Open Science und Open Innovation

Neue Indikatoren für die Analyse des Wissenschafts- und Innovationssystems im digitalen Zeitalter

Discussion Paper
Ausgabe 01
 

  • Die Herausforderung der Digitalisierung erfordert die Verbreiterung der Wissensbasis für Entscheider und wissenschaftspolitische Akteure.
  • Zur Abbildung offener Forschungs- und Innovationsprozesse müssen neue Indikatoren entwickelt werden.
  • Dazu gilt es, neue Datenquellen zu erschließen und neue Akteure für die kollaborative Indikatorenentwicklung einzubeziehen.
  • Die Entwicklung neuer Indikatoren benötigt reflexive Indikatorenfolgenabschätzung, um nichtintendierte Konsequenzen abzufedern.

Das Wissenschafts- und Innovationssystem steht vor großen Herausforderungen: Neue Dynamiken und kürzere Innovationszyklen haben zu einer Beschleunigung der Wissensproduktionsprozesse geführt, die zunehmend durch neuartige Akteure, neue Formen des offenen Kollaborierens und neue Formen der digitalen Unterstützung getrieben sind. Um die Chancen und Risiken eines offenen Forschens und Innovierens klarer identifizieren und mögliche Potenziale besser einordnen zu können, bedarf es neuer Impulse für die Erfassung, Analyse und Bewertung von Wissen und Innovation.

Eine der wesentlichen Herausforderungen für die Politik ist der geringe Wissensstand über die Praktiken und Strukturen offener Forschung und Innovation. Dieses Papier befasst sich daher mit der Frage, welche neuen Informationsbedarfe sich durch diese Praktiken und die damit verbundenen forschungs- und technologiepolitischen Chancen für die Forschungs- und Innovationsindikatorik ergeben und auf welche Formen und Kanäle dabei genauer eingegangen werden könnte.

Die Forschungs- und Innovationsindikatorik hat sich seit den 1960er-Jahren stark ausdifferenziert und ist in vielen Ländern fester Bestandteil der strategischen Planung von staatlicher Forschungs- und Technologiepolitik; sie ist aber auch zunehmend Orientierung der unternehmerischen Steuerung von Innovationsaktivitäten geworden. Zu ihren Kernaufgaben gehört es, den Akteuren in Forschung, Politik und Wirtschaft aussagekräftige Kennzahlen über die Strukturen und die Leistungsfähigkeit in Forschung und Innovation zur Verfügung zu stellen. Transnationale Akteure wie die OECD haben sich dabei bemüht, die Erhebung und Erfassung von Forschungs- und Innovationsaktivitäten zu klassifizieren und zu harmonisieren, um international vergleichende Analysen zu ermöglichen. Dabei konzentriert sich die Forschungs- und Innovationsindikatorik auf eine relativ klar begrenzte Anzahl von Indikatoren. Die für die Messung der Leistung von Ländern relevanten Indikatoren beziehen sich dabei vor allem auf spezifischen Output aus Forschung und Innovation, wie etwa Publikationen, Patente und die Markteinführung neuer Produkte.

Im Hinblick auf neue Produktions- und Verwertungslogiken in der Wissenschafts- und Innovationslandschaft stellt sich jedoch die Frage, inwiefern diese Indikatoren den notwendigen Informationsbedarf zur strategischen Planung und Bewertung von Aktivitäten der Forschungs- und Technologiepolitiken noch abdecken. Neue Entwicklungen innerhalb der Wissenschaft wie die stärkere Hinwendung zu problemorientierten Anwendungen, neuartigen und offen zugänglichen Formen der wissenschaftlichen Kommunikation (Blogs, Preprints, online commentaries) machen ein Überdenken der bislang dominierenden Untersuchungseinheiten erforderlich. So wird etwa der herausragende Status der Journal-Publikation als Referenzprodukt der wissenschaftlichen Wissensproduktion im Rahmen von Open Science zunehmend in Frage gestellt.

Stattdessen stellen Initiativen einer offenen Wissenschaft die Bedeutung alternativer Formen wissenschaftlichen Outputs (wie etwa Daten oder Software) stärker in den Vordergrund, wie die Gründung großer und mitgliederstarker Organisationen wie dataCite oder Dryad eindrucksvoll belegt. In welcher Weise diese neuen Datenquellen für die Innovationsindikatorik erschlossen werden können, ist zurzeit jedoch noch unklar.

Zudem ist die stärkere Beteiligung von zivilgesellschaftlichen Akteuren in Forschung und Entwicklung eine neue Herausforderung für die Forschungs- und Innovationsindikatorik, da Kollaborationen mit unüblichen Wissensgebern in der herkömmlichen Innovationsberichterstattung noch kaum abgebildet sind. Die Europäische Kommission hat daher verschiedene Initiativen angestoßen, die zu einer Neuorientierung in der Indikatorenentwicklung geführt hat. Vor diesem Hintergrund ist es Ziel dieses Papiers, einen Aufschlag zur Erweiterung der Forschungs- und Innovationsindikatorik in Deutschland zu bieten, das die Impulse aus vorangegangenen Initiativen ordnet und neue Möglichkeiten zur Erweiterung der Indikatorik diskutiert. Diese Arbeit fokussiert dabei insbesondere auf Indikatoren für Open Science, da dieser Bereich gegenwärtig auch bereits stärker im Hinblick auf potenzielle Metriken beforscht worden ist.

Zunächst werden in dem Paper bestehende Praktiken und Standards der Forschungs- und Innovationsindikatorik in Deutschland skizziert. Vor diesem Hintergrund werden Fehlentwicklungen und Bedarfe der Weiterentwicklung formuliert, die insbesondere mit der Abbildung von Prozessen der Digitalisierung und Öffnung des Forschungs- und Innovationssystems einhergehen. Darauf aufbauend werden Ziele, Probleme und Konstruktionsprinzipien einer neuen Indikatorik formuliert und schließlich beispielhaft einige mögliche Indikatoren skizziert, die den erwähnten Prinzipien Rechnung tragen.

Clemens Blümel:
Open Science und Open Innovation
Discussion Paper
Herausgegeben vom Stifterverband
Erschienen im September 2019

 
Aus dem Inhalt

Forschungs- und Innovationsmonitoring in Deutschland: Status quo
Konturen einer Indikatorik für offene Wissenschaft und Innovation
Indikatoren zur Messung offener Wissenschaft und Innovation
Weiterer Forschungsbedarf zu Grundfragen der Indikatorik für offene Forschung und Innovation
Zusammenfassung und Diskussion