrer, die das in ihren Ferien machen. Oft sind auch Referendare dabei, die schon eine intensive Schulpraxis haben, und immer wieder auch freie Lehrkräfte mit viel Erfahrung. Das gleiche Auswahlverfahren führen wir übrigens auch für die beteiligten Theaterpädagogen und für die Sozialpädagogen durch.
Wie viele Betreuer brauchen Sie denn?
Wir nehmen üblicherweise 180 Kinder auf, und für die haben wir 47 Pädagogen dabei. Dieser gute Betreuungsschlüssel ist uns wichtig, damit die Kinder während der drei Wochen wirklich in ein Sprachbad eintauchen.
Wie schaffen Sie es denn, die Kinder zur Teilnahme zu bewegen?
Wir setzen auf die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer in den Grundschulen. Sie sprechen die Eltern von Kindern an, bei denen sie der Meinung sind, dass ihnen der Deutschsommer weiterhilft. Das Entscheidende ist es dann, für Akzeptanz bei den Eltern zu sorgen – wir müssen sie ja schließlich davon überzeugen, drei Wochen der Ferien nicht wegzufahren. Wir bieten im Vorfeld Elternabende an, und von den angesprochenen Eltern kommen auch tatsächlich 97 Prozent. Wir gestalten diese Informationsabende sehr schön, da gibt es Theaterelemente, die Pädagogen stellen sich vor; es soll so ansprechend gestaltet sein wie der Deutschsommer selbst ja auch.
Inzwischen haben Sie es geschafft, das ursprünglich auf Frankfurt beschränkte Projekt immer weiter auszubauen …
… wobei das nicht mehr wir als Stiftung machen. Wir selbst konzentrieren uns tatsächlich finanziell und operativ auf Frankfurt.
„Ich finde es bewundernswert, mit welcher Sportlichkeit und welchem Engagement die Fachleute aus dem Ministerium die verschiedenen Standorte aufgebaut haben.“
Gibt es denn über Ihre Kooperation mit dem Land Hessen hinaus viele solcher Anfragen?
Ja, die erreichen uns immer wieder. Das fing schon gleich nach dem Start des Deutschsommers an. Hanau und Offenbach sind zum Beispiel schon seit vielen Jahren dabei. Neulich meldete sich ein Rotary Club aus einer kleineren Stadt, der unseren Deutschsommer gern zusammen mit dem örtlichen Schuldezernat auf die Beine stellen wollte – und es gelang. Wir sind immer gern bereit, Unterstützung zu leisten. Man könnte sagen: Wir sind eine sehr kooperative Stiftung geworden.
Zur Person
Roland Kaehlbrandt ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main (SPTG) und Professor für Sprache und Gesellschaft an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Der promovierte Linguist war Mitglied der Geschäftsleitung bei der Bertelsmann Stiftung und Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung; dort etablierte er mehrere große Projekte zu Integration und Sprachkultur. 2006 wechselte er als Vorstand zur neu gegründeten SPTG.