Skip to main content
Meinung

Lehrermangel

Schule neu zu denken, ersetzt keine Lehrkräfte

Bettina Jorzik (Foto: Damian Gorczany)
Bettina Jorzik (Foto: Damian Gorczany)

In der bildungspolitischen Debatte lässt sich derzeit ein bemerkenswertes Phänomen beobachten: die schrittweise Relativierung des Lehrkräftemangels. Die einen erklären ihn zu einem vorübergehenden demografischen Effekt, der sich in absehbarer Zeit von selbst erledigen werde. Die anderen sehen die Antwort vor allem in einer grundlegenden Neuerfindung von Schule – mit multiprofessionellen Teams, die die klassische Rolle der Lehrkraft zunehmend in den Hintergrund treten lassen.

Beide Deutungen sind verführerisch. Beide sind bequem. Doch beide drohen, den Blick auf die Realität zu verstellen, und sind deshalb fahrlässig. Denn die zentrale bildungspolitische Herausforderung bleibt dieselbe: Wir brauchen mehr Lehrkräfte – damit weniger Unterricht ausfällt, damit Schülerinnen und Schüler die Kompetenzen erwerben, die sie für ihre Zukunft brauchen, und damit Bildungserfolg weniger von sozialer Herkunft abhängt.

Der Lehrkräftemangel ist nicht nur ein demografisches Problem

Die Vorstellung, der Mangel werde sich in absehbarer Zeit von selbst auflösen, beruht auf einer trügerischen Hoffnung. Demografische Entwicklungen können den Druck perspektivisch mindern. Der Lehrkräftemangel ist jedoch längst mehr als nur eine Folge der Bevölkerungsentwicklung. Er ist das Ergebnis einer über Jahre unzureichenden Datengrundlage, wiederholt fehleranfälliger Bedarfsprognosen und einer zu kurzsichtigen Personalplanung.

Vor allem aber wird häufig übersehen, dass die Anforderungen an Schule kontinuierlich wachsen. Inklusion, Sprachförderung, Ganztag, Digitalisierung, Demokratiebildung und individuelle Förderung verlangen Zeit, Personal und professionelle Expertise. Selbst dort, wo die Schülerzahlen künftig sinken, folgt daraus keineswegs automatisch ein geringerer Lehrkräftebedarf. Wer Bildungsqualität verbessern will, braucht nicht weniger, sondern mehr pädagogische Ressourcen.

Zur Person

Bettina Jorzik leitet den Programmbereich Hochschullehre, Lehrkräftebildung und MINT sowie die Zukunftsmission Bildung im Stifterverband. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Lehrkräftebildung in Deutschland und hat den Masterplan „Lehrkräftebildung neu gestalten“ initiiert, den der Stifterverband 2023 veröffentlicht hat.

„Der Lehrkräftemangel ist ein Ergebnis einer über Jahre unzureichenden Datengrundlage, wiederholt fehleranfälliger Bedarfsprognosen und einer zu kurzsichtigen Personalplanung.“

Bettina Jorzik

Schule kann nicht auf professionelle Lehrkräfte verzichten

Mindestens ebenso problematisch ist die zweite Erzählung. Sie beginnt mit einer richtigen Beobachtung: Schule ist heute auf die Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen angewiesen. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Sonderpädagogik und viele weitere Bereiche leisten unverzichtbare Beiträge. Gute Schulen entstehen in Teamarbeit. Problematisch wird es dort, wo aus Ergänzung Ersatz werden soll. Die Schlussfolgerung, Lehrkräfte seien letztlich nur eine Profession unter vielen und ihr Fehlen könne durch andere Berufsgruppen kompensiert werden, verkennt den Kern schulischer Bildung.

Weitere Artikel
Illustration des Lehrkräftetrichters von Jens Bonnke
Illustration: Jens Bonnke
Der große Trichter

Überall in Deutschland werden Lehrkräfte an Schulen händeringend gesucht. Die Allianz für Lehrkräfte will gegensteuern. 

Das Foto zeigt zwei Rolltreppen sowie eine Treppe, die über die beiden Rolltreppen führt. Die Rolltreppen laufen gerade aus.  Die moderne aus Metall bestehende Treppe überquert die Rolltreppen, jedoch versetzt im Zickzack.
Foto: iStock.de/Ilbusca
Neue Wege ins Klassenzimmer

Wie man neue Lehrkräfte gewinnen kann - mit einem Quereinstiegsmaster.

Lehrkräfte sind nicht nur Begleiter von Lernprozessen, sie tragen die professionelle Verantwortung für deren Gelingen. Sie planen, gestalten und reflektieren Lernprozesse. Sie diagnostizieren Lernstände, fördern und fordern Schülerinnen und Schüler, bewerten Leistungen und übernehmen Verantwortung für den fachlichen und pädagogischen Erfolg von Unterricht.

Multiprofessionelle Teams können Lehrkräfte entlasten und Schulen stärken. Sie tragen dazu bei, dass Schulen vielfältige Lern- und Lebensorte werden. Sie sind deshalb kein Ersatz, sondern eine notwendige Ergänzung. Denn ebenso wenig, wie ein OP-Team ohne Chirurgin auskommt, kann Schule auf professionell ausgebildete Lehrkräfte verzichten.

Die eigentliche Gefahr liegt daher weniger im Mangel selbst als in seiner Verharmlosung. Wer auf demografische Effekte oder Schulentwicklung als Ersatz für eine konsequente Personalstrategie setzt, verstellt den Blick auf die wichtigste bildungspolitische Aufgabe der kommenden Jahre: mehr Menschen für das Lehramt zu gewinnen, sie erfolgreich durch die Ausbildung zu führen und sie langfristig im Beruf zu halten. Denn für jede Schule gilt: Auf die Lehrkräfte kommt es an.

Der Text erschien zuerst in Bildung.Table. 

 

Zukunftsmission Bildung

Technikunterricht: Lehrerin erklärt etwa ihren Schülern
Foto: iStock/monkeybusinessimages

Gemeinsam mit starken Partnern treibt der Stifterverband in der Zukunftsmission Bildung die Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung voran. Die Allianz für Lehrkräfte sorgt dafür, dass mehr Menschen den Weg in den Lehrberuf finden und mit den richtigen digitalen Kompetenzen ausgestattet werden.

Tauchen Sie tiefer in unsere Insights-Themen ein.
Zu den Insights
Back to top