Christoph Igel: Bildung als Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit

"Ich glaube, dass wir gar keine andere Chance haben als partnerschaftlich auch mit den großen US-amerikanischen IT-Unternehmen die Bildung zu gestalten. Ernsthafte Alternativen sehe ich derzeit nicht."

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Während hierzulande noch lang und breit über die Digitalisierung des Bildungswesens debattiert wird, sind uns die Amerikaner längst meilenweit voraus. Deutschland habe nur noch eine Chance, auf den Zug aufzuspringen, meint Christoph Igel, wissenschaftlicher Leiter des Educational Technology Lab am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Ob es möglich ist, zwei verlorene Jahrzehnte bei der Bildung 4.0 aufzuholen?
 

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Transkript des Videos

Wenn wir das fortschreiben, was wir bisher an Status quo haben, verlieren wir schlichtweg den Anschluss. Insbesondere vertun wir uns gegenüber unseren Kindern und Jugendlichen, weil die Frage etwa der Möglichkeit, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wo wir wissen, dass die Nutzung entsprechender Kompetenzen und Skills ganz zentral sind und ganz deterministisch sind, um gute Jobs, auch in der Zukunft gute Jobs eben zu haben, wenn wir dort nicht versuchen, halt eben hinzukommen, werden wir in ein substanzielles Problem laufen, und das wird sich langfristig ganz klar auf die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands auswirken.

Aus einer europäischen und insbesondere aus einer deutschen Perspektive beobachten wir seit in der Zwischenzeit zwei Dekaden recht emotionslos eigentlich die zunehmenden Aktivitäten der US-amerikanischen IT-Anbieter. In der Zwischenzeit haben wir mit Facebook, mit Apple, mit Amazon, mit Google und noch vielen anderen IT-Playern, die alle im weitesten Sinne aus dem Silicon Valley sehr stark stimuliert auf den Weltmarkt drängen, haben wir Anbieter, die auch anfangen, sich intensiver Gedanken über das Thema Bildung und Qualifizierung zu machen. Zunächst mal ist überhaupt wichtig festzustellen, dass dies ein Faktum ist, dass man sich dort Gedanken macht und dass man Bildung und Qualifizierung auch im schulischen Kontext als ein Schlüsselelement für die strategische und zukünftige Wettbewerbsfähigkeit eines Landes ansieht. Und da sind die Amerikaner sehr nüchtern im Vergleich zu uns Deutschen. Da wird investiert, und dann geht man mit viel Geld eben genau in diese strategischen Märkte hinein, um zu schauen, wie man sich positionieren kann und wie man attraktive Bildungsangebote macht. Das zweite ist, dass wir natürlich aufgrund unserer gewissen Passivität, die wir zwei Dekaden lang jetzt an den Tag gelegt haben, schlichtweg einfach abhängig sind. Wir hängen am langen Arm der US-amerikanischen IT-Anbieter. Und wenn wir jetzt auf die neue Welle schauen, die gerade auf uns zurollt, die sogenannte zweite Digitalisierungswelle, wo es insbesondere um das Thema Lernende Systeme und Künstliche Intelligenz denn geht, diskutieren wir in Deutschland überhaupt erstmal Strategien und fragen, wie wir uns denn vielleicht weltweit im Thema KI auch in der Bildung, auch im Arbeitsmarkt positionieren können, während viele andere Länder, insbesondere China etwa, aber auch wieder die US-Amerikaner sehr viel Geld in die Hand nehmen und auch dort wieder mit großer Dynamik, mit großer Geschwindigkeit schon wieder an uns vorbeiziehen. Insgesamt, glaube ich, dass wir gar keine andere Chance haben, als letztlich zu schauen, dass wir partnerschaftlich auch mit den großen US-amerikanischen IT-Unternehmen versuchen müssen, die Bildung zu gestalten. Ernsthafte Alternativen sehe ich derzeit nicht.

Die Entwicklungszeiten von Technologien, wo wir in der Tat in der Zwischenzeit Halbwertzeiten von etwa drei Jahren haben, also statistisch betrachtet bedeutet das, dass 50 Prozent der Technologien innerhalb von drei Jahren durch neue Technologien substituiert werden, fordern uns alle natürlich auf, permanent zu schauen: Wie können wir uns auf neue Technologien einstellen? Wie können wir diese möglicherweise erlernen? Aber immer natürlich unter dem Primat der Nutzwertigkeit und der Mehrwertigkeit. Es geht sicherlich nicht darum und wird sicherlich auch nicht zielführend sein, Technologien l'art pour l'art zu lernen, nur um der Technologie willen, sondern die Frage zu stellen insbesondere im Bildungs- und Arbeitskontext: Was für einen Nutzen haben wir davon? Wofür sollen wir das denn überhaupt tun? Und was brauchen wir denn letztlich? Insofern, glaube ich, dass wir dort insbesondere zwei Dinge unterscheiden müssen, die Technologien im Sinne von Methoden. Wo können sie uns nützlich sein im methodischen, instrumentellen Setting? Auf der anderen Seite aber halt eben auch als inhaltlicher Lerngegenstand. Also was muss ich über die MINT-Fächer beispielsweise wissen? Was muss ich über Programmierung, über Künstliche Intelligenz, über Deep Learning eigentlich wissen? Was muss ich auch vielleicht zu der Mathematik wissen, die dort im Hintergrund steht, um besser zu verstehen, um besser einschätzen zu können, was solche Technologien vielleicht letztlich auch denn mit uns tun und welche Effekte sie auf die Gesellschaft haben? Dann sind wir in beiden Stellen dezidiert aufgefordert, viel mehr noch zu tun, als wir das derzeit denn machen, und vielleicht auch darüber nachzudenken, sehr viel früher schon uns mit solchen Technologien zu beschäftigen und dies möglicherweise schon im Kindergartenbereich.

Bildung 4.0 rekurriert auf aktuellste Technologien, die im wesentlichen aus dem Bereich des sogenannten Internet der Dinge kommen. Im Kern geht es darum, dass wir versuchen, die Frage in der Forschung zu beantworten, wie wir Daten, die wir beispielsweise aus Produktionsumgebungen, aus Arbeitsumgebungen, aber halt eben auch aus Lern- und Bildungsumgebungen in Echtzeit, das ist ein vehementer Unterschied zu vorherigen Situationen, in Echtzeit diese Daten zu nutzen, um Lern- und Bildungsprozesse, um Arbeitsprozesse zu unterstützen. Das ist der eine wesentliche Punkt. Der zweite wesentliche Punkt ist, dass diese Daten verarbeitet werden, und zwar durch sogenannte Autonome Systeme, das heißt, Systeme, die weniger software-basiert sind, sondern die Ansätze und Methoden künstlicher Intelligenz nutzen, um diese Daten im Sinne des Lern- und Arbeits- und Bildungsprozesses eben zu nutzen. Diese beiden Elemente, Internet der Dinge auf der einen Seite und autonome Verarbeitung dieser Daten und das alles in Echtzeit, das ist das, was wir als Bildung 4.0 bezeichnen.