Sicherheits- und Verteidigungsforschung neu denken
Innovationskraft für Souveränität und Wertschöpfung
Forschung und Innovation im Bereich der Sicherheit können für Deutschland einen doppelten Nutzen bringen: Sie stärken Verteidigungsfähigkeit, Resilienz und technologische Souveränität und fördern gleichzeitig neue Ideen, Produktivität und wirtschaftliche Leistung. Die Hebelwirkung ist enorm: Erkenntnisse aus den USA zeigen, dass Investitionen in Verteidigungsforschung unter den richtigen Voraussetzungen langfristig eine 1,7- bis 2-fache Wirkung auf die gesamte Wirtschaft entfalten können. Für Deutschland würde sich dieser Multiplikatoreffekt langfristig in ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 22 Milliarden Euro jährlich übersetzen.
Die im Juli 2026 veröffentlichte Analyse basiert auf einer Vielzahl von Quellen, darunter auch Analysen von McKinsey & Company. Der Stifterverband ist verantwortlich für die Schlussfolgerungen und Ableitungen aus diesen Recherchen.
Die Analyse zeigt, dass wesentliche Voraussetzungen für die Realisierung dieses Potenzials darin liegen, dass Investitionen in die Forschung ausreichend hoch und die Rahmenbedingungen für ein nahtloses Ineinandergreifen von Sicherheit und Innovation vorhanden sind. Auch wenn die USA und andere Länder – wie Israel und Südkorea – zeigen, dass verteidigungsbezogene Forschung und Entwicklung über ihren unmittelbaren Sicherheitszweck hinaus Wirkung entfalten können, müssen Deutschland und Europa die dort erprobten Konzepte an ihre eigenen Sicherheits- und Innovationssysteme anpassen. Eine besondere Rolle bei der besseren Verzahnung der beiden Politikbereiche Sicherheit und Verteidigung auf der einen sowie Forschungs- und Innovationspolitik auf der anderen Seite spielen parlamentarische Kontrolle, rechtsstaatliche Verfahren, verantwortungsvolle Exportregeln, die Aufgabenverteilung von Bund und Ländern sowie die Zusammenarbeit in Europa. Ziel ist entsprechend nicht die Entwicklung eines militärisch geprägten Innovationssystems, sondern ein verantwortungsvoll geregeltes Modell, das zivile und sicherheitsbezogene Entwicklungen miteinander verbindet – mit klaren Anforderungen, Forschungsfragen, die für verschiedene Technologien offen sind, der Bereitstellung von Risikokapital, Erprobung, Anschlussinvestitionen und einer breiten Umsetzung in der Industrie.
Die Analyse untersucht die deutsche sicherheitsbezogene Forschungslandschaft auf Basis von Interviews mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und sicherheitsnahen Institutionen. Ergänzend wurden Daten der Start-up-Datenbank startupdetector zur Analyse von Start-up-Aktivitäten herangezogen. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern sie im Sinne eines produktiven Innovationsökosystems mit Staat, Wirtschaft und Startups aufgestellt ist.
Wesentliche Erkenntnisse aus der Analyse
- Innovationsfähigkeit als Sicherheitsfaktor
Die Fähigkeit, technologische Entwicklungen schnell zu verstehen und anzuwenden ist ein entscheidender Faktor für die sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit.
- Strukturelle Defizite im Innovationssystem
Trotz einer starken Basis in Forschung, Industrie und einer wachsenden Start-up-Landschaft im Sicherheitsbereich zeigen sich strukturelle Brüche im deutschen System. Die mangelnde systematische Verknüpfung zwischen den vorhandenen Stärken und den konkreten Bedarfen von Sicherheit und Verteidigung gilt als größte Hürde.
- Vier zentrale Engpässe
Hemmnisse, die eine effektive Nutzung der Potenziale verhindern:
1. Zielsetzung: Es fehlt an einer klaren und technologieoffenen Übersetzung von Sicherheitsbedarfen in strategische Prioritäten.
2. Finanzierung: Die Finanzierung ist lückenhaft und unterstützt den Übergang von der Forschung und Demonstration zur Erprobung, Beschaffung und industriellen Skalierung nicht systematisch.
3. Kooperation: Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Sicherheitsakteuren ist unzureichend, was den Transfer von wissenschaftlichen Potenzialen in anwendungsfähige Lösungen behindert.
4. Talente und Kultur: Unklare rechtliche und ethische Rahmenbedingungen sowie administrative Hürden führen zu Unsicherheit und hemmen das Engagement in der sicherheitsrelevanten Forschung.
Insgesamt zeigt die Analyse, dass die zentrale Herausforderung in Deutschland nicht ein Mangel an Potenzialen ist, sondern die unzureichende und fragmentierte Nutzung dieser Potenziale. Die vorhandenen Stärken in Wissenschaft und Wirtschaft werden nicht effektiv mit den sicherheitsrelevanten Anforderungen verbunden, was die Entfaltung einer vollen sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Wirkung verhindert.
Aus dem Inhalt
Sicherheit als Innovationsagenda: Wie Forschung einen doppelten Nutzen entfaltet
Doppelte Dividende: Sicherheit und Wertschöpfung
Sicherheit breiter denken
Von Dual Use zu Bedarfsübersetzung: Warum der Nutzungskontext entscheidet
Deutschlands Ausgangslage: Viel Potenzial, wenig Verbindung
Breite Basis: Hochschulen, Industrie und Start-ups als Ausgangspunkt
Fragmentierung: viel Aktivität, zu wenig Verbindung
Vier Engpässe auf dem Weg von Forschung zu Wirkung
Zielsetzung und Rahmenbedingungen
Finanzierung
Kooperation und Vernetzung
Talente und Kultur
Regionale Profile entwickeln und Hemmnisse abbauen
Hamburg und die maritime Küstenregion: Synergien durch überlappende Ökosysteme
Nordrhein-Westfalen: Innovationspipeline für industrielle Skalierung
Zusammenfassende Analyse der systemischen Architektur und strategischen Arbeitsteilung
Fehlen einer durchgängigen Rollenverteilung in der Innovationskette
Defizite bei der technologieoffenen Bedarfsübersetzung
Strukturelle Brüche in der Finanzierung bei der Skalierung
Unzureichende Vernetzung der Transferpfade
Friktionen durch mangelnde Handlungssicherheit (Talente und Kultur)
Fazit: Vom Forschungspotenzial zur sicherheitspolitischen Wirkung
Mehr Info
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