In der bildungspolitischen Debatte lässt sich derzeit ein bemerkenswertes Phänomen beobachten: die schrittweise Relativierung des Lehrkräftemangels. Die einen erklären ihn zu einem vorübergehenden demografischen Effekt, der sich in absehbarer Zeit von selbst erledigen werde. Die anderen sehen die Antwort vor allem in einer grundlegenden Neuerfindung von Schule – mit multiprofessionellen Teams, die die klassische Rolle der Lehrkraft zunehmend in den Hintergrund treten lassen.
Beide Deutungen sind verführerisch. Beide sind bequem. Doch beide drohen, den Blick auf die Realität zu verstellen, und sind deshalb fahrlässig. Denn die zentrale bildungspolitische Herausforderung bleibt dieselbe: Wir brauchen mehr Lehrkräfte – damit weniger Unterricht ausfällt, damit Schülerinnen und Schüler die Kompetenzen erwerben, die sie für ihre Zukunft brauchen, und damit Bildungserfolg weniger von sozialer Herkunft abhängt.
Lehrermangel
Schule neu zu denken, ersetzt keine Lehrkräfte
Die Umstellung auf Lernbegleitung mit multiprofessionellen Teams könnte den Bedarf an Lehrkräften senken – eine verführerische und gefährliche Illusion, schreibt Bettina Jorzik vom Stifterverband in ihrem Standpunkt. Warum es langfristig viele Neueinstellungen braucht.
„Der Lehrkräftemangel ist ein Ergebnis einer über Jahre unzureichenden Datengrundlage, wiederholt fehleranfälliger Bedarfsprognosen und einer zu kurzsichtigen Personalplanung.“
Schule kann nicht auf professionelle Lehrkräfte verzichten
Mindestens ebenso problematisch ist die zweite Erzählung. Sie beginnt mit einer richtigen Beobachtung: Schule ist heute auf die Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen angewiesen. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Sonderpädagogik und viele weitere Bereiche leisten unverzichtbare Beiträge. Gute Schulen entstehen in Teamarbeit. Problematisch wird es dort, wo aus Ergänzung Ersatz werden soll. Die Schlussfolgerung, Lehrkräfte seien letztlich nur eine Profession unter vielen und ihr Fehlen könne durch andere Berufsgruppen kompensiert werden, verkennt den Kern schulischer Bildung.
Die eigentliche Gefahr liegt daher weniger im Mangel selbst als in seiner Verharmlosung. Wer auf demografische Effekte oder Schulentwicklung als Ersatz für eine konsequente Personalstrategie setzt, verstellt den Blick auf die wichtigste bildungspolitische Aufgabe der kommenden Jahre: mehr Menschen für das Lehramt zu gewinnen, sie erfolgreich durch die Ausbildung zu führen und sie langfristig im Beruf zu halten. Denn für jede Schule gilt: Auf die Lehrkräfte kommt es an.
Der Text erschien zuerst in Bildung.Table.
Zukunftsmission Bildung
Gemeinsam mit starken Partnern treibt der Stifterverband in der Zukunftsmission Bildung die Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung voran. Die Allianz für Lehrkräfte sorgt dafür, dass mehr Menschen den Weg in den Lehrberuf finden und mit den richtigen digitalen Kompetenzen ausgestattet werden.