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Wir sollten uns nicht auf den Staat verlassen

 
Melanie Maas-Brunner, die Präsidentin des Stifterverbandes, spricht im Handelsblatt-Interview über die Schwächen des Forschungsstandorts, Anreize für Risikokapitalgeber – und darüber, wo die Schweiz Vorbild ist.

 

Deutschland steckt in der Dauerkrise. Ist der Abstieg der Industrienation noch aufzuhalten?
Ich bin ein optimistischer Mensch. Richtig ist: Unternehmen bauen Personal ab, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Staaten wie China machen uns enorm Konkurrenz. Die deutschen Industrien müssen sich zwangsläufig neu erfinden. Wir werden keinen Boom der Stahl- oder Chemieindustrie mehr erleben.

Was heißt "neu erfinden"?
Deutschland war immer stark, wenn es mit neuen Technologien für Investitionen und Wirtschaftswachstum gesorgt hat. Wir brauchen neue Technologien und müssen dafür stärker auf das Zusammenspiel von Services, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz setzen. Dann können wir sicher auch wieder mit anderen Staaten mithalten.

Welche Stärken hat der Forschungsstandort Deutschland noch?
Die Exzellenz in der Forschung ist auf jeden Fall noch da. Es gibt auch genügend Geld für die Forschung.

Das reicht?
Die Institute benötigen Menschen, die eine exzellente Bildung genossen haben. Und da muss ich sagen: Andere Länder bilden ihre Kinder besser aus. Zudem müssen wir auch den Transfer von Ideen in Produkte endlich hinbekommen. Dafür ist der Schulterschluss von Politik, Forschung und Wirtschaft bedeutend. Gemeinsam müssten Innovationsprozesse effizienter organisiert, Zuständigkeiten klarer definiert und Kooperationen verlässlicher gestaltet werden. Wenn sich Unternehmen wieder enger mit der Wissenschaft und dem Bildungssystem verknüpfen und Forschungsideen begierig aufnehmen, dann bekommen wir auch wieder eine Exzellenz, mit der das Land Arbeitsplätze und Wertschöpfung schafft.

Melanie Maas-Brunner, Präsidentin des Stifterverbandes (Foto: David Ausserhofer)
Melanie Maas-Brunner, Präsidentin des Stifterverbandes (Foto: David Ausserhofer)
Foto: David Ausserhofer
Melanie Maas-Brunner, Präsidentin des Stifterverbandes

Das deutsche Forschungsökosystem wird häufig gelobt. Fakt ist aber: Im globalen Wettlauf um Innovationen holen andere Staaten auf. Das zeigen etwa allein die Patentrankings.
Deutschland ist bei Innovationen nicht mehr in den Top Ten. Deshalb müssen wir uns strategisch aufstellen und sagen, was wir überhaupt machen wollen und wo wir dafür das beste Umfeld haben. Nehmen Sie Eindhoven in den Niederlanden als Beispiel: Dort schafft die Universität ein Innovationsökosystem mit Talenten und Start-ups. Große Firmen in der Halbleiterindustrie haben sich dort angesiedelt. Da sind Leute, die Geld in Start-ups investieren. Solche großen Technologiezentren wünsche ich mir auch in Deutschland. Es ist nicht förderlich, dass jedes Bundesland da ein bisschen was macht.

Bei welchen Schlüsseltechnologien sehen Sie noch gute Chancen für Deutschland?
In der Biotechnologie haben wir extrem gute Grundlagen, sei es im Bereich Gesundheit oder Chemie. Das ist wichtig, weil die Chemie essenzieller Bestandteil der Wertschöpfungsketten in Deutschland bleiben muss. Auch in der Quantentechnologie hat sich Deutschland eine gute Position erarbeitet. Langfristig ist Technologie zur Energieerzeugung per Kernfusion interessant, auch wenn es ein kostenintensives Hochrisikothema mit ungewissem Ausgang ist.

Was ist mit Künstlicher Intelligenz?
Beim Thema Künstlicher Intelligenz können wir uns sehr wohl Nischen suchen. Denken Sie allein an die Kombination aus anwendungsorientierter Künstlicher Intelligenz wie der Robotik bis hin zu Prozessen in Unternehmungen und Fabriken.

Schafft das Arbeitsplätze?
Erst einmal sorgt es dafür, dass wir kosteneffizient und zukunftsorientiert produzieren. Das sichert unsere Industrie. Die Mitarbeiter, deren Tätigkeit der KI-Agent übernimmt, werden andere Aufgaben bewältigen. Eine Dark Factory ohne Menschen kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.

Der Staat sollte vor allem die Rahmenbedingungen in Deutschland verbessern.

 
 
Wie wichtig ist die Hightech-Strategie des Bundes?
Strategien stehen immer erst einmal auf dem Papier, entscheidend ist die Umsetzung. Erstmals wurde hier das Prinzip des Roadmappings aufgegriffen. Für dieses strategische Instrument einer langfristig angelegten Innovationspolitik hat sich der Stifterverband stark engagiert.

Was genau wurde bisher erreicht?
Es wurden jetzt Meilensteine definiert und auch Verantwortliche benannt, wenn auch leider nur teils konkret. Auch sind die Indikatoren, wann ein Meilenstein erreicht oder nicht erreicht wird, zum Teil sehr vage. Meine größte Sorge ist: Es gibt in den einzelnen Bereichen niemanden, der all das orchestriert, der sich verantwortlich fühlt. Wir brauchen den Dirigenten, der den Takt vorgibt und das Ganze zum Klingen bringt.

Wer könnte denn so ein Dirigent sein?
Je nach Technologie oder Meilenstein kann der Dirigent aus der Industrie oder aus der Wissenschaft kommen. Verantwortlich sind letztlich die federführenden Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft.

Ihr ehemaliger Arbeitgeber BASF investiert jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung – so viel wie der Bund pro Jahr für seine Agenda. Hängt der Erfolg von Technologieentwicklung nicht an anderen Fragen als der Organisation konzertierter Aktionen?
Wir sollten uns nicht auf den Staat verlassen, um den Wandel zu gestalten. Der Staat sollte vor allem die Rahmenbedingungen in Deutschland verbessern. Ich plädiere sehr dafür, dass private Kapitalgeber leichter in Forschung und Entwicklung, in Innovationen investieren können. Dazu müssen wir nicht nach Amerika schauen. Schweden als Innovationsland Nummer eins in Europa oder die Schweiz reichen da. In beiden Ländern ist es selbstverständlich, dass Unternehmen mit Universitäten sehr eng zusammenarbeiten.

Welche Anreize wären nötig, um privates Kapital zu mobilisieren?
Steuerliche Anreize für jeden, der Wagniskapital in Innovationen investiert, wären schon ein erster guter Schritt. Natürlich werden wir nie die Summen wie in den USA erreichen. Aber das System wäre dann freier. Freiheit schafft Kreativität.

Gipfel für Forschung und Innovation 2026 (Foto: Julia Merkel)
Gipfel für Forschung und Innovation 2026 (Foto: Julia Merkel)
Foto: Julia Merkel
Auf dem vom Stifterverband mitveranstalteten Gipfel für Forschung und Innovation am 25. Juni 2026 ging es um die Frage: Wie wird aus wissenschaft­licher Exzellenz und politischer Strategie schneller konkrete Innovation?

Deutschland setzt auf staatliche Förderung. Die aber kritisieren Experten als ungenau und ineffizient.
Es gibt zu viele Fördertöpfe in Deutschland. Das durchdringt niemand mehr - nicht einmal die Empfänger, für die das Geld reserviert ist. Sie bekommen leicht an verschiedenen Stellen für dasselbe Thema Geld. Für mich heißt das: Unser staatliches Fördersystem ist viel zu kompliziert und nicht zielgenau, um aus einem Euro wirklich Wirkung zu erzielen. Wir müssen das Fördersystem aufräumen, verschlanken, Transparenz schaffen, regelmäßig überprüfen und fragen: Geht es nicht besser?

Eine Überprüfung findet kaum statt, und wenn, dann werden die kritischen Berichte unter Verschluss gehalten.
Es gibt auch Unternehmen, die sich damit schwertun, mit Misserfolgen umzugehen – obwohl lernen doch bedeutet, besser zu werden. Auch eine gute Fehlerkultur gehört zu den Rahmenbedingungen einer modernen Volkswirtschaft. Wir müssen über Misserfolge reden und daraus lernen.

Angesichts der vielen strukturellen Probleme in Deutschland: Was machen andere Länder besser als wir?
Die Schweiz ist ein gutes Beispiel. Dort arbeitet etwa die Hochschule in Zürich eng mit der Wirtschaft zusammen. In Deutschland reden wir bei solchen Kooperationen aber erst einmal über die Frage, wem das geistige Eigentum nach einer Kooperation gehört, wer das Geld mit dem Patent verdient. In der Schweiz legen sie einfach los nach dem Motto: Wenn was aus der Forschungskooperation herauskommt, fällt schon für jeden etwas ab. Andere machen Innovationen, wir setzen erst einmal Verträge auf.

Kann Deutschland denn auch von China lernen?
Wir können sicherlich von China lernen. Das Land identifiziert Themen und verfolgt sie konsequent, etwa in der Robotik oder der Biotechnologie. Es fließt viel Geld, wird über Hochschulen flankiert, so dass Talente wachsen, die später in die Wirtschaft gehen und die Dinge umsetzen. Auch wenn das politische System in China ganz anders als unseres ist, lehrt uns das Land: Wenn Politik, Wissenschaft und Industrie gemeinsame Ziele haben und an einem Strang ziehen, ist alles möglich.

Agieren die chinesischen Unternehmen bei Innovationen aggressiver?
Ich habe in der Industrie mit vielen Autobauern zusammengearbeitet und kann sagen: Chinas Hersteller sind extrem anstrengend in dem Sinne, dass sie echte und bahnbrechende Innovationen von ihren Zulieferern verlangen. Dieses Fordern hat viel Fortschritt gebracht.

China fokussiert Hochschulen auch konsequent auf Themen. Hierzulande machen viele Unis alles. Ist das noch zeitgemäß?
Da sind wir wieder beim Dirigenten: Wir brauchen Menschen und Institutionen, die bei gewissen Technologien in Deutschland führen. Im Wissenschaftssystem gibt es sehr viele Akteure, sei es die Hochschulrektorenkonferenz, die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Sie alle sollten gemeinsam überlegen, was für Deutschland und Europa das Beste ist, welche Strukturen passen. Das ist kein einfacher Prozess, weil immer jemand zurückstecken muss. Aber, wir müssen uns diesen Diskurs zumuten.

Dieser Wunsch dürfte vermutlich noch schwerer in Erfüllung gehen als der Traum von der Kernfusion.
Ich beobachte, dass viele Akteure in Wirtschaft und Wissenschaft verstanden haben, dass ein Vorgehen in Gemeinschaft letztlich auch der Erreichung der eigenen Ziele viel mehr dienen kann. In einem Unternehmen würde man konsequent umstrukturieren, damit es besser läuft. Das ist nicht übertragbar, aber: Wir haben nicht mehr unendlich viel Zeit. Jeder muss endlich verstehen, dass die bestehenden Systeme nicht mehr gut genug sind. Wenn wir es schaffen, sie zu ändern, dann bleibe ich auch optimistisch.

 

Melanie Maas-Brunner, geboren 1968, war mehr als 25 Jahre Managerin bei BASF, zuletzt Technologiechefin im Konzernvorstand und Arbeitsdirektorin. Nachdem sie im Mai 2024 den Chemiekonzern verlassen hatte, übernahm sie zunächst mehrere Aufsichtsratsmandate. Anfang 2026 wurde die Rheinländerin zur neuen Präsidentin des Stifterverbandes gewählt und folgt dort auf Michael Kaschke. Am 24. Juni 2026 hat sie ihr Amt angetreten.

 
Das Interview erschien zunächst am 24. Juni 2026 im Handelsblatt.
Die Fragen stellen die Redakteure Daniel Delhaes und Bert Fröndhoff.

 

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