Informatikunterricht: Deutschland abgehängt in Europa

Eine Vergleichsstudie von Stifterverband und Heinz Nixdorf Stiftung

Die zentralen Aussagen des Policy Papers:

  • 2023 ist das Europäische Jahr der Zukunftskompetenzen. Im vorliegenden europäischen Vergleich zeigt sich: Deutschland verliert den Anschluss bei der informatischen Grundbildung.
  • Während fast alle europäischen Länder Informatik im Pflichtunterricht verankert haben, fristet Informatik in vielen deutschen Bundesländern ein Nischendasein im Wahlbereich.
  • Damit gehört Deutschland zu nur noch neun von 37 europäischen Ländern, die ihren Schülerinnen und Schülern keine informatische Grundbildung garantieren können.
  • Ein Viertel der europäischen Länder schätzt die Bedeutung von Informatik sogar so hoch ein, dass sie von der Grundschule bis zum Ende der Sekundarstufe I gelehrt wird. Im Vergleich dazu sind selbst die beiden deutschen Spitzenreiter (Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen) mit einem durchgehenden Informatikunterricht in der Sekundarstufe I nur zweitklassig.
  • Mit dem bisherigen Tempo wird Deutschland weiter zurückfallen: Seit 2017 haben rund ein Drittel der europäischen Länder ein Pflichtfach Informatik im Umfang von mehr als zwei Jahren eingeführt; der Anteil beträgt nun 46 Prozent. Die Anzahl Bundesländer mit einem solchen Angebot stieg von einem auf zwei.
  • Um in Europa aufzuholen, müssen die Bundesländer drei Aufgaben lösen: Informatik in die Stundentafeln integrieren, Informatiklehrkräfte schulen und gewinnen, IT-Infrastruktur ausbauen.

Fachkräftemangel, ungerechte Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe, Sorgen um Wettbewerbsfähigkeit in und außerhalb Europas – die meisten europäischen Länder sehen sich mit diesen Herausforderungen konfrontiert. Mit dem Jahr der Kompetenzen 2023 möchte die Europäische Kommission Aus- und Weiterbildung stärken, um diesen Herausforderungen entgegenzutreten. Im Fokus stehen dabei digitale und informatische Kompetenzen. Die Europäische Kommission sagt, dass "bis zum Jahr 2030 mindestens 80 Prozent aller Erwachsenen über grundlegende digitale Kompetenzen verfügen und in der EU 20 Millionen IKT-Fachkräfte beschäftigt sein sollten; gleichzeitig sollten mehr Frauen zu einer solchen Tätigkeit motiviert werden".

Digitale Kompetenzen – beispielsweise ein kompetenter Umgang mit Office-Programmen oder das zielgerichtete Suchen im Internet – sind nötig, um Menschen für den Arbeitsmarkt zu befähigen und eine Teilhabe an einer zunehmend digitalisierten Welt zu ermöglichen. Informatische Kompetenzen – beispielsweise Anwendungswissen zu Algorithmen, Programmierung oder Datensicherheit – sind nötig, um die digitale Welt über eine passive Nutzung hinaus auch aktiv gestalten zu können. Sie bilden die Grundlage für technologische Innovationen, die unabdinglich sind, um die Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und den Fortschritt eines Landes zu sichern.

Um diese Kompetenzen nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern, müssen sie schon in der Schule vermittelt werden; eine Schlüsselrolle spielt dabei der Informatikunterricht. Doch internationale Vergleichsstudien bescheinigen Deutschland einen deutlichen Entwicklungsbedarf. In digitalen Kompetenzen liegen deutsche Schülerinnen und Schüler nur im Mittelfeld; bei einer ersten Vergleichsstudie zu Computational Thinking – einer informatischen Kompetenz – schneiden sie sogar unterdurchschnittlich ab.

Was unterscheidet Deutschland in Bezug auf Angebot und Ausgestaltung des Informatikunterrichts von anderen europäischen Ländern? In diesem im Januar 2023 veröffentlichten Policy Paper fassen Stifterverband und Heinz Nixdorf Stiftung erstmalig zusammen, wo sich Deutschland – insbesondere seine Bundesländer – im europäischen Vergleich des Informatikunterrichtsangebots einordnet und wie sich der Trend hin zum Pflichtfach Informatik in Europa entwickelt.

 
Zum Thema Informatikunterricht sind zwei weitere Diskussionspapiere erschienen: