Bernd Kriegesmann: Studienpioniere verändern Hochschulen

"Da sind junge Menschen, die seit Jahren nicht gehört haben: Mensch, du kannst richtig was! Sie ermutigen und befähigen, den nächsten Schritt zu gehen, finde ich eine ehrenwerte Aufgabe."

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Kann sich ein Land eigentlich leisten, dass in seinem Bildungswesen so viele auf der Strecke bleiben – nicht weil ihnen die Begabung fehlt, sondern aufgrund ihrer sozialen Herkunft? Natürlich nicht. Aber wie kann man vielversprechende junge Menschen fördern, wenn sie Zweifel haben, ob die Uni der richtige Weg ist, und in ihrer Familie noch niemand studiert hat? Die Westfälische Hochschule will solche Studienpioniere mit einem Talentkolleg entdecken und unterstützen. Hochschulpräsident Bernd Kriegesmann berichtet, welche Erfahrungen er dabei gesammelt hat.

Das Programm Studienpioniere von Stifterverband und Stiftung Mercator hat Fachhochschulen gefördert, um neue Konzepte zu erproben, wie mehr junge Menschen ohne akademischen Hintergrund ein Studium aufnehmen und erfolgreich absolvieren können.
 

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Autorin: Corina Niebuhr
Produktion: Webclip Medien Berlin
für den YouTube-Kanal des Stifterverbandes

 

Transkript des Videos

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass wir eine soziale Selektivität im Bildungssystem haben. Seit Jahrzehnten gibt es neue Studien, die das immer wieder belegen. Was soll das? Anfangen! Machen!

Früher war Hochschule sich in meiner subjektiven Wahrnehmung selbst genug. Nein, wir sind Akteur, wir sind gesellschaftlicher Akteur, die mitgestalten müssen. Die sich nicht nur auf das Hochschulgesetz zurückziehen dürfen und sagen: Forschung und Lehre sind unsere Aufgaben. Sondern wir sind gesellschaftlicher Akteur und müssen einen Beitrag leisten, Gesellschaft mitzugestalten. Und das kann man zum Beispiel durch solche Ansätze wie Talentförderung. Wir diskutieren seit Jahren über Green Cards, Blue Cards, dass wir ausländische Fachkräfte hier hinziehen. Wir haben die hier vor Ort! Wir müssen uns nur darum kümmern.

Hochschulen selbst sind dafür nie sensibel gewesen, und auch Politik ist nie sensibel dafür gewesen, dass es eben immer noch einen Sortiermechanismus nicht nur an den Hochschulen, auch in Schulen gibt, nach sozialer Herkunft. Und da war, das Thema Studienpioniere aufs Schild zu heben, extrem wichtig, um es virulent zu machen, in der Wahrnehmung sichtbar zu machen und letztlich auch nicht nur darüber zu reden, sondern ganz operativ eben was zu machen. Man muss einfach mal irgendwann einen Nagel in die Wand hauen und anfangen. Und so sind wir vorgegangen. Wir wussten nicht alles. Wir hatten noch gar nicht im Kopf, dass es mal sowas wie ein Talentkolleg geben wird an unserer Hochschule, wussten wir nicht. Wir sind einfach angefangen zu laufen. Und während des Laufens haben wir entdeckt: Mensch, da sind ja noch zwei Leute, die laufen die gleiche Strecke, die haben total schlechte Schuhe, die kriegen neue Schuhe. Und sich auf den Weg machen, das ist, glaube ich, wirklich das Entscheidende.

Unseren Weg, unsere eigene Haltung zu verändern, den haben wir markiert mit vielen Projekten, mit dem Talentscouting raus aus der Hochschule, rein in die Schulen. Ermutigen, nicht stigmatisieren, ermutigen!

Da sind junge Menschen, die seit Jahren nicht gehört haben: Mensch, du kannst richtig was! Mach mehr aus dir als du glaubst, dass du aus dir machen kannst! Oder wo andere dir vielleicht sagen: Mensch, irgendwie so richtig läuft das ja bisher nicht. Die jungen Menschen in ihren Lebenskontexten ernst nehmen und ermutigen und befähigen, den nächsten Schritt zu gehen, finde ich eine ehrenwerte Aufgabe. Das ist großartig, und das ist eigentlich die Leitlinie vieler Programme, die sich entwickelt haben.

Wir haben gelernt, dass viel mehr auch Orientierung brauchen. Wir haben ein Talentkolleg aufgebaut, wo es ein institutionalisiertes Angebot gibt, wo junge Menschen hinkommen können, sich orientieren können, echte Interaktionsarbeit erleben.

Und zwar auch von Menschen, die das empathisch rüberbringen können. Die die Regelsysteme kennen, das heißt, nicht irgendwelche Intermediäre, die dann auf eine Projektstelle dazwischengeschaltet werden, sondern die in Schule oder Hochschule arbeiten. Die die Systeme kennen. Wo auch junge Menschen, die vielleicht toll sind in Physik und Mathematik, aber schlecht in Deutsch und Englisch, wo die unterstützt werden. Wo sie aber auch gefordert werden, nicht nur gefördert, nie in Watte packen. Wo sie auch gefördert werden, den nächsten Schritt zu gehen. Oder wir haben ein Schülerstipendienprogramm mit der RAG-Stiftung aufgebaut beispielsweise. Wir haben Begabtenförderungswerke, eine Viertelmilliarde Euro, die da jedes Jahr reinfließt vom Bund. Aber, ich sag mal, die Schülerstipendien, da, wo eigentlich Entscheidungen gemacht werden, gibt's fast nichts. Haben wir gemacht, schulformübergreifend, und gar nicht Hochschulaufgabe erstmal. Aber weil es das nicht gibt im Ruhrgebiet nennenswert, und weil eben junge Menschen Vorbilder brauchen in ihrem direkten Umfeld. Und wenn Sie manche Schule im nördlichen Ruhrgebiet beispielsweise sehen, da finden Sie keine Vorbilder, obwohl es sie eigentlich gibt. Aber die muss man sichtbar machen.

Das macht eine Schule dann auch irgendwann stolz, sagen zu können: Hey, wir haben Stipendiaten! Wir haben das erlebt! Erstmalig an unserer Hochschule wurde ein Stipendium an eine Schülerin oder einen Schüler vergeben. Und ich glaube, so an der Haltung zu arbeiten, auch da gilt wieder: Transformation von System, und das geht nur über Köpfe, daran zu arbeiten, lohnt sich.

Die unterschiedlichsten Projekte, die wir angeschoben haben und inzwischen ja in Routine überführt haben, die denken wir gar nicht mehr in Projekten. Sondern die Überschrift ist eigentlich: Talentförderung. Und das kann natürlich nicht: Da mach ich so ein bisschen isoliert was in der Schule. Mit den Scouts ermutige und befähige ich Leute und hole die entweder an die Hochschule oder sage auch: Mensch, für euch wäre auch eine duale Ausbildung genau das richtige an der Stelle, was überhaupt nichts Ehrenrühriges übrigens ist. Also, Akademikerdebatte finde ich relativ schwierig, ist aber ein anderes Thema. Und dann kommen Themen wie Stipendien-Zusammenarbeit mit Begabtenförderungswerken, wir trennen das nicht mehr. Sondern wir haben sozusagen den Pfad zu gestalten, junge Menschen unter dem Label Talentmanagement zu entwickeln, Biografien letztlich zu gestalten und nicht mehr zu sagen: Da machen wir ein bisschen, da machen wir ein bisschen was. Und was gar nicht hilft, ist das Schwarze-Peter-Spiel. Die Schulen liefern nicht mehr die, die wir brauchen eigentlich, und deshalb lassen wir die, salopp gesagt, vor die Pumpe laufen. Da müssen wir, glaube ich wirklich, sozusagen Organisationsentwicklung betreiben. Wir verändern uns als Hochschulen.

Sie können sich ungefähr vorstellen, dass wir curricular oder was Individualisierung von Pfaden durch eine Hochschule angeht, völlig neue Wege gestalten müssen. Da sind wir auch noch lange nicht fertig, sondern da fangen wir gerade erst an. Weil Talentförderung können wir nicht vorne im Eingangsbereich stehen lassen, und der Rest läuft schon irgendwie, nee, nee! Die Heterogenität ist keine Mär, ist auch kein akademisches Schlagwort. Die ist Realität.

Wir werden aber immer noch bezahlt in einer Logik des Normstudierenden, der am Gymnasium seine Allgemeine Hochschulreife erreicht hat und ein gutbürgerliches Elternumfeld hat. Die gibt es aber in bestimmten Regionen fast nicht mehr, diese Studierenden.