Martin Stratmann: Gestern Science-fiction, heute Realität

"Was sind denn die Themen, die in den nächsten zehn Jahren wichtig sind? Man hat vor zehn Jahren auch nicht gewusst, was heute wirklich wichtig ist. Man irrt sich meistens."

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Wissenschaftlicher Fortschritt treibt die Wirtschaft an. Das kann aber auch ein Problem sein – wenn bei der Forschungsförderung nur noch Vorhaben berücksichtigt werden, die versprechen, kurzfristigen Profit abzuwerfen. Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, schwebt eine Lösung dafür vor: eine Agentur, die Fördergelder anders verteilt als dies heute normalerweise geschieht und damit radikale Innovationen vorantreibt.

Martin Stratmann ist Keynote-Speaker auf dem Forschungsgipfel 2018, bei dem rund 400 Entscheider, Experten, Vordenker und Newcomer aus Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik darüber öffentlich beraten, wie das internationale Innovationssystem weiterentwickelt werden kann.
 

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Autor: Timur Diehn
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Transkript des Videos

Wissenschaft ist unerhört wichtig für ökonomische Entwicklung. Das ist auch der Pferdefuß. Deswegen wird Wissenschaft so natürlich finanziert. Man weiß heute, wenn man in Wissenschaft investiert, dann zahlt sich das irgendwann wieder aus. Damit kriegt die Wissenschaft aber eine ungeheuere gesellschaftliche Bedeutung.

Was sind denn die Themen, die in den nächsten zehn Jahren wichtig sind? Wenn man das rückblickend mal verfolgt, dann stellt man fest: Das hat man vor zehn Jahren auch nicht gewusst, was heute wirklich wichtig ist. Man irrt sich meistens. Was hat man eigentlich für eine Prognose, wenn man in die Zukunft gucken will? Und die Antwort der Max-Planck-Gesellschaft ist ganz simpel und glasklar: Die einzige Prognose, die man hat, ist der Kopf eines herausragenden Menschen, der Wissenschaft macht, denn in diesem Kopf spielt sich die Zukunft praktisch ab. Und was er macht, wenn er wirklich gut ist, das ist Teil der Zukunft. Also, wenn wir unsere Zukunftsprojektion machen, dann machen wir keine Listen von interessanten Themen, denn diese Themen sind meistens die Themen der Gegenwart und nicht die Themen der Zukunft. Dann gucken wir oft auch nach jungen Leuten, die ganz herausragend sind, die begabt sind, die ganz neue Ideen haben. Wir sind ziemlich sicher, dass viele von diesen jungen Leuten eben Zukunftsfelder bedienen, die in Zukunft wichtig sein werden. Also, für uns ist das ein ganz wichtiger Teil der Zukunftsprognose. Und deswegen lassen wir die Leute nicht nur an der langen Leine. Wir lassen sie machen, was sie wollen. Wir gucken allerdings auch hin und wieder nach: Ist das gut, was da rauskommt? Das machen wir schon. Aber wir machen keine Voraussagen. Wir lassen sie einfach das machen, was sie spannend finden.

Die ganz große Gefahr ist, dass man die Forschung nur noch nach Proposals ausrichtet. Man muss ein Proposal schreiben, das Proposal wird von anderen bewertet. Und wenn das Proposal ganz verrückte Dinge beinhaltet, Dinge, die nicht so richtig en vogue sind, Dinge, die vielleicht auch von dem einen oder anderen gar nicht geglaubt werden, hat man heute kaum eine Chance, diese Forschung hinzubekommen. Ich will nur ein Beispiel nennen, der Nobelpreisträger Stefan Hell, ist ein gutes Beispiel. Der Stefan Hell hat angefangen, schon mit 28 an eine Idee zu glauben, ein Mikroskop zu bauen, das etwas kann, was eigentlich physikalisch nicht so einfach geht. Und dann ist es genau so gekommen, wie es immer kommt. Er hat zehn Jahre an dem gearbeitet. Nach zehn Jahren war er fast am Ende. Er hat immer noch daran geglaubt, er wusste, er kriegt das hin, aber er hat keinen Job bekommen. Er hat sich an allen Hochschulen beworben, die haben ihn noch nicht mal eingeladen. Die waren der Meinung: Das ist ein Spinner! Die Max-Planck-Gesellschaft ist ihm über den Weg gelaufen. Wir haben gemerkt: Donnerwetter, da ist ein heller Kopf! Der hat was, eine Idee, die wirklich zieht. Die bringt es eigentlich. Wir haben ihm dann den Freiraum gegeben. Wir haben das Geld zur Verfügung gestellt, und dann war nach fünf Jahren der Durchbruch schon geschafft. Also, was ich damit sagen will: Man muss an Menschen glauben. Man muss an Menschen ihre Besonderheit glauben. Für mich heißt das: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur in so eine Proposal-Drittmittel-finanzierte Forschung hineinlaufen. Die Universitäten brauchen eine Grundfinanzierung. Sie brauchen eine Grundfinanzierung, die so ist, dass man auch Eigenes machen kann, wie in der Max-Planck-Gesellschaft auch. Sie brauchen dann aber auch eine Struktur, die exzellenzgetrieben ist wie die Max-Planck-Gesellschaft. Also, den Grundetat einer Universität zu erhöhen, heißt ja nicht, im Sinne einer Gießkanne jedem ein paar Euro mehr zu geben, sondern vielleicht einen Präsidentenfonds zu schaffen in der Universität, der unter wirklichen Kriterien der Exzellenz verteilt wird, nicht nur ein Proposalsystem, aber indem man sich so junge Menschen wie den Stefan Hell mal anguckt und dann eben zu dem gleichen Ergebnis kommt wie wir. Ein toller Hecht, mit dem kann man was anfangen. Dem trauen wir etwas zu. Das ist, glaube ich, ein Teil der Zukunft der Wissenschaft, wie er nicht nur an der Max-Planck-Gesellschaft, sondern auch an anderer Stelle verwirklicht sein sollte. 

Sie müssen sich einen Science-fiction-Film angucken. Wenn Sie einen Science-fiction-Film von vor zehn Jahren sich heute noch einmal ansehen, dann stellen Sie fest: Da haben die in dem Science-fiction-Film Sachen gemacht, die man heute kann. Die konnten sich lokalisieren, die wussten, wo sie waren, in der Umgebung, in der sie sich aufgehalten haben. Das war vor zehn Jahren unvorstellbar. Konnte man sich gar nicht vorstellen. Heute kann man das mit jedem Handy. Man hat ein GPS. Vieles von dem, was in Science fiction früher angedacht wurde als rein spekulativ, das kann man heute hinbekommen. Aber das hat niemand in der Wissenschaftspolitik konkret vorausgesagt und hat damit auch einen Weg geebnet, um das hinzubekommen, sondern das sind viele, viele einzelne Erfindungen, die irgendwie zusammenkommen. Das GPS ist ein gutes Beispiel. Das GPS hat man entwickelt, um ganz anderen Dingen zu genügen. Niemand hat da daran gedacht, dass es mal ein Handy gibt, das GPS enthält. Und das Handy lebt heute von GPS. Ich weiß, wo ich bin. Ich weiß, wo meine Freunde sind. Ich weiß, wo das Restaurant ist. Ich kann die Landkarte sehen. Ohne GPS wäre heute ein Handy nur ein Drittel wert. Und man sieht: Die Dinge sind unvorhersehbar. In diesem Sinne erwarte ich von dem Forschungsgipfel, dass man sich vielleicht einig wird über große Linien, wie man Forschung gestalten muss. Freiräume muss man gestalten, das ist ganz wichtig. Finanzielle Möglichkeiten muss man gemeinsam ausloben. Aber eine Detailplanung, dass man am Ende schlau nach Hause geht und sagt: Das sind die drei, vier Themen, die wir angehen sollten, das halte ich für illusorisch, weil diese drei, vier Themen kennt dann jeder auf der Welt schon längst.

Disruptive Innovationen, das sind Innovationen, die am Anfang nicht sehr sichtbar sind. Das sind oft Nischen. Die sind sehr klein. Die haben auch keine Performance, die wirklich gut ist. Das sind am Anfang noch Dinge, die macht man zwar, aber sie sind nicht wirklich überzeugend im Vergleich zu dem, was man an anderer Stelle tut. Sie sind meistens sehr teuer am Anfang, weil man hohe Anfangshürden überwinden muss. Aber, und das ist das Besondere, sie machen etwas, was konventionelle Technologien nicht können. Ein Beispiel, das jeder von uns kennt, ist digitale Fotografie. Ich bin selber ein Freund von Leica gewesen, ich war ein großer Leica-Fan, analoge Fotografie. Als die ersten digitalen Kameras kamen, die waren unglaublich schlecht gegenüber einer Leica. Die Bildqualität war absolut miserabel. Es war relativ teuer für das, was man bekam. Aber man konnte mit dem digitalen Bild etwas machen, was man mit keinem analogen Bild machen kann. Und so entsteht eine Nische, und aus dieser Nische bohrt sich auf einmal etwas heraus, und nach zehn Jahren gibt es die analoge Fotografie gar nicht mehr. Die ist vollkommen gestorben. Es haben sich ganz neue Märkte eröffnet. Um das hinzubekommen, da braucht man am Anfang einen Mechanismus, der auch nicht ökonomische Innovation fördert. Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt. Wir haben immer eine Förderstruktur, die von Anfang an das Ökonomische ins Zentrum rückt. Und das lohnt oft nicht, so etwas Nichtökonomisches zu Beginn zu machen, diese Nischen zu befördern. Und das gelingt in den USA letztlich aufgrund der Militärförderung, die die machen, ganz anders. Und ich glaube, wir brauchen Instrumente auch im zivilen Bereich, die die nicht ökonomischen Innovationen am Anfang identifizieren, unterstützen und fördern, um sie über eine gewisse Hürde hinweg zu bekommen, bis sie dann von alleine laufen, bis sie auch Geld anziehen, bis auch seed money auf diese Strukturen, zu diesen Strukturen gelangt, und dann wirklich, sagen wir mal, der Durchbruch so allmählich läuft. Wir brauchen in dem Sinne, ich habe das mal selber vorgeschlagen, eine Agentur, die sich mit solchen disruptiven Innovationen, oder Sprunginnovationen nennt man das auch manchmal, befasst und die sie gezielt fördert, ich würde sagen, orthogonal zu bestehenden Systemen, die auch sehr gut funktionieren.

Und darunter verstehen wir eine Agentur, die speziell das fördert, was zu technologischen Durchbrüchen führt, die aber klar definiert sind. Also nicht ein Forschungsförderprogramm für Quantencomputing, sondern etwas, was exakt festgelegt ist. Ein Ziel, das man wirklich erreichen können möchte. Zum Beispiel: Man möchte drahtlos Energie übertragen, über einen Millimeter eine bestimmte Energiemenge übertragen, was zurzeit gar nicht geht. Das wäre ein technologisches Ziel, und dann sucht man nach Möglichkeiten, das umzusetzen, und wir sind der Überzeugung: Wenn das einem gelingt, dann erschließen sich neue Märkte, und diese Anschubfinanzierung, die wird eben letztlich durch so eine Agentur mitgetragen.

Es müssen Menschen in dieser Agentur arbeiten, die wirklich die Fähigkeit haben, das zu erkennen, was ungewöhnlich ist. Sie müssen die Freiheitsgrade haben, das zu fördern. Es muss wenig Bürokratie in dieser Agentur vorhanden sein. Und wir haben auch vorgeschlagen, die Zeit, in der jemand in so einer school beschäftigt ist, die muss limitiert sein. Also, man hat sozusagen hohe Freiheitsgrade, aber nur eine beschränkte Zeit. Denn wenn man sehr viele Freiheitsgrade hat und unendlich lange Zeit hat, dann neigen solche Strukturen ja auch manchmal zu Vernetzungen, die man gar nicht haben möchte. Wir möchten, dass immer wieder alle fünf Jahre ein neuer Mitarbeiter anfängt, der auch ein neues Gebiet bedient. Und der muss in diesen fünf Jahren gucken: Was kann man machen? Und was ist wirklich erfolgreich? Und ein echter Scout. Diese Agentur kann übrigens auch natürlich ganz anders arbeiten, sie kann auch insgesamt nach Lösungsvorschlägen fragen für ein konkretes Problem, über Wettbewerbe, und dann kann sich jeder beteiligen, vom Handwerker bis zum Wissenschaftler, bis zum Max-Planck-Direktor, jeder kann einen Vorschlag einbringen. Und ich denke, die Menschheit ist so vielfältig, da kommt eine Menge zustande, auf das kommt man so einfach gar nicht als Max-Planck-Direktor.