Amal Abdirahman: Talentscouts finden Studienpioniere

"Ich bin auf der Suche nach Talenten. In meinem Projekt 'Talentscouting' geht es darum, Schülerinnen und Schüler zu fördern, zu unterstützen und langfristig auch zu begleiten."

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Soll ich wirklich an die Uni? Kann ich das überhaupt schaffen? Das sind Fragen, die sich viele Schüler stellen – vor allem, wenn sie die ersten in ihren Familien wären, die ein Studium anfangen. Genau deshalb gibt es Talentscouting. Amal Abdirahman von der Technischen Hochschule Köln ist an Schulen unterwegs, um vielversprechende junge Menschen für ein Studium zu gewinnen. Und sie weiß aus eigener Erfahrung, wo die Probleme liegen – und wie sie helfen kann.

Das Programm Studienpioniere von Stifterverband und Stiftung Mercator hat Fachhochschulen gefördert, um neue Konzepte zu erproben, wie mehr junge Menschen ohne akademischen Hintergrund ein Studium aufnehmen und erfolgreich absolvieren können.
 

Jede Woche neu beim Stifterverband: 
Die Zukunftsmacher und ihre Visionen für Bildung und Ausbildung, Forschung und Technik

Autor: Timur Diehn
Produktion: Webclip Medien Berlin
für den YouTube-Kanal des Stifterverbandes

 

Transkript des Videos

Ich bin auf der Suche nach Talenten.

In meinem Projekt "Talentscouting" geht es ja darum, Schülerinnen und Schüler zu fördern, zu unterstützen und langfristig auch zu begleiten. Wir sind an Schulen unterwegs, also ich bin in Köln, an der TH Köln angestellt. Wir machen das in Kooperation mit der Universität zu Köln. Und da bieten wir einmal im Monat unsere Beratungsgespräche an Schulen an und suchen da die Talente, die, ja, nicht gefunden werden oder die einfach untergehen, weil sie orientierungslos sind und sich nicht entscheiden können, wie es aussehen kann nach der Schule.

Gerade wenn man dann aufwächst in einem sozialen Milieu, wo man niemanden hat, der ebenfalls studiert hat, hat man auch natürlich die Angst, die einen prägt und sagt: Okay, wenn der Nachbar es nicht geschafft hat oder mein Arbeitskollege, wie soll ich das dann noch schaffen? Und meine Eltern haben es ja eh nicht gemacht hier in Deutschland. Das sind einfach diese Systeme oder diese Denkweise, die man einfach mit sich trägt, mitaufnimmt in seinem sozialen Background, und da ist es natürlich umso schwieriger für diese Zielgruppe herauszubrechen und einen neuen Weg einzuschlagen, den vorher noch nie irgendjemand gegangen ist.

In Beratungsgesprächen ist es ja so, dass wir die Leistungen im Lebenskontext mitbewerten und betrachten. Wenn es Schülerinnen und Schüler gibt, zum Beispiel eine Schülerin, sie hat noch jüngere Geschwister, viel jüngere Geschwister, und hat einen Durchschnitt von 2,4, 2,5. Und dann sagen wir: In ihrem Lebenskontext ist das eine sehr gute Leistung, weil sie zuhause nicht die Möglichkeit hat, sich zurückzuziehen und für die Prüfungen zu lernen. Das ist einfach, vielleicht die Schule ist so, nebenbei mach ich das mal, und mein Hauptfokus liegt auf meinen Geschwistern. Und da sagen wir natürlich: Es ist definitiv eine gute Leistung, einfach dieses Wertschätzende zurückzugeben und zu sagen: Hey, für dein Leben und für deinen Lebenskontext ist es eine sehr gute Leistung, die du mitbringst.

Ich biete ein Netzwerk an. Ich biete Informationen an, ein Netzwerk, sei es die IHK, die HWK oder das Projekt "Talentscouting" generell ist an 17 Hochschulen tätig, in ganz Nordrhein-Westfalen. Und dort habe ich auch meine ganzen Netzwerke und kann sie jederzeit vermitteln. Also, es ist eine Mischung aus pushen, motivieren, coachen und auch vermitteln, das Netzwerk einfach bieten. Ein Beispiel: Eine Schülerin kam auch zu mir als alleinerziehende Mutter und hat mich gefragt: Ja, was kann ich denn machen als alleinerziehende Mutter? Wie schaffe ich das finanziell? Was auch ein sehr großes Thema ist, das Finanzielle, wo die Schülerinnen und Schüler sagen: Was ist denn BaFöG? Habe ich ja noch nie gehört! Wie kann ich mich denn dafür bewerben oder anmelden? Und dann geht man gemeinsam die Formulare durch. Also, man nimmt den Schülerinnen und Schülern die Angst und die Hürden, ein Studium anzustreben oder anzufangen. Man gibt ihnen einfach ... man vermittelt ihnen einfach das Gefühl: Hey, du kannst es auch schaffen! Es ist ganz einfach. Ich bin dafür da, um es dir zu erleichtern und um es dir zu ermöglichen.

Die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund haben es, glaube ich, noch schwieriger, weil sie aus einem Elternhaus stammen, wie ich zum Beispiel, die mit Eltern aufwachsen, die das deutsche Bildungssystem einfach nicht verstanden haben, und gerade in diesem Prozess Studien- und Berufswahl, da braucht man Eltern, muss man sie um Rat fragen: Okay, was kann ich denn jetzt studieren, was soll ich denn machen? Wenn man Eltern hat, die sagen: "Ich weiß es selber nicht, ich habe keine Ahnung, was du studieren kannst und wo du studieren kannst." ist natürlich eine sehr große Hürde für die Schülerinnen und Schüler.

Die Schülerinnen und Schüler werden dann von den Lehrern ausgewählt und gesagt: Hey, vielleicht bräuchtest du mal ein Beratungsgespräch bei der Amal. Und dann kommen sie und sagen: Hey, vielleicht bin ich ein Talent. Und dann sieht man auch schon das Leuchten in den Augen. Oh mein Gott, der Lehrer sagt, ich bin ein Talent, Wahnsinn! Bin ich das überhaupt? Und dann geht es in den Beratungsgesprächen einfach so um die Reflexion. Was möchte ich? Was sind meine Ziele? Was sind meine Stärken? Und, ich glaube, die Zielgruppe setzt sich selber kaum mit sich selbst auseinander. Man fragt sich selber kaum die Frage zuhause: Okay, was bin ich eigentlich und wohin möchte ich? Und diese Frage bearbeiten wir dann in den Gesprächen.

Ich meine, ich kenne die Hürden selber. Es ist kompliziert bis zum Gehtnichtmehr. Also, wenn man da alleine ist, hat man es natürlich schwieriger. Aber da zu sagen: Okay, zum Beispiel so in den ersten zwei Semestern, wenn du wenigstens weißt, wo deine Prüfungen sind oder wo du dich anmelden kannst, dann weiß ich, kann ich mit einem ruhigen Gewissen sagen: Okay, das war's. Aber ich werde niemals sagen: Das war's jetzt, du kannst dich nicht mehr bei mir melden, nein. Die Schülerinnen und Schüler bzw. dann Studierenden können sich jederzeit bei mir melden.