Markus Beckedahl: Geht das Internet jetzt kaputt?

In den 90er-Jahren hatten wir die Utopie, dass das Netz zu Dezentralität, Offenheit und Gleichheit führt. Und die meisten haben unterschätzt, dass diese Netzwerk-Effekte, die wir so toll fanden, zu einer krassen Monopolisierung führen können.

Video abspielen
Markus Beckedahl: Geht das Internet jetzt kaputt? (Video)
Youtube

Bewegen wir uns auf einen Überwachungsstaat oder auf eine offenere Gesellschaft zu? Die digitalen Innovationen können unser Leben als freie Bürger in Frage stellen, meint Markus Beckedahl, Gründer und Chefredakteur von netzpolitik.org. Die Zukunft des Internets hänge von Gesetzen ab, die jetzt gemacht werden. Ob sich die Entscheidungsträger dessen bewusst sind?

Markus Beckedahl diskutiert auf dem Forschungsgipfel 2016 zur Frage: Welche Rahmenbedingungen sollten wir setzen, um das Potenzial der Digitalisierung für den Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland optimal nutzen zu können?

Jede Woche neu beim Stifterverband:
Die Zukunftsmacher und ihre Visionen für Bildung und Ausbildung, Forschung und Technik

Autoren: Corina Niebuhr und Timur Diehn
für den YouTube-Kanal des Stifterverbandes

Transkript des Videos

Ich glaube nicht, dass es eine gesellschaftliche Mehrheit dafür geben würde, dem Staat zu erlauben, einfach so in unsere Gehirne reinzukommen. Aber über den Umweg über Technik, die keiner so wirklich versteht, könnte es möglicherweise aus Unwissenheit eine Mehrheit dafür geben.

Diese Diskrepanz zwischen: Wir bewegen uns auf eine Welt zu, wo durch Maßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung auf einmal alles getrackt wird, wo einfach nachvollziehbar ist, wo wir waren und wen wir dabei getroffen haben. In der analogen Welt würde das doch keiner akzeptieren, da würde selbst unsere Elterngeneration auf die Straße gehen und dagegen demonstrieren, wenn auf einmal klar werden würde: Es wird für Wochen gespeichert: Wann hat man wen beim Einkaufen getroffen? Mit wem hat man beim Kaffeekränzchen zusammengesessen? Da war allen klar: Das geht aber nicht! Das wollen wir nicht! In der digitalen Welt lassen wir es zu. Und es gibt noch die anderen Debatten darüber, gerade aktuell über den Staatstrojaner oder Apple versus FBI, wo halt staatliche Sicherheitsbehörden Zugriff haben wollen auf ein Device, und im Moment reden wir über so ein Handy, wo ein Chip drauf ist. Aber was ist, wenn wir in fünf oder zehn Jahren diese Chips einfach in Form von Hörgeräten, Herzschrittmachern eingebaut haben? Was, wenn unser Gehirn daran angeschlossen wird? Wenn wir auf einmal irgendwie bessere Sehhilfen bekommen mit einem Anschluss? Und wenn quasi diese Regeln, die jetzt für dieses Handy gemacht werden, damit man jetzt auf dieses Handy draufkann auf einmal, dann in zehn Jahren Sicherheitsbehörden ermöglichen, in unsere Gehirn reinzugucken? Wollen wir das oder wollen wir das nicht?

Sagen wir mal, es gibt halt so zwei große mögliche Szenarien, auf der einen Seite diese Dystopie, dass immer weniger immer größer werdende Unternehmen alle Bereiche unseres digitalen Lebens dominieren, wir quasi in einer Google- oder Facebook- oder Apple-Welt nur noch total agieren, ohne wirklich noch die Möglichkeit zu haben, da raus zu kommen. Total getackt zu sein, was auch wiederum zu Symbiosen führen könnte zwischen staatlichen Akteuren und privaten Akteuren. Das heißt, wir leben dann in einer total überwachten Welt, wo wir einfach nicht mehr souverän sind, wo wir nur noch eigentlich als Konsumenten agieren, aber nicht mehr als freie Bürger. Ich hoffe, dass wir diese Welt nicht bekommen werden. Ich hoffe, dass wir eine andere Welt haben werden, wo Kommunikation weiterhin dezentral und offen stattfinden kann, wo jeder eigentlich die Möglichkeiten hat, selbstbestimmt quasi am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, wo Innovationen ermöglicht werden, wo Wissen jedem frei zur Verfügung steht, wo eigentlich ja unsere demokratischen Werte quasi auch in der digitalen Gesellschaft so durchgesetzt sind und so geschützt werden, wie wir es im analogen Leben erwarten würden und auch erwarten.

Also, in den 90er-Jahren hatten wir die Utopie, dass das Netz zu Dezentralität, Offenheit und Gleichheit führt. Und die meisten haben unterschätzt, dass diese Netzwerk-Effekte, die wir so toll fanden, zu einer krassen Monopolisierung führen können, vor allen Dingen durch die Verbindung mit einem sehr liberalisierten Kapitalismus, wo es massiv um Geld geht. Und, ja, auf einmal sind wir in der Situation, dass es zwar auf der einen Seite so diese Gegenbewegung gibt, die Linux-, Wiipedia-, Firefox-, all diese Open-source-Systeme haben groß werden lassen durch Kollaboration, Zusammenarbeit, durch Dezentralität. Auf der anderen Seite haben wir riesige Konzerne, die massiv unsere Kommunikation als Gesellschaften dominieren, die Regeln auch immer mehr selbst festlegen, wie wir darüber kommunizieren, und die sich natürlich dann auch dieser offenen Systeme bedienen, um ihre Macht und Einfluss auszuweiten.

Wir stehen gerade so ein bisschen vor der Herausforderung, dass die ganzen Gesetze, die ganzen Regularien für die nächsten zehn, zwanzig Jahre jetzt geschaffen werden, wo ein Teil der Gesellschaft noch nicht verstanden hat, dass sie davon auch betroffen sind, weil von den Gesetzen, die jetzt geschaffen werden, werden alle in der Zukunft betroffen sein. Das heißt, auch wenn viele Gesetzgebungsprozesse eigentlich zu spät kommen, weil bestimmte Phänomene viel früher aufgetreten sind, weil die Politik viel später darauf reagiert, so ist da manchnal die gesellschaftliche Debatte noch weiter zurück, dass sie halt nur von einem Teil der Gesellschaft geführt wird, aber der Rest gar nicht so mitbekommen hat, dass die betroffen sind. Also, es ist vielleicht ein bisschen auch vergleichbar mit der Umweltbewegung. Also, die Klimakatastrophe fing schon an, als die ersten Umweltschützer quasi auf die Straße gingen, dagegen demonstrierten, als der große Teil sich noch nicht betroffen fühlte. Jetzt, 40 Jahre später, ist quasi Klimawandel oder Klimaschutz Staatsziel geworden. Es gibt kaum noch Leute, die dagegen sind. Aber vor demselben Phänomen oder Herausforderung steht das Internet, stehen wir als digitale Gesellschaft. Und es gibt da eine ganze Menge Gesetzgebung, wo wir eigentlich viel mehr Stimmen brauchen würden, um da eine zukunftssichere Gesetzgebung hinzubekommen. Ein Beispiel ist die Netzneutralität. Netzneutralität bescheibt eigentlich den Zustand, wie das Internet groß geworden ist über das sogenannte Ende-zu-Ende-Prinzip. Dass sich halt, sagen wir mal, die Urväter des Internets vor über 30 Jahren Gedanken gemacht haben und eine radikale Design-Entscheidung getroffen haben, die das Internet erst hat groß werden lassen, nämlich dass die Intelligenz an den Enden der Netze stattfinden soll, also dass halt nicht in der Mitte der Netzwerke entschieden wird, was läuft schneller oder langsamer, sondern dass wir an den Enden entscheiden an unseren Geräten, unsere Geräte selbstständig entscheiden, mit wem sie wie kommunizieren, mit welcher Hardware, mit welcher Software, mit welchen Protokollen. Und keiner in der Mitte sagt: Das geht, das geht nicht. Und auf einmal gibt es aber Technologien und eine zunehmende Konzentration auf dem Telekommunikationsmarkt, die Begehrlichkeiten bei Telekommunikationsanbietern wecken, dass sie nämlich auf einmal an den zentralen Kontenpunkten in eine neue Machtposition kommen, entscheiden zu können: Das geht schneller, das geht langsamer, hier können wir Mautgebühren oder Mautstationen errichten. Und das geht zu Lasten dieses Netzes.

Also, was ich bei dem Forschungsgipfel versuche rüberzubringen, ist: Innovation funktioniert nicht mehr so wie früher. Innovation, digitale Innovation kann bei mir zuhause im Wohnzimmer passieren. Innovation kann dadurch passieren, dass sich Menschen mit Leidenschaft ohne eine Geldmotivation, aus Spiel und Spaß übers Internet verbinden, um etwas Neues zu schaffen, einfach aus reiner Neugierde. Und ich glaube, unsere Forschungslandschaft ist auf diese Phänomene, auch wenn sie nicht mehr so neu sind, auch wenn wir sie seit 20, 30 Jahren beobachten können, noch nicht darauf ausgerichtet. Ich glaube, es ist immer noch einfacher, wenn man als Unternehmen, als Entität mit einem Unternehmen dahinter eine Million irgendwo an Forschungsgeldern beantragt, als wenn Sie eine Mailingliste mit den 50 besten Programmierern der Welt haben, die sich nur darum kümmern, dass sie einmal im Jahr irgendwie an einem Wochenende zusammenkommen wollen und jemand ihnen die Fahrtkosten finanziert, um dann im Rest der Zeit ein großartiges Software-Projekt zu machen. Also, wie schaffen wir es, so quasi Forschung und Innovation zu demokratisieren und an diese neuen Zeiten anzupassen? Wo Innovation nicht mehr nur top-down stattfindet mit ganz viel Geldeinsatz, sondern von 15-Jährigen quasi nach der Schule in ihrem Kinderzimmer gemacht werden kann, die dann möglicherweise durch eine gute Idee und das richtige Momentum und ein bisschen Leidenschaft auf einmal Technologie revolutionieren können.