Digitale Zukunftskompetenzen wie Medien-, KI- und Informationskompetenz dürften dann selbstverständlich sein – so wie heute Computer- oder Internetkompetenz. Den Unterschied machen Fähigkeiten, die schwer zu skalieren und zu automatisieren sind: Urteilsfähigkeit in unklaren Situationen, echte zwischenmenschliche Vertrauensbildung, Verantwortung bei Fragen von ethischer, gesellschaftlicher und nachhaltiger Tragweite sowie echte Kreativität und Neugier. Während wir in den nächsten fünf Jahren lernen, mit KI zu denken, wird langfristig vielleicht entscheidend, zu erkennen, was KI nicht selbst erkennt: neue Fragen, Wertentscheidungen und Vertrauen zwischen Menschen.
Erfolgreich dürfte in 15 Jahren deshalb vor allem ein berufliches Profil sein, das technisches KI-Verständnis mit genuin menschlichen Fähigkeiten verbindet: mit ethischem Urteilsvermögen, kreativer Fragestellung und Beziehungsgestaltung.
Was wünschen Sie sich, wie unsere Bildungssysteme oder Unternehmen mit dem Thema Future Skills umgehen sollten – und warum ist der Stifterverband hier ein wichtiger Partner
Ich hätte mir schon früher gewünscht, dass KI-Kompetenzen und Future Skills durchgängig vermittelt werden. Sie gehören von der Schule über die Hochschule bis zur beruflichen Weiterbildung in die Bildungslaufbahn – als fortlaufender Prozess des Ausprobierens und Anpassens.
Dabei muss die Balance zwischen technischen und gemeinschaftsorientierten Kompetenzen erhalten bleiben. Technische KI-Kompetenzen sind leichter messbar und werden deshalb oft bevorzugt vermittelt. Urteilsfähigkeit, ethische Reflexion und Verantwortungsübernahme brauchen aber genauso viel Aufmerksamkeit. Nur so können Menschen KI nicht bloß bedienen, sondern kritisch einordnen. Auch Unternehmen sollten KI-Kompetenzen nicht nur einfordern. Sie müssen Räume zum Ausprobieren schaffen, damit sich kritische Urteilsfähigkeit, Autonomie und Kontrolle über die Technologie entwickeln können.
Gerade für diese Aufgaben ist der Stifterverband ein wichtiger Partner. Er vermittelt zwischen Bildungspolitik und der Arbeitsmarktperspektive der Unternehmen. Er liefert fachlich fundierte Grundlagen, an denen sich Reformen, Förderprogramme und betriebliche Weiterbildungsstrategien im Handlungsfeld KI orientieren können. Und er stößt konkrete Debatten über Zukunftskompetenzen an, die sich in Lehrpläne, Studiengänge und Personalentwicklungsprogramme übersetzen lassen.
KI ist in aller Munde. Was sind für Sie persönlich die entscheidenden Skills, um KI nicht nur zu nutzen, sondern damit wirklich besser zu werden?
Ich verstehe KI-Kompetenz weniger als Beherrschung der Technik. Für mich ist sie eine Frage der Selbstbildung mit und über KI: ein fortlaufender Prozess des Ausprobierens, kritischen Urteilens und verantwortlichen Handelns in einer Welt, die zunehmend von KI mitgestaltet wird. Dieser Prozess verlangt, die Folgen aufmerksam zu beobachten, weiterzulernen und den Mut zu haben, den eigenen Kurs anzupassen.
KI-Nutzung ist für mich keine einmal erlernte Fertigkeit, sondern andauerndes „Probehandeln“. Man probiert aus, beobachtet die Folgen der eigenen Prompts und Entscheidungen und passt sein Vorgehen kontinuierlich und reflektiert an. Dazu braucht es die Bereitschaft, sich immer wieder neu einzulassen, statt einmal Gelerntes nur anzuwenden. Genau das unterscheidet für mich souveräne von oberflächlicher KI-Nutzung.
Damit verbunden ist kritische Urteilsfähigkeit als Kernkompetenz. Man kann KI-Empfehlungen folgen, muss aber im Sinne der eigenen Selbstbestimmung fähig bleiben, durch Zweifel, Reflexion und Kritik zu eigenen Antworten zu kommen. Das heißt konkret: Veränderungen beobachten, ihre Folgen auf der Basis von Daten, Informationen und Austausch einschätzen und daraus konstruktive Entscheidungen ableiten.
Zu diesem selbstverantwortlichen Handeln gehört auch, mit Unsicherheiten und Unwägbarkeiten umzugehen, die durch KI-gestützte Empfehlungen entstehen. Wir sollten diese Unsicherheit nicht vermeiden oder wegautomatisieren wollen. Wer sie aushält und produktiv nutzt, behält die Kontrolle über die eigenen Entscheidungen und vertraut sich nicht einfach der Technologie an.