Peggy Groß
ist Pressesprecherin des Stifterverbandes.
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Gefühlte Polarisierung. Wird die Welt konservativer? Ist die deutsche Einheit gelungen? Schon an den Titeln über Interviews mit Steffen Mau lässt sich ablesen: Der Soziologe spricht mit seiner Forschung zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen eine breite Öffentlichkeit an. Steffen Maus Analysen zu sozialer Ungleichheit, Wohlfahrtsstaat, Europäisierung, Migration, Digitalisierung, Grenzen und politischen Konflikten prägen Debatten in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit seit Jahren. Dafür zeichnen ihn die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Stifterverband nun mit dem Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Preis 2026 aus.
Der mit 30.000 Euro dotierte Preis wird für Beiträge zur wissenschaftlichen Bearbeitung gesellschaftlich wichtiger Herausforderungen verliehen, als deutsche Auszeichnung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Gebiet der wissenschaftsbasierten Politikberatung.
"Steffen Mau stellt sich in seiner soziologischen Forschung der Komplexität moderner Gesellschaften, er analysiert treffend, ohne die betrachteten Prozesse vorschnell zu vereinfachen", sagt Bettina Rockenbach, Präsidentin der Leopoldina über den diesjährigen Weizsäcker-Preisträger. "Er ist dabei weder auf enge methodische Schulen seines Fachs festgelegt noch auf kurzfristige Zeitdiagnosen", sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin weiter.
"Steffen Mau zählt seit vielen Jahren zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Soziologie. Er analysiert zentrale gesellschaftliche Transformationsprozesse der Gegenwart und ordnet diese theoretisch fundiert ein. Mau vermittelt seine Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit in einer Weise, dass sie weit über die Grenzen des Faches hinaus Wirkung entfalten und zur Demokratieförderung beitragen", so Melanie Maas-Brunner, Präsidentin des Stifterverbandes.
Steffen Mau verbindet in seiner Forschung die Analyse empirischer Daten mit einer historischen Einordnung und soziologischen Theorien. Im Mittelpunkt stehen die Themen soziale Ungleichheit, Wohlfahrtsstaat, Europäisierung, Migration, Digitalisierung, Grenzen und politische Konflikte. Internationale Aufmerksamkeit erlangte Mau unter anderem mit seinen Arbeiten zu Grenzen und globaler Mobilität. Darin beschreibt er Grenzen nicht als Überbleibsel einer vergangenen Zeit, sondern als wirkmächtige Institutionen der Gegenwart. Diese entscheiden mit darüber, wer sich frei bewegen kann, wer Zugang zu Chancen erhält und wie Ungleichheit weltweit fortgeschrieben wird.
Ein weiteres Thema seiner Forschung ist die Frage, warum aus gesellschaftlichen Unterschieden politische Konflikte erwachsen. Mau stellt fest, dass Konflikte nicht nur entlang der Unterscheidung von Arm und Reich verlaufen. Auch Fragen von Migration, Zugehörigkeit, Geschlecht, Lebensweisen, Klima und Zukunftserwartungen können gesellschaftliche Auseinandersetzungen prägen. Dabei richtet Mau den Blick nicht nur auf Spaltung, sondern auch auf weiterhin bestehende Gemeinsamkeiten. Große Resonanz finden Maus Arbeiten zu Ostdeutschland. Er zeigt, wie tief der Umbruch nach 1989 in Lebensläufe, Institutionen und politische Einstellungen eingriff. Mit seiner Forschung trägt Mau dazu bei, die Debatte über Ostdeutschland zu versachlichen und die langfristigen Folgen von Transformation, Anerkennungserfahrungen und politischer Teilhabe besser zu verstehen.
Steffen Mau ist Soziologe und seit Oktober 2025 Direktor der Abteilung "Ungleichheit, Transformation und Konflikt" am Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissenschaft in Göttingen. Seit 2015 lehrt er als Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach seinem Studium der Soziologie und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin promovierte Mau am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz mit einer Arbeit zum Wohlfahrtsstaat in Großbritannien und in Deutschland. Es folgten Stationen an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Bremen, wo er zunächst Juniorprofessor für Sozialpolitik und später Professor für Politische Soziologie und vergleichende Analyse von Gegenwartsgesellschaften war.
Für seine Forschung erhielt Mau zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2021 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und 2023 den Communicator-Preis von Stifterverband und DFG. Steffen Mau bringt seine Expertise in die Politikberatung und den Wissenstransfer ein. Er war unter anderem Mitglied der wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats, Mitglied im Sachverständigenrat Integration und Migration sowie in der gemeinsamen Arbeitsgruppe "Zukunft der Arbeit" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina. Zudem berät er Ministerien, Stiftungen und andere Institutionen zu Fragen gesellschaftlicher Entwicklung.
Der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Preis ist als Wissenschaftspreis des Stifterverbandes mit 30.000 Euro dotiert und wird in Zusammenarbeit mit der Leopoldina alle zwei Jahre an einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Forscherteams vergeben, die einen Beitrag zur wissenschaftlichen Bearbeitung gesellschaftlich wichtiger Probleme geleistet haben. Den ersten Weizsäcker-Preis erhielt im Jahr 2009 der Wissenschaftler und Bürgerrechtler Jens Reich. Seitdem wurden beispielsweise die Meeresforscherin Antje Boetius, der Ökonom Christian Dustmann und der Neuropsychologe Thomas Elbert ausgezeichnet.
Die Preisverleihung findet am 3. Dezember 2026 in Halle (Saale) im Rahmen der traditionellen Weihnachtsvorlesung der Leopoldina statt, die der Preisträger zum Thema "Herausforderungen des liberalen Gesellschaftsmodells" hält.
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