Marc Honsell: Stigma Hauptschule

Marc Honsell: Stigma Hauptschule

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Von der Hauptschule zu Hartz IV? Es kann nicht der Sinn unseres Bildungssystems sein, Jugendliche in die Perspektivlosigkeit zu schicken. Doch es gibt Initiativen wie "Hauptschule - keine Sackgasse", die sich dafür engagieren, dass junge Menschen ihre eigenen Talente und Potenziale erkennen. Marc Honsell weiß, wovon er spricht. Er war selbst Hauptschüler. Und studiert jetzt BWL an der Universität Bayreuth.

Produktion: Corina Niebuhr
Postproduktion: Webclip Medien Berlin
für den Bildungskanal des Stifterverbandes

Transkript des Videos

Also, das Problem ist einfach, dass viele Hauptschüler einfach auf ein Abstellgleis geschickt werden.

Ich persönlich finde das wahnsinnig schlimm, wenn Schülern und Hauptschülern insbesondere da eingetrichtert wird im Alltag: Du kannst nichts, du schaffst nichts! Ich meine, wir hatten einmal bei unserem Projekt "Hauptschule - keine Sackgasse", bei einem Vortrag kamen zwei Schülerinnen auf mich zu, und da hat sich im persönlichen Gespräch herausgestellt, dass ihre Deutschlehrerin ihnen beigebracht hat, wie man einen Hartz-IV-Antrag ausfüllt, aber nicht, wie man ein Gedicht interpretieren kann oder wie man übrhaupt Texte auf eine gewisse Art und Weise dann auch erschließen kann. Und das finde ich schon sehr fatal. Auf der einen Seite muss es zwar schon auch so sein, dass man für das Leben befähigt wird. Aber ein Leben muss nicht zwangsläufig Hartz IV bedeuten für einen Hauptschüler. Und alleine schon diese Denkweise finde ich sehr alarmierend, und da muss auch gesellschaftlich wirklich umgedacht werden. Da müssen auch Betriebe zum Beispiel umdenken. Ich habe früher mal Industriekaufmann gelernt. Für mich erschließt es sich nicht, warum man als Industriekaufmann ein Abitur benötigt, um den Zugang zu diesem Ausbildungsberuf erlangen zu können. Das erschließt sich für mich einfach nicht. Das ist einfach eine gewisse Selektion, und so wird für Hauptschüler und für Realschüler insbesondere das Portfolio an möglichen Bildungschancen immer geringer. Und das sollte nicht sein, und das darf auch nicht sein. Weil: Wollen wir dann nachher nur Handwerker haben, die Abitur haben, und was macht der Rest?

Wenn man sich mal in einen Lehrer hineinversetzt, der dann auch irgendwann mal eine Empfehlung aussprechen muss, in der Grundschule beispielsweise, der schaut sich natürlich die Eltern an. Der schaut sich natürlich an, was die Eltern für Berufe ausüben. Und das ist dann wirklich fatal, weil nur weil die Eltern gewisse Begabungen haben oder gewisse, ich nenne es jetzt einfach mal IQ, wobei man das nicht unbedingt so pauschalisieren kann, heißt das noch lange nicht, dass die Kinder das haben. Vielleicht haben die Kinder ja ein höheres Set an Fähigkeiten, an Kompetenzen als die Eltern. Vielleicht ist es gleich, vielleicht ist es ja was anderes. Nur weil der Vater Handwerksmeister ist, muss das noch lange nicht heißen, dass man selbst auch ins Handwerk geht. Ich bin das beste Beispiel dafür. Meine Familie besteht hauptsächlich aus handwerklich orientierten Menschen, und ich habe noch niemanden kennengelernt, der zwei so stark links ausgeprägte Hände hat wie ich.

Das ist natürlich für jemanden, dessen Vater eine Anwaltskanzlei leitet, viel einfacher, wenn es dann in Richtung Jurastudium oder potenzielles Jurastudium und Praktika geht, da Tipps abzugreifen als für einen Hauptschüler, der jetzt studieren möchte, der auch Jura studieren möchte beispielsweise, wenn die Eltern Handwerksmeister sind, die das auch nicht einordnen können am Anfang, die aber nachher definitiv saustolz auf ihr Kind sind, wenn es geschafft hat. Das sind solche Hürden. Man hat oftmals keinen Sparringspartner, man hat keinen Mentor, und genau an dem Punkt möchten wir mit "Hauptschule - keine Sackgasse" ansetzen und einfach auch den Schülern Orientierung geben und auch zeigen: Hey, wir sind da, es gibt die Möglichkeit, uns zu kontaktieren.

Bei der ersten Veranstaltung war ein kleiner Junge, der hat eine Brille aufgehabt, die war mindestens doppelt so groß wie meine, meine ist schon groß, und der hat fleißig mitgeschrieben wie ein Verrückter. Und der hat auch seine Mitschüler zur Räson getrieben, wenn die laut waren, und, ja, ich habe jetzt vor einem halben Jahr erfahren, dass er mittlerweile studiert. Ingenieurswissenschaften an einer Fachhochschule in der Nähe von Bayreuth. Und ich muss schon sagen: Da bin ich sehr, sehr stolz, dass er für sich selbst herausgefunden hat, was er werden möchte, was er machen möchte und dementsprechend diesen Weg eingeschlagen hat. Wobei ich auch sagen möchte: Es muss nicht jeder studieren, der in diesem Projekt drin ist. Mir persönlich oder uns ist es einfach wichtig, dass die Schüler ihre individuellen Begabungen und Potenziale erkennen und merken, was ihnen Spaß macht und was sie gut können. Und diesen Weg dann auch dementsprechend verfolgen.