Karl-Heinz Land: Lernen und Arbeiten der Zukunft

"Mein Gefühl sagt mir, dass im jetzigen Schulsystem die Kreativität eher getötet wird denn gefördert."

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Nicht mehr plump Fachwissen eintrichtern, sondern jungen Menschen das Rüstzeug an die Hand geben, sich selbst ständig weiter zu bilden: So sieht der Autor und Berater Karl-Heinz Land das Bildungssystem der Zukunft. Und wenn Arbeit künftig weniger Platz im Leben einnehmen wird – was fangen die Menschen dann mit ihrer vielen Freizeit an? Auch darauf muss Bildung eine Antwort finden.
 

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Also, wir werden in der Bildungspolitik und in der Bildung komplett umdenken müssen, weil in Zukunft werden Computer viele Fragen beantworten, und der Mensch muss lernen, die richtigen Fragen zu stellen. 

Das heißt, es wird weggehen hin von der plumpen Wissensvermittlung. Es wird vielmehr darum gehen, Sozialkompetenzen, Methodenkompetenzen zu erlangen. Das heißt, die jungen Menschen werden in einem sehr agilen Umfeld, das sich extrem schnell und stark verändern wird, sich selber bilden müssen und das beibringen müssen, was für sie im Sinne von diesen Sozial-/Methodenkompetenzen notwendig ist. Und das verändert letztendlich alles.

Aus meiner Sicht wird das Lernen der Zukunft ein sehr selbstbestimmtes Lernen, eines, was den Menschen wirklich bei seinen Talenten nimmt und die auch herausfordert. Ich hatte gerade letztens ein Gespräch mit einem Museumsdirektor vom ZKM in Karlsruhe. Ich glaube zum Beispiel, dass die Museen wichtige Orte werden, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen und wirklich zu lernen, wie die Dinge vom System her verstehen, dass wir die Künste ansprechen werden müssen in dem Menschen. Und dass das Lernen an einem Ort stattfindet, der Kreativität fördert und zulässt. Das sind vielleicht dann Lerngruppen, wo 20, 30 Schüler miteinander arbeiten. Die arbeiten an einem Thema, erarbeiten sich das in dem Tempo, das jedem einzelnen liegt, der eine vielleicht ein bisschen schneller, der andere langsamer. Der eine vielleicht mit einem etwas anderen Schwerpunkt als der andere, weil den das stärker oder weniger stark interessiert. Aber alle kommen nachher zu einem Ergebnis, ohne dass ein Riesendruck dahintersteht, wo vielleicht auch das Lernen wieder mehr an Spaß erinnert denn als Wissensvermittlung, wo es wie mit einem Stopfer in die Jugendlichen und die Lernwilligen dann eingepfropft wird, sondern wo es sehr selbstbestimmt, sehr autonom passiert, in einem Tempo, das jeder Einzelne für sich selbst bestimmt. Und wo jeder Einzelne vielleicht auch ein anderes Lernziel hat. Und der Ort ist vielleicht ein Ort, der mehr an Gruppendynamik anspricht als an den Einzelnen, der dann nur an seinem Desk sitzt und dann gesagt bekommt: Jetzt aufschlagen Seite 87. Jetzt das machen, das machen. Denn heute ist ja der ganze verschulte Lernmechanismus doch sehr stark auf Befehl und Gehorsam ausgerichtet. Das haben wir früher mal gebraucht, weil wir wollten Arbeiter in die Fabriken bringen, und die mussten dann Command-Control verstehen. Aus meiner Sicht brauchen wir jetzt selbstbestimmte Individuen, die kreativ die Lösungen für das, was auf uns zukommt, suchen und die dann auch Lösungen dafür finden. Und mein Gefühl sagt mir, dass im jetzigen Schulsystem die Kreativität eher getötet wird denn gefördert. Und ich glaube, der neue Lernort, das wird einer sein, der diese Kreativität fördert, und der wird dann oft auch hoffentlich in Museen oder anderen kulturellen Einrichtungen stattfinden können.

Es ist davon auszugehen, dass Arbeit in Zukunft eine sehr viel untergeordnetere Rolle spielen wird als heute, zumindest was den Lebensunterhalt angeht. Das heißt, wenn Berufe wie Buchhalter, Lkw-Fahrer, Jurist, Journalist wegfallen und dann in der Konsequenz quasi automatisiert erledigt werden, dann wird der Mensch sich mit anderen Dingen beschäftigen. Und dann ist es natürlich wichtig: Womit beschäftigt sich der Mensch? Also sprich: Ist er darauf vorbereitet, mehr Freizeit zu haben? 1892 haben wir irgendwie mal an die 80 Stunden in der Sieben-Tage-Woche gearbeitet. Heute sind wir in einer 40-Stunden-Woche an fünf Tagen und vielleicht in 20 Jahren werden wir dann noch 20 Stunden in einer Zwei- bis Drei-Tage-Woche arbeiten. Das heißt: Arbeit wird definitiv abnehmen. Hat sie immer schon und wird sie auch weiter tun, einfach weil die Produktivität so viel steigt, so deutlich steigt. Und wir müssen uns dann natürlich überlegen: Womit verbringen wir unsere Zeit? Wird dann Kunst, Philosophie, werden andere Dinge für uns nicht an Bedeutung gewinnen? Der Umgang mit den sozialen Medien, kritisches Medienverständnis ... Und da werden dann, wie vorhin auch schon angedeutet, die Kompetenzen, soziale Kompetenzen, Methodenkompetenzen eine viel wichtigere Rolle spielen, weil letztendlich der Mensch sich selber bilden muss, so wie auch Frau Montessori damals gesagt hat: Der Mensch als Baumeister seiner selbst. Und die Kompetenzen werden dann natürlich deutlich gefördert werden. Und dafür ist es ganz wichtig, dass wir überhaupt mal feststellen, bei jedem Einzelnen: Was liegt mir denn? Was macht mir Spaß? Weil, ich glaube, das wird heute im sehr verschulten System oft sehr stark zurückgedrückt und nicht gerade gefördert.

Den Stand der Digitalisierung kann man nicht über einen Kamm scheren. Es gibt natürlich Unternehmen, die sind schon relativ weit, und andere, die sind noch nicht so weit, haben vielleicht noch nicht mal darüber nachgedacht, was da tatsächlich auf uns zukommt. Tatsächlich ist es aber so: Die Anforderungen der Unternehmen ändern sich sehr schnell und sehr radikal. Wenn Sie an Berufsgruppen denken wie beispielsweise den Data Scientist, den SEO-Optimierer, der also Search-Engine-Optimierung an Webseiten macht, oder Leute, die Robotik einführen, also Prozesse automatisieren im Maschinenbau, aber auch in der Automobilindustrie, das sind alles Berufe, Berufsgruppen, die gab es vor fünf, zehn, 15 Jahren überhaupt noch nicht. Aber das sind natürlich ganz andere Anforderungen wie die, die man an einen Taxifahrer oder an jemanden, der am Fließband arbeitet, stellen würde. Und unser Bildungssystem ist nur sehr schlecht darauf vorbereitet, Berufe zu formulieren und Leute auf Berufe vorzubereiten, die besondere Kompetenzen benötigen oder benötigten. Und ich sehe dann und muss manchmal amüsiert lächeln, wenn ich sehe: Auf der einen Seite gehen wir hin und sagen: Wir reduzieren die Qualifikation für Fahrschullehrer, wohl wissend, wenn das autonom fahrende Auto kommt, wird man den Beruf wahrscheinlich nicht mehr lange ausbilden können. Das heißt: Auf der einen Seite bilden wir aus für Berufe, die es morgen nicht mehr geben wird. Und auf der anderen Seite, die qualifizierten Berufe, die wir in Zukunft auch noch brauchen werden, dafür gibt es dann keine entsprechende Ausbildung, und das ist eigentlich sehr schade.