Was wünschen Sie sich, wie unsere Bildungssysteme oder Unternehmen mit dem Thema Future Skills umgehen sollten – und warum ist der Stifterverband hier ein wichtiger Partner?
Mit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 hat das Thema KI massiv Einzug in Bildung und Arbeitswelt gehalten. Bezeichnend für unsere Bildungssysteme, insbesondere die Schule, ist aus meiner Sicht, dass zunächst vor allem das Erschleichen von Prüfungsleistungen mithilfe großer Sprachmodelle im Mittelpunkt der Debatte stand – etwa der Aufsatz, der von ChatGPT geschrieben wird. Dass derselbe Aufsatz zuvor vielleicht von der Mutter verfasst wurde, wurde nie kritisch hinterfragt, obwohl das vom Lernergebnis her denselben Effekt hat – nämlich keinen.
Unser Bildungssystem ist meiner Meinung nach in einigen Punkten nicht „AI ready“. KI-Werkzeuge können im Bildungskontext durchaus sinnvoll eingesetzt werden – von Lernenden ebenso wie von Lehrenden. Kritisch wird es jedoch, wenn durch die Überdelegation kognitiver Aufgaben zentrale Kompetenzen nicht mehr aufgebaut werden. Genau diese sind aber notwendig, um zielgerichtet mit KI-Systemen zu interagieren – mit einer kritischen Beurteilung der Ausgaben und gegebenenfalls notwendigen Korrekturen.
Damit wesentliche Kompetenzen in Schule und Studium weiterhin erworben werden, ist es dringend notwendig, individualisiertes Üben nicht auf Hausaufgaben zu verlagern. Learning by doing ist zentral für den Erwerb transferierbarer Problemlöse- und Bewertungskompetenzen. Wird dieser Prozess ins Elternhaus verlagert, zementieren wir die ohnehin stark ausgeprägte Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus noch weiter.
Der Stifterverband adressiert das Thema Bildung und Kompetenzen als zentrales Handlungsfeld und leistet durch Fördermittel und konkrete Programme einen wichtigen Beitrag zur zukunftsgerichteten Weiterentwicklung des Bildungssystems. Ich freue mich, dass ich mich sowohl im Beirat des KI-Campus als auch in der Task Force „KI in der Hochschulbildung“ der Allianz für Future Skills aktiv einbringen darf.
KI ist in aller Munde. Was sind für Sie persönlich die entscheidenden Skills, um KI nicht nur zu nutzen, sondern damit wirklich besser zu werden?
Wesentliche Voraussetzung dafür, dass wir in Mensch-KI-Teams komplexe Aufgaben besser bewältigen können, sind Expertise im jeweiligen Anwendungsbereich und ein grundlegendes Verständnis davon, wie KI-Systeme funktionieren. Nur wenn beides gegeben ist, können wir unser Vertrauen in die Ausgaben von KI-Systemen sinnvoll kalibrieren und vermeiden, dass wir zu bloßen Abnickenden generierter Inhalte werden. Zur Vermittlung von KI-Kompetenzen bietet der vom Stifterverband geförderte KI-Campus ein umfangreiches, zielgruppenspezifisches Angebot.
Wichtig ist aber auch, dass das Thema ein verpflichtender Bestandteil der Lehrkräftebildung wird. Damit Expertise im jeweiligen Anwendungsbereich aufgebaut und langfristig erhalten werden kann, braucht es einerseits innovative Methoden für die Gestaltung von Mensch-KI-Schnittstellen und andererseits eine Reform unseres Bildungssystems, die mehr Zeit für den Aufbau von Verständnis und Zusammenhängen sowie für Problemlöse- und Bewertungskompetenz schafft.
Bereits seit den 1980er-Jahren werden in der KI-Forschung Intelligente Tutorsysteme (ITS) entwickelt. Im Gegensatz zu einfachen EdTech-Lösungen, die Lernprozesse häufig rein behavioral steuern, können ITS die einem Fehler zugrunde liegenden Misskonzepte oder Wissenslücken spezifisch diagnostizieren und gezielt adressieren. Statt eine Lösung vorzugeben, werden hier zum Beispiel sokratische Dialoge oder strukturanaloge Beispiele eingesetzt. So werden Lernen im Problemlösekontext, Generalisierung und auch das Erleben von Selbstwirksamkeit gefördert.