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Zukunftsmission Bildung · KI Skills

Mit KI denken, selbst urteilen

Headerbild mit Claudia de Witt
Illustration: Sven Sedivy Foto: FernUniversität

Welche Fähigkeiten werden in einer Welt wichtig, in der Künstliche Intelligenz unseren Alltag, unsere Arbeit und unsere Bildung immer stärker prägt? Darüber wird viel diskutiert. Doch oft bleiben die Antworten abstrakt. In unserer Reihe „Der Zukunftsfragebogen“ rücken wir deshalb den persönlichen Blick in den Mittelpunkt. Wir stellen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft immer dieselben Fragen – und erhalten überraschend unterschiedliche Antworten.

Dieses Mal antwortet Claudia de Witt. Sie ist seit 2004 Professorin für Bildungstheorie und Medienpädagogik an der FernUniversität in Hagen. Seit April 2025 ist sie dort Prorektorin für Lehre, Studium und Künstliche Intelligenz in Bildungsprozessen. Sie forscht zur digitalen Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen und zum Einsatz von KI in der Hochschulbildung. Außerdem gehört sie der Taskforce „KI in der Hochschulbildung“ des Stifterverbandes an und arbeitet mit dem KI-Campus zusammen.

Illustration: Lernen durch persönlichen Austausch
Empathie, Zuhören, Kommunikation, Teamfähigkeit bleiben wichtige Zukunftskompetenzen (KI-generierte Illustration)

DER ZUKUNFTSFRAGEBOGEN MIT: CLAUDIA DE WITT

 

Stellen Sie sich vor, Sie sind 18 Jahre alt. Mit Ihrem heutigen Wissen: Wohin würden Sie beruflich gehen – und was lassen Sie bewusst bleiben?
Wenn ich heute 18 wäre, würde ich wieder Erziehungs- oder Bildungswissenschaft mit dem Schwerpunkt digitale Medien und Medienpädagogik studieren. Zusätzlich würde ich mich in Informatik und Künstlicher Intelligenz qualifizieren. Die Schnittstelle zwischen Bildungswissenschaft, digitalen Medien und technologischen Innovationen hat mich schon immer gereizt. Hier kann ich pädagogische Kenntnisse und eine Vorstellung von Bildung mit technischem Verständnis verbinden. Diese Kombination wird auch künftig wertvoll sein – in Lebens-, Lern- und Arbeitswelten, die zunehmend von KI unterstützt werden.

Besonders für Menschen, die nicht ausschließlich technisch arbeiten möchten, sondern das Zusammenspiel von Menschen, Technologien und Organisationen spannend finden, sehe ich an dieser Schnittstelle gute berufliche Perspektiven. Eine Spezialisierung auf KI-Anwendungen, KI-Kompetenz und digitales Lernen könnte dieses Profil schärfen. Zusammen mit Projekt- und Veränderungsmanagement eröffnet das vielfältige Möglichkeiten: in Unternehmen, Hochschulen und Bildungseinrichtungen oder in der Bildungstechnologie, dem EdTech-Bereich.

Was würde ich bewusst bleiben lassen? Meine berufliche Laufbahn würde ich wohl nicht auf die Produktion digitaler Lernmaterialien ausrichten. Das scheint mir ein Bereich zu sein, in dem KI viele Aufgaben zunehmend automatisieren kann. Vielversprechender sind Tätigkeiten, in denen ich KI-gestützte Lernsysteme entwickle und umsetze, die in Unternehmen messbar Kompetenzen aufbauen.

Welche Fähigkeit wird in den nächsten fünf Jahren über beruflichen Erfolg entscheiden – und welche in 15 Jahren?
In den nächsten fünf Jahren wird aus meiner Sicht entscheidend sein, wie gut jemand mit KI-Systemen zusammenarbeiten kann. Damit meine ich nicht die reine Bedienung der Technik; sie sollte bis dahin selbstverständlich in den Schulen vermittelt werden. Es geht vor allem um Urteilsvermögen: KI-Ergebnisse einordnen, die unterschiedlichen Stärken von Mensch und Technologie einschätzen und Aufgaben sinnvoll verteilen. Dazu gehört auch, Werteentscheidungen zu treffen, Folgen abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen.

Eine Voraussetzung dafür ist, Risiken einschätzen zu können – etwa bei Hochrisiko-KI im Sinne der KI-Verordnung der Europäischen Union, des EU AI Act. Wer versteht, wie agentische KI zunehmend selbstständig handelt, kann sich am Chancen- und Risikomanagement eines Unternehmens oder einer Institution beteiligen. Eine weitere zentrale Aufgabe wird sein, wahre von falschen Informationen zu unterscheiden.

Welche Fähigkeiten in 15 Jahren über beruflichen Erfolg entscheiden, lässt sich nur mit großer Unsicherheit sagen. Viel hängt davon ab, wie schnell sich die Technologien weiterentwickeln. Einige Kompetenzen sollten wir aber unabhängig davon bewahren und fördern. Dazu gehören gemeinschaftsorientierte Zukunftskompetenzen, die auch das Future-Skills-2030-Framework des Stifterverbandes nennt: Demokratiekompetenz, Verantwortungsübernahme und Beteiligungskompetenz.

„Während wir in den nächsten fünf Jahren lernen, mit KI zu denken, wird langfristig vielleicht entscheidend, zu erkennen, was KI nicht selbst erkennt.“

Claudia de Witt
Claudia de Witt (Foto:FernUniversität)
Claudia de Witt
Professorin für Bildungstheorie und Medienpädagogik

Digitale Zukunftskompetenzen wie Medien-, KI- und Informationskompetenz dürften dann selbstverständlich sein – so wie heute Computer- oder Internetkompetenz. Den Unterschied machen Fähigkeiten, die schwer zu skalieren und zu automatisieren sind: Urteilsfähigkeit in unklaren Situationen, echte zwischenmenschliche Vertrauensbildung, Verantwortung bei Fragen von ethischer, gesellschaftlicher und nachhaltiger Tragweite sowie echte Kreativität und Neugier. Während wir in den nächsten fünf Jahren lernen, mit KI zu denken, wird langfristig vielleicht entscheidend, zu erkennen, was KI nicht selbst erkennt: neue Fragen, Wertentscheidungen und Vertrauen zwischen Menschen.

Erfolgreich dürfte in 15 Jahren deshalb vor allem ein berufliches Profil sein, das technisches KI-Verständnis mit genuin menschlichen Fähigkeiten verbindet: mit ethischem Urteilsvermögen, kreativer Fragestellung und Beziehungsgestaltung.

Was wünschen Sie sich, wie unsere Bildungssysteme oder Unternehmen mit dem Thema Future Skills umgehen sollten – und warum ist der Stifterverband hier ein wichtiger Partner
Ich hätte mir schon früher gewünscht, dass KI-Kompetenzen und Future Skills durchgängig vermittelt werden. Sie gehören von der Schule über die Hochschule bis zur beruflichen Weiterbildung in die Bildungslaufbahn – als fortlaufender Prozess des Ausprobierens und Anpassens.

Dabei muss die Balance zwischen technischen und gemeinschaftsorientierten Kompetenzen erhalten bleiben. Technische KI-Kompetenzen sind leichter messbar und werden deshalb oft bevorzugt vermittelt. Urteilsfähigkeit, ethische Reflexion und Verantwortungsübernahme brauchen aber genauso viel Aufmerksamkeit. Nur so können Menschen KI nicht bloß bedienen, sondern kritisch einordnen. Auch Unternehmen sollten KI-Kompetenzen nicht nur einfordern. Sie müssen Räume zum Ausprobieren schaffen, damit sich kritische Urteilsfähigkeit, Autonomie und Kontrolle über die Technologie entwickeln können.

Gerade für diese Aufgaben ist der Stifterverband ein wichtiger Partner. Er vermittelt zwischen Bildungspolitik und der Arbeitsmarktperspektive der Unternehmen. Er liefert fachlich fundierte Grundlagen, an denen sich Reformen, Förderprogramme und betriebliche Weiterbildungsstrategien im Handlungsfeld KI orientieren können. Und er stößt konkrete Debatten über Zukunftskompetenzen an, die sich in Lehrpläne, Studiengänge und Personalentwicklungsprogramme übersetzen lassen.

KI ist in aller Munde. Was sind für Sie persönlich die entscheidenden Skills, um KI nicht nur zu nutzen, sondern damit wirklich besser zu werden?
Ich verstehe KI-Kompetenz weniger als Beherrschung der Technik. Für mich ist sie eine Frage der Selbstbildung mit und über KI: ein fortlaufender Prozess des Ausprobierens, kritischen Urteilens und verantwortlichen Handelns in einer Welt, die zunehmend von KI mitgestaltet wird. Dieser Prozess verlangt, die Folgen aufmerksam zu beobachten, weiterzulernen und den Mut zu haben, den eigenen Kurs anzupassen.

KI-Nutzung ist für mich keine einmal erlernte Fertigkeit, sondern andauerndes „Probehandeln“. Man probiert aus, beobachtet die Folgen der eigenen Prompts und Entscheidungen und passt sein Vorgehen kontinuierlich und reflektiert an. Dazu braucht es die Bereitschaft, sich immer wieder neu einzulassen, statt einmal Gelerntes nur anzuwenden. Genau das unterscheidet für mich souveräne von oberflächlicher KI-Nutzung.

Damit verbunden ist kritische Urteilsfähigkeit als Kernkompetenz. Man kann KI-Empfehlungen folgen, muss aber im Sinne der eigenen Selbstbestimmung fähig bleiben, durch Zweifel, Reflexion und Kritik zu eigenen Antworten zu kommen. Das heißt konkret: Veränderungen beobachten, ihre Folgen auf der Basis von Daten, Informationen und Austausch einschätzen und daraus konstruktive Entscheidungen ableiten.

Zu diesem selbstverantwortlichen Handeln gehört auch, mit Unsicherheiten und Unwägbarkeiten umzugehen, die durch KI-gestützte Empfehlungen entstehen. Wir sollten diese Unsicherheit nicht vermeiden oder wegautomatisieren wollen. Wer sie aushält und produktiv nutzt, behält die Kontrolle über die eigenen Entscheidungen und vertraut sich nicht einfach der Technologie an.

„Wer Unsicherheit aushält und produktiv nutzt, behält die Kontrolle über die eigenen Entscheidungen.“

Claudia de Witt
Prorektorin für Lehre, Studium und Künstliche Intelligenz in Bildungsprozessen

Was würden Sie jungen Menschen oder Studierenden raten: Woran sollten sie heute arbeiten, das in keinem Zeugnis steht – aber ihre Zukunft prägt?
Ich würde jungen Menschen raten, in sich hineinzuhören: Wo liegen ihre besonderen Interessen? Was machen sie gern? Worin erleben sie sich als stark? Ihr Selbstvertrauen und ihr Wille, selbst gesetzte Ziele zu erreichen, werden ihre Zukunft prägen. Ebenso wichtig ist es, mit Unsicherheit umgehen und sich immer wieder auf Neues einlassen zu können. Das gehört zu einer starken Persönlichkeit.

Dazu kommen Neugier und Lernfähigkeit, vor allem aber Urteilsvermögen und soziale Kompetenz. In einer Welt, in der KI immer mehr Wissen zugänglich macht und viele Aufgaben übernehmen kann, wird es entscheidend sein, selbstständig zu denken, gute Fragen zu stellen, Informationen kritisch zu prüfen und einen eigenen Standpunkt zu finden.

Genauso wichtig bleiben soziale und emotionale Fähigkeiten: Empathie, Zuhören, Kommunikation, Teamfähigkeit und die Fähigkeit, andere Menschen und ihre Perspektiven zu verstehen. Denn auch wenn KI vieles leisten kann, bleiben zwischenmenschliche Beziehungen und gemeinsames Handeln zutiefst menschlich. Entscheidend wird künftig nicht nur sein, was jemand weiß oder welche Qualifikationen im Zeugnis stehen. Es wird vor allem darauf ankommen, sicher zu urteilen, kontinuierlich zu lernen, mit anderen Menschen umzugehen und Verantwortung zu übernehmen.

Zukunftsmission Bildung

Junge, lachende Frau setzt sich eine VR-Brille auf
Allianz für Future Skills

Transformationsprozesse wie die Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Arbeits- und Lebenswelt erfordern Kompetenzen, deren Erwerb an unseren Hochschulen und Bildungseinrichtungen noch nicht ausreichend ermöglicht wird. Die Zukunftsmission Bildung des Stifterverbandes hat deshalb die Allianz für Future Skills gestartet - mit dem Ziel, dass sich der Anteil der Hochschulen, die KI-Kompetenzen und Future Skills fest in ihr Bildungsangebot aufnehmen, signifikant erhöht.

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