Forschergestalten: Hans Joosten

"Als Wissenschaftler wird man oft abgebildet als steril in Weiß. Und ich bin gern dreckig. Wenn ich meine Hand ins Moor stecke, dann dringe ich tief in einen Körper hinein."

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Seine Leidenschaft ist der Sumpf: Moorkundler und Paläoökologe Hans Joosten von der Universität Greifswald erforscht die Moorlandschaften, die nicht nur eine ungeahnt vielfältige Natur offenbaren, sondern auch für unser Klima eine ganz wichtige Rolle spielen. Und er setzt sich für eine andere Art von Landwirtschaft ein, die solche Feuchtgebiete nicht zerstört.
 

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Transkript des Videos

Menschen blicken im Allgemeinen ziemlich negativ auf Moore. Man hat diese Wörter wie Sumpf. Man sackt da weg. Man verirrt sich usw. Wo eigentlich, wenn man die Moore besser kennen lernt, sie sehr faszinierend sind. Moore sind Landschaften, die Eigenschaften haben wie Organismen. Die leben, wachsen, reagieren. Und das macht eigentlich ein Moor zu einem der bestentwickelten Zusammenhänge in der Natur.

Ah, ganz ausgefeilte Technik!

Ja, das ist das sogenannte Bauchen.

Ich bin Hans Joosten. Ich bin Professor für Moorkunde und Paläoökologie an der Universität Greifswald. Die Klimabedeutung der Moore ist vor allem, dass sie disproportional viel Kohlenstoff in sich halten. Wenn man Moore entwässert, wird dieser Kohlenstoff mobilisiert als Kohlendioxid, ein Treibhausgas. Und das sind unvorstellbare Mengen. Was hier aus dem Boden kommt an CO2 pro Hektar, das entspricht der gleichen Menge an CO2, als dass man mit einem Mittelklasseauto 135.000 Kilometer fährt.

Wenn man da stark ranfährt, dann tauchen hier plötzlich helle Punkte drin auf.

Wie erforschen ziemlich viele Aspekte von Mooren. Zum Beispiel wie sie entstehen, wie sie funktionieren und auch wie wir Moore wieder vernässen können und sie doch produktiv halten können für die Gesellschaft. Das sind die sogenannten Paludikulturen. Das Spannende an Paludikulturen ist, dass es eine vollständige Änderung von Denkweisen ist. Unsere Landwirtschaft stammt aus dem Mittleren Osten, aus einer sehr trockenen Landschaft. Und diese Denkweisen, die dort für tausende Jahre entwickelt sind, sind, ohne Rücksicht angewandt auf nasse Landschaften wie Moore, die dazu natürlich trockengelegt werden mussten. Das Denken in nasser Landwirtschaft steckt nicht in unseren Genen. Keiner weiß, welche Pflanzenarten man da richtig von nutzen kann. Und das ist, was wir alles versuchen zu erforschen. Eine neue Landwirtschaft zu schaffen, die produziert, ohne Schaden anzurichten. 

Ein Moor gibt es nicht in einem Reagenzglas. Ein Moor gibt es in einer Landschaft, weil es ist eine Landschaft. Und daraus muss man dann auch seine Proben holen, um die Landschaft besser im Detail zu untersuchen.

Als Wissenschaftler wird man oft abgebildet als steril in Weiß. Und ich bin gern dreckig. Wenn ich meine Hand ins Moor stecke, dann dringe ich tief in einen Körper hinein.

Mit den Zähnen kann man eigentlich am besten spüren, ob da etwas an Sand drin ist. Ist nichts empfindlicher als die Zähne und Sand.

Es ist wichtig, auch den Studenten zu lehren, dass sie Forschungsmittel selbst dabei haben. Kontakt hat man mit seinen Händen, mit seinen Augen, mit seinen Ohren, mit seinem Geschmack. Man muss doch versuchen, möglichst nahe dran zu kommen, um die Landschaft zu verstehen.

Wir haben hier, ich sag mal, 500 Jahre drin sitzen.

Wenn ich mitten im Moor stehe, ich habe den Himmel über mir, und ich weiß, dass die ganze Geschichte unter mir steckt. Weil die Schichten von Torf, die alles, was in den letzten 10.000 Jahren geschehen ist, abgelagert haben und diese Kenntnis in sich tragen. Und diese Verbindung von dieser ganzen Vergangenheit mit einem Blick in die Unendlichkeit des Weltalls da oben, das, ja, beflügelt mich sehr.

Wissenschaftler werden getrieben durch Neugier. Die Wissenschaft hat aber auch die Aufgabe, die Kapazität, die sie hat, einzusetzen, um Probleme zu lösen. Von Menschen, die dafür trainiert sind, um breit zu denken, tief zu denken. Nicht, dass ich nicht neugierig bin, ich würde auch sehr gerne wissen, wie diese Polygonmoore funktionieren, das ist mein Lieblingsding. Aber ich erlaube es mir selbst nicht, mich nur darauf zu fokussieren, weil ich weiß, dass ich als Moorkundler Fragen beantworten kann, die die Welt als Problem hat. Das treibt mich sehr.