Sönke Knutzen: Arbeit 2050 – Reicht unser Studium dafür?

"Wenn man dazu übergeht, Beruf und Bildung auszuwechseln durch Qualifizierung und Job, läuft man Gefahr, diesen gesellschaftlich stabilisierenden Faktor von Beruf zu verlieren."

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Aus Amerika kommt der Trend, dass viele junge Leute gar kein Studium mehr absolvieren, sondern sich mit Microdegrees oder Zertifikaten für einen bestimmten Job qualifizieren. Sönke Knutzen, Vizepräsident Lehre der Technischen Universität Hamburg, sieht das mit großer Sorge und erklärt, warum das deutsche System der Berufsbildung einfach besser sei.
 

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Autorin: Corina Niebuhr
Produktion: Webclip Medien Berlin
für den YouTube-Kanal des Stifterverbandes
 

Das Interview entstand am Rande der Veranstaltung "Science & People" in Berlin.

 

Transkript des Videos

Mein Sohn fragt mich kaum noch was. Also, wenn wir abends auf der Terrasse sitzen, und es zieht ein heller Punkt vorbei, dann nimmt er sein iPad und guckt: Ist es die ISS? Fragt er mich nicht, sondern er kriegt das selbst raus.

Und wenn sie ein Referat vorbereiten, dann kommunizieren sie mit ihren Jungs über WhatsApp, die verabreden sich, die recherchieren im Internet, die tauschen das aus, das machen die alles vollkommen alleine. Der ist aber nicht 20. Der ist 10! Und als er geboren wurde 2005, da gab es kein iPad, kein iPhone, keinen AppStore, kein WhatsApp, keine Dropbox, gab's alles nicht. Das heißt: An ihm sieht man schon mal, wie schnell das geht, also extrem schnell. Und für ihn ist das vollkommen normal. Dass es eine Technologie ist, die vor zehn Jahren noch gar nicht erfunden war, ist für ihn nicht präsent. Das heißt, er ist es eigentlich auch schon gewohnt, irgendwas zu nehmen, was da ist und damit was zu machen, und das wird er in Zukunft auch können. Und wenn man jetzt mal überlegt, wie lange jemand arbeiten muss, und man guckt sich diese kurze Zeitspanne an, dann sieht man, worauf man sich einstellen muss. Also, wenn jemand fertig studiert hat oder seine Ausbildung fertig hat, dann arbeitet er in der Regel 40, 45 Jahre. 45 Jahre! Das heißt, von hier ab gerechnet sind es die 70er Jahre.

Was eigentlich sind die Anforderungen an junge Leute für ihre 40 Jahre des zukünftigen Lebens? Wir wissen natürlich nicht, welche Technologien sie zu beherrschen haben, in welcher Gesellschaftsform sie leben werden. Das wissen wir alles nicht. Aber das macht auch nichts, weil wir nämlich wissen, dass sie sich auf Bedingungen einstellen können müssen, und das ist wieder was, was stabil ist. Das heißt, das ganze System scheint ein bisschen zu schlingern. Ich glaube, das tut es aber nicht, wenn man sich darauf konzentriert, den Jugendlichen das beizubringen, was sie brauchen, nämlich die Stabilität, die Grundlagen, ihr Leben in Flexibilität gestalten zu können. Das ist eine Herausforderung. Aber so schwer ist das auch nicht.

Man sieht in Amerika einen Trend, dass viele Leute gar kein Studium mehr machen, sondern sich qualifizieren für den Job, den sie jetzt haben wollen. Das heißt, sie machen kein Studium, sondern sie machen irgendwie Microdegree, die machen irgendwelche Badges, irgendwelche Zertifikate, und versuchen damit einen Job zu kriegen. Das halte ich zumindest für unser deutsches Berufsbildungssystem für gefährlich. Wir haben ja ein Berufskonstrukt, das man in anderen Ländern gar nicht so kennt. Das heißt: Wir wissen, wenn wir einen Beruf gelernt haben, dann können wir uns in diesem Feld, in diesem Berufsfeld, relativ frei bewegen und können alles mögliche an Ausprägung machen und können auch zukünftige Entwicklungen machen, weil wir den Beruf an sich verstehen. Und der Beruf bei uns ist anders als ein Job, ist mit Status verbunden, ist mir Gehaltsvorstellungen verbunden, ist mit sozialem Aufstieg verbunden, ist mit Karrierewegen verbunden usw. Also, das Berufskonstrukt ist extrem wichtig. Wenn man jetzt dazu übergeht, den Beruf und die Bildung auszuwechseln durch Qualifizierung und Job, läuft man Gefahr, glaube ich, diesen gesellschaftlich stabilisierenden Faktor von Beruf zu verlieren. Das halte ich für nicht gut. Es ist wertvoll, dass wir das haben in Deutschland. Das ist eine Gefahr. Natürlich kann man den Leuten jetzt nicht sagen: Nee, ich will aber, dass du fünf Jahre lang studierst. Du musst fünf Jahre lang studieren. Du darfst dich nicht qualifizieren für einen Job. Das machen die Leute natürlich nicht. Das heißt, wir Hochschulen müssen attraktiv sein. Es muss attraktiv sein, was wir anbieten. Wenn wir sagen: "Ja, haben wir aber schon immer so gemacht, und ich möchte, dass du herkommst", dann kommen die Leute möglicherweise nicht, sondern die Hochschulen werden immer gefordert sein und geforderter jetzt denn je, glaube ich, attraktive Angebote zu machen, dass die Jugendlichen gerne zur Universität kommen und gerne fünf Jahre ihres Lebens aufbringen, weil sie wissen: Das bringt ihnen was. Das ist nicht nur eine gute Zeit, sondern die lernen all das, was sie brauchen, um die nächsten 40 Jahre bewältigen zu können.

Es gibt im Internet ja so den Spruch: The winner takes it all. Das heißt, der, der größer wird, wird größer und größer, und die Kleinen werden irgendwann alle geschluckt, und, bumm, weg sind sie. Und wir haben diese Konzentration bei Suchmaschinen gesehen mit Google. Wir sehen sie im Verkaufsmarkt mit Amazon. Wir sehen sie bei Produkten mit Apple und Microsoft, wo man gucken muss, wie es am Ende ausgeht. Aber es konzentriert sich, das sieht man deutlich. Und diese Player, die da sind, die versuchen natürlich auch den Bildungsmarkt, der riesig ist, das ist ja ein riesiger Markt, den versuchen sie sich auch zu erobern. Also, in Amerika sieht man sehr stark, dass Apple und Microsoft in die Schulen reingehen. Das ist der Markt, den sie nehmen wollen. Amazon versucht jetzt im großen Stil, die Open Educational Resources aufzukaufen, was auch immer sie damit vorhaben. Man könnte sich ja vorstellen, dass es sowas wie ein Spotify für Bildung gibt und dass man das dann irgendwie kaufen kann, also Zugang zu Bildungsressourcen für eine Flatrate, wer weiß? Keine Ahnung. Also, man sieht, dass die in diesen Markt reingehen. Und die große Gefahr dabei ist ja, dass man abhängig wird und gerade in der Bildung abhängig wird von irgendjemandem, der einem die Wahrheit verkaufen will. Das heißt, wo man dringend aufpassen muss, ist ja, dass Leute kritisch bleiben, also dass sie das hinterfragen, was sie da sehen und was sie kaufen usw. Und deswegen, glaube ich, brauchen wir unbedingt, unbedingt unabhängige Bildung, die der Staat finanziert.

Das sind aus meiner Sicht zwei Sachen, die man beide ein bisschen ohne Not gerade gefährdet. Das eine ist der bedingungslose Zugang zu Bildung, also unabhängig von Einkommen bis zur Promotion lernen zu können. Das ist ein Gut. Und das andere Gut, was wir haben, ist, dass wir flächendeckend ein extrem hohes Niveau haben von Bildung, was die berufliche Facharbeit angeht und was die akademische Ausbildung angeht. Wir haben Universitäten, die flächendeckend ein sehr gutes Angebot machen. Wir haben nicht Spitzenuniversitäten und daneben Universitäten, die man lieber nicht betreten möchte, sondern wir haben flächendeckend gute Universitäten. Vollkommen egal, in welcher Region ein Mittelständler eine Universität zur Kooperation sucht, die findet er, und er kann was mit ihr anfangen, weil sie etwas Gutes macht. Und sie haben Facharbeiter, die gut ausgebildet sind, flächendeckend. Warum man in Deutschland jetzt unbedingt Spitzenuniversitäten nach dem Vorbild von Harvard und Stanford haben will, ist mir ein Rätsel. Weil man Gefahr läuft, dadurch die Kleineren zu schwächen und diese flächendeckend hohe Qualität zu gefährden.