Die Schulschließungen ab März haben für viel Wirbel gesorgt. Wie lief das bei Ihnen ab?
Wir hatten am Freitagnachmittag erfahren, dass die Schulen ab Montag schließen würden – aus der Presse. In Hessen war der Zeitpunkt besonders ungünstig, weil vier Tage später die Abiturprüfungen anstanden. Ich habe dann das ganze Wochenende durchgearbeitet, dem Kollegium, den Eltern und Schülern geschrieben. Am Montag hatten wir eine Dienstversammlung. Die Kollegen hatten unendlich viele Fragen: wie die Aufgaben an die Schüler verteilt werden, auf welchen Kanälen wir kommunizieren, wie wir die Abiturprüfungen organisieren.
außerschulisches Lernen
„Wenn sich zwei Schulkinder und die Eltern einen Laptop teilen, reicht das nicht aus“
Sie haben also schon vorher digitale Tools genutzt?
Wir hatten eine Medien-AG und auch schon einmal einen Fachtag zur Digitalisierung organisiert – wir waren also nicht völlig unvorbereitet. Aber es ist ein weiter Sprung von „Wir probieren das aus“ zu „Wir müssen das ab sofort für den gesamten Unterricht machen“. Gern hätten wir erst eine Strategie entwickelt, um den Umgang mit digitalen Tools gut zu implementieren und alle dabei mitzunehmen. Aber nun waren wir gezwungen, dass alle das sofort umsetzen.
„Wir mussten von heute auf morgen ein System schaffen, auf das wir nicht vorbereitet waren. “
Und wie haben Sie das geschafft?
Kollegen, die da schon sehr weit waren, haben viel Zeit investiert, um hausinterne Fortbildungen anzubieten. Schwieriger war die digitale Fortbildung der Schüler, weil wir einige nur sehr schwer erreichen konnten. Daran haben wir bis zuletzt gearbeitet. Sollte ein zweiter Lockdown kommen, wäre das wieder eine große Herausforderung.
Was für Pläne haben Sie für diesen Fall?
Eine Möglichkeit sehe ich darin, dass wir diesen Kindern in der Schule Räume zum Arbeiten zur Verfügung stellen. Hier könnten sie auch Geräte ausleihen, die zu Hause vielleicht nicht vorhanden sind. Unsere Sozialarbeiterin kann versuchen, sie zu Hause aufzusuchen. Aber auch mit diesen Ansätzen können wir leider nicht sicher sein, dass wir alle erreichen.
Welche Inhalte sind während des Lockdowns und des damit verbundenen Fernunterrichts auf der Strecke geblieben?
Es wird oft über versäumten Stoff in Mathematik oder Deutsch diskutiert. Aber wirklich gelitten haben die Wertevermittlung und das soziale Miteinander. Das darf man nicht unterschätzen: Schule vermittelt nicht nur Fachinhalte. Deswegen halte ich es für so wichtig, auch sogenannte Nebenfächer zu unterrichten, in denen man politisches Bewusstsein und eine Diskussionskultur entwickelt. Das kann man im Homeschooling leider kaum machen.
Sind in der Krise auch Stärken an Ihrer Schule zutage getreten?
Ja, viele Kolleginnen und Kollegen waren sehr engagiert, das war eine große Freude. So konnten wir gemeinsam pragmatisch Lösungen entwickeln, auch mit unseren geringen technischen Mitteln. Dabei sind viele gute Ideen entstanden, die wir nun zu Konzepten weiterentwickeln wollen.
„Unterricht im Homeschooling kann mehr leisten als nur Arbeitsblätter digital zu verteilen. “
Bildungspolitische Entscheidungen sind in Deutschland Ländersache. Ist das in der Corona-Krise eine Hürde?
Das glaube ich nicht, im Gegenteil. Dezentrale Prozesse laufen oft schneller ab. In zentral verwalteten Staaten wie etwa Frankreich ist der Apparat viel langsamer. Ob die Maßnahmen in jedem Bundesland immer zweckmäßig sind, darüber muss gestritten werden – das ist unsere Demokratie. Aber ich halte es nicht für sinnvoll, wenn alle immer alles gleich machen.
Viele Schulen haben kritisiert, dass Vorgaben nicht umsetzbar waren, zum Beispiel zu Abstandsregeln. Wie könnte das besser laufen?
Es wäre eine große Hilfe, wenn es auf kommunaler Ebene Unterstützung für Schulen gäbe – zum Beispiel eine Einrichtung, die vor Ort mit den Schulleitungen aus den ministeriellen Vorgaben konkrete Einzelmaßnahmen entwickelt. Das muss nicht für jede Schule einzeln geschehen, aber vielleicht für Schulen, die ähnlich strukturiert sind.
Was würde an Ihrer Schule bei einem zweiten Lockdown besser laufen?
Wir wären nun vorbereitet – nicht optimal, aber besser. Wir haben Standards für verschiedene Szenarien entwickelt: Was passiert, wenn einzelne Lehrkräfte vom Präsenzunterricht befreit werden? Was, wenn wir wieder hybriden Unterricht planen müssen? Auch das Schulportal Hessen, die hessische Lernplattform, läuft heute zuverlässiger. Das Land hat viel Arbeit investiert und die Kapazitäten hochgefahren. Zu Beginn des Lockdowns ist das Schulportal oft zusammengebrochen.
Das Deutsche Lehrkräfteforum steht dieses Jahr unter dem Motto „Aus der Krise lernen – Gemeinsam Schule im Wandel gestalten". Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?
Gute Ideen kommen oft von einzelnen Lehrkräften. Das Lehrkräfteforum bietet die Möglichkeit, dass wir uns über solche guten Beispiele informieren und austauschen. Ich wünsche mir, dass viele gute Ideen möglichst weit verbreitet werden.