Tobias Lohmann: Berufsorientierung für die Arbeitswelt von morgen

"37 Prozent der Jugendlichen haben gesagt, sie fühlen sich auf ihr Berufsleben weniger gut bis schlecht vorbereitet, das hat alarmiert. Wir plädieren dafür, Berufsorientierung nicht als Einmalmaßnahme zu betrachten."

Video abspielen
Tobias Lohmann: Berufsorientierung für die Arbeitswelt von morgen (Video)
Youtube

Wie entscheiden Jugendliche, was sie nach der Schule machen wollen? Die Lehrer sind bislang kaum Ansprechpartner bei der Berufswahl, erklärt Tobias Lohmann vom Bildungswerk der Niedersächischen Wirtschaft. Und plädiert dafür, das Thema Berufsorientierung systematisch in der Schule zu verankern. Bei der Beratung dürfe man aber einen Fehler nicht begehen: den Spaßfaktor von Arbeit zu hoch zu hängen ...
 

Der YouTube-Kanal des Stifterverbandes:
Die Zukunftsmacher und ihre Visionen für Bildung und Ausbildung, Forschung und Technik

Produktion: weitwinkelmedia / kreativekk.de
für den YouTube-Kanal des Stifterverbandes

 

Transkript des Videos

In Anbetracht von mehr als 320 anerkannten Berufsbildern und 19.000 Studiengängen ist das eine Herkules-Leistung, Orientierung zu geben. Studien zeigen, dass es mit Orientierung immer schwieriger wird.

Wir arbeiten ja seit vielen Jahren mit Jugendlichen in Berufsorientierungsmaßnahmen. Natürlich haben wir einen Einblick, wie es um die berufliche Orientierung auch steht. In dieser Deutlichkeit, also 37 Prozent der Jugendlichen haben gesagt, sie fühlen sich auf ihr Berufsleben weniger gut bis schlecht vorbereitet, das hat schon auch nochmal alarmiert. Denn die Mehrheit der Befragten waren Gymnasiasten, und es hat nochmal aufgezeigt, den Handlungsbedarf, Berufsorientierung auch an Gymnasien zu implementieren. In der gleichen Befragung wurde dann auch gefragt: Mit wem sprichst du am ehesten über deine Berufswahl? Und die befragten Jugendlichen haben zu 72 Prozent gesagt: "Mit unseren Eltern." Und nur 12 Prozent sprechen mit ihren Lehrern darüber. Das zeigt auch nochmal den Handlungsbedarf, Berufsorientierung an Schulen zu verstärken, ihm auch einen größeren Stellenwert einzuräumen und das Thema Berufsorientierung in den Schulen so zu verankern, dass es ein gesamtes Thema wird, an dem alle auch mitwirken, Lehrende, Schüler, Eltern und Netzwerkpartner wie beispielsweise dann auch ein Bildungswerk.

Ein guter Startpunkt ist immer die Beratung durch die Arbeitsagenturen im Informationszentrum für Berufsbildung. Guter Startpunkt ist es auch, in den Schulen Berufsorientierungsmaßnahmen durchzuführen. Wichtig ist es bei Hilfestellungen und Orientierung, nicht nur auf die Schüler zu fokussieren, sondern auch die Eltern miteinzubeziehen. Studien zeigen, dass die Eltern ein wichtiger Bezugspunkt sind bei der Berufswahl, und natürlich auch die Lehrer miteinzubinden, weil wir den Lehrern inzwischen so viele Aufgaben in den Schulen zumuten, muss man schon fast sagen, dass wir auch die Lehrer mit dem Thema Berufswahl/Berufsorientierung nicht alleine lassen dürfen. Wir müssen uns überlegen, viele der Berufsbilder, die es heute gibt, gab es vor zehn Jahren noch nicht, und von daher ist die Welt da sehr schnelllebig. Und eine gute Hilfestellung für Schüler ist es dann immer, das Thema Berufsorientierung möglichst frühzeitig in der Schule zu starten. Wir plädieren dafür, ab der achten Klasse das Thema Berufswahl/-vorbereitung auch aktiv zu adressieren und sie dann kontinuierlich in einem Prozess zu beraten und Berufsorientierung nicht als Einmalmaßnahme und punktuell zu betrachten.

Wichtig finde ich, und das zeigt auch die Arbeit mit den Jugendlichen, die wir Jahr für Jahr durchführen, nicht ausschließlich auf die Interessen der Jugendlichen abzuzielen, weil man dann sehr schnell an den Punkt kommt, dass es so um Elemente geht wie "Das muss Spaß machen". Und wie wir alle wissen, ist es mit dem Spaß im Berufsleben an der einen oder anderen Stelle auch endlich, das führt dann zu Enttäuschungen, sondern tatsächlich auf Kompetenzen und Potenziale abzuzielen, auf Begabungen abzuzielen und auch auf die langläufig so gesehen weicheren Faktoren abzuzielen, das heißt, die sozialen Kompetenzen auch mitzustärken, Veränderungsfähigkeit, Flexibilität, Umgang mit Komplexität, an der Stelle auch etwas für das Thema Berufsorientierung gleich mit auch zu tun.

Meines Erachtens ist das Thema Berufsorientierung etwas, wo es politische Gestaltung geben muss. Es gibt etablierte Arbeitskreise, Schule-Wirtschaft beispielsweise, zwischen Unternehmen, Arbeitgeberverbänden und Schulen, die die Schulen dort an der Stelle auch unterstützen. Es gibt Schnittstellen wie die Bildungswerke, die auch Berufsorientierung durchführen, das heißt, die natürlich eine gute Kenne haben, was ist im Unternehmen eigentlich gefragt. Von daher würde ich immer sagen: Wir lassen die Lehrer nicht alleine, und das muss auch das Postulat an die Politik sein, die Lehrer nicht damit alleine zu lassen, und das Thema Berufsorientierung aber an den Schulen auch wirklich zu implementieren.

Im Zuge von Digitalisierung/Industrie 4.0 sind natürlich immer augenscheinlich die ganzen Kompetenzen rund um die MINT-Bereiche, IT-/EDV-Kenntnisse, das sind sicherlich wichtige Geschichten, das wird ja intensiv darüber diskutiert, ob Informatik wieder ein Pflichtfach werden muss in der Schule, ob das Thema Coding auch zwingend in den Schulen eingeführt werden muss. Das ist ein Teil der Medaille, das ist die eine Seite der Medaille, die andere Seite ist, dass aber auch gerade soziale Kompetenzen und Veränderungskompetenzen enorm an Bedeutung gewinnen, das heißt, Flexibilität, Veränderungsbereitschaft, Umgang mit Komplexität, komplexe Kooperationen zu gestalten, Zukunftsoffenheit, Kreativität, Kommunikationsstärke. Das sind ganz sicherlich Kompetenzen, die noch weiter an Bedeutung auch wachsen. Das ist jetzt nicht nur meine Sicht auf die Dinge, sondern das sind auch Umfragen und Befragungen in Unternehmen, also, es gab 2017 die große Hays-Studie, es gab 2018 die Future-Skills-Studie vom Stifterverband gemeinsam mit McKinsey, die das auch nochmal ganz klar hinterlegt haben. Und das kann man sich auch, wenn man sich den betrieblichen Alltag anguckt, wenn man sich anschaut, was in der Industrie gerade auch an Entwicklung passiert, auch vorstellen, die Entwicklungen sind rasant schnell. Damit verändern sich Anforderungen an Beruflichkeit, es verändern sich Berufsprofile. Wenn wir uns anschauen die Studie des IAB, was die Substituierbarkeit von Tätigkeiten angeht, auch da werden wir ganz, ganz schnell sehen: Berufsbilder verändern sich rasant schnell, und von daher müssen wir junge Menschen darauf vorbereiten, dass Flexibilität, Veränderungsbereitschaft ein Teil der beruflichen Zukunft ist. Das ist etwas, was aus meiner Sicht Schulen gut leisten können und auch leisten sollten, weil es Kompetenzen sind, die man auch gut im Fächerkanon in Schulen integrieren kann, was ja an vielen Schulen heutzutage übrigens auch schon sehr gut passiert. Ich warne an der Stelle vor der einseitigen Fokussierung auf den MINT-Bereich. Das ist sicherlich etwas, was in der Vergangenheit sehr notwendig war, wenn ich mir die Engpassberufe in der Wirtschaft angucke. Wir sollten aber neben dem MINT-Bereich ganz klar auch die sozialen Kompetenzen adressieren, und die sind für die Jugendlichen, gerade was das Thema Berufswahl angeht und Berufsvorbereitung angeht, enorm wichtig, auch um Enttäuschungen zu vermeiden.

Wenn junge Leute einmal eine Berufsausbildung haben, wie lange sind denn dann die Kompetenzen, die in der Berufsausbildung erworben wurden, überhaupt noch tragfähig, um das Berufsleben zu bestehen? Und an der Stelle sind sicherlich Elemente wie Veränderungsbereitschaft, dauerhafte Lernbereitschaft, Selbstlernkompetenz auch in den Berufsbildern des Handwerks ein ganz wichtiges Element. Wenn wir mal einen Beruf wie das Bäckerhandwerk nehmen, dann ist es eine Branche, die ohnehin enorm Schwierigkeiten hat, Nachwuchs zu finden. Das hat sicherlich auch etwas mit den Arbeitszeiten zu tun, mit den Arbeitsbedingungen zu tun. An der Stelle kann Digitalisierung sicherlich auch Vorteile bringen, wenn es einfach die Arbeitsbedingungen auch erleichtert. Es braucht Menschen, die Maschinen bedienen können, die solche Maschinen dann auch vor Ort einstellen können, die auch die Schnittstelle beherrschen zwischen Mensch und Handwerk, also tatsächlich menschlich im Handwerk auch, und von daher ist sicherlich auch im Handwerk das Thema Digitalisierung eins, und damit ist es aber auch die schnelle Veränderung von Berufsbildern eins.