Informatikunterricht: Lückenhaft und unterbesetzt

Informatikunterricht in Deutschland –
ein Flickenteppich auch hinsichtlich der Datenlage

Die zentralen Aussagen des Diskussionspapiers:

  • Die Verbindlichkeit und Verfügbarkeit des Informatikunterrichts in der Sekundarstufe I ist je nach Bundesland höchst unterschiedlich. In der Sekundarstufe II gibt es zumeist die Möglichkeit, Informatik zu belegen.
  • 15 Jahre Stagnation in der Oberstufe: Unverändert seit dem Jahr 2005 sind nur zwei Prozent aller Grund- und Leistungskurse in der Oberstufe Informatikkurse. Auch der Anteil an Schülerinnen und Schülern, der Informatik belegt, hat sich seither kaum verändert.
  • Derzeit gibt es in Deutschland etwa 10.000 Informatiklehrkräfte. Für einen Unterrichtsversorgung auf dem Niveau der in der Schulinformatik führenden Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen müssten es mehr als doppelt so viele sein.
  • Im Jahr 2020 wurden lediglich 361 Abschlussprüfungen im Lehramt Informatik erfolgreich abgelegt. Es ist von hohen Studienabbruchzahlen im Lehramt Informatik auszugehen.
  • Lückenhafte Datenlage: Daten zum Informatikunterricht in Deutschland werden bisher unzureichend erhoben, aufbereitet und verfügbar gemacht.

Für eine gesellschaftliche Teilhabe in modernen Gesellschaften sind informatische Kompetenzen wichtig. Der zentrale Baustein zur Vermittlung dieser Kompetenzen ist ein verpflichtender Informatikunterricht an den allgemeinbildenden Schulen in Deutschland. Ein solcher ist von manchen Bundesländern bereits lange eingeführt, andere planen eine Einführung und in wiederum anderen gibt es kaum entsprechende Lernangebote für Schülerinnen und Schüler. Auch der Wissenschaftsrat spricht sich für eine flächendeckende Einführung eines verpflichtenden eigenständigen Fachs Informatik aus und weiß damit auch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hinter sich. Eine neue Analyse der Daten des Nationalen Bildungspanels zeigt zudem auf, welchen positiven Einfluss ein verpflichtender Informatikunterricht auf die Kompetenzen zu Informations- und Kommunikationstechnologien hat.

Die Etablierung eines neuen Pflichtfaches in die Stundentafel der Schulen ist jedoch keine Kleinigkeit. Es werden, neben einer geeigneten Infrastruktur hinsichtlich der Räume und Hardware, vor allem auch entsprechend ausgebildete Lehrkräfte, eine fachspezifische Didaktik und Entlastungen an anderen Stellen benötigt – eine große Anstrengung für die Schulen, Schulbehörden, lehramtsausbildende Hochschulen und Kultusministerien. Doch um zu beziffern, wie groß diese Anstrengung tatsächlich ist, braucht es Fakten zum derzeitigen Status quo:

  • Anzahl Schülerinnen und Schüler, die Informatik-Unterricht erhalten und Anzahl Schulen, die Informatik unterrichten
  • Anzahl Lehrkräfte mit Lehrbefähigung Informatik
  • Anzahl Studierende auf Lehramt und Studienangebote

Diese Fakten liegen jedoch nur teilweise auswertbar vor. So ist beispielsweise die Antwort auf die Frage, wie viele Lehrkräfte mit Lehrbefähigung Informatik es derzeit in Deutschland gibt: Wir wissen es nicht. Auch im Zuge einer Eurydice1-Abfrage zu Informatikunterricht im Herbst des Jahres 2021 sowie in der europaweiten Vergleichsstudie "Reviewing computational thinking in compulsory education" des Joint Research Centre der Europäischen Kommission konnte Deutschland nur sehr eingeschränkt Daten liefern. Die Daten sind zum Teil durchaus vorhanden, jedoch verstreut in den Publikationen der Kultusministerien und Statistikämtern der einzelnen Bundesländer sowie oftmals nur auf Nachfrage zu erhalten. Es fehlt eine zentrale Strukturierung, Zusammenführung und Aufarbeitung der Daten.

Ziel dieses im September 2022 veröffentlichten Diskussionspapiers ist es, Fakten zum Informatikunterricht in Deutschland – soweit vorhanden – erstmalig zusammenzutragen und damit einen Beitrag für bessere Prognosen zum Lehrkräftebedarf sowie zur Diskussion zum Informatikunterricht an Schulen insgesamt zu leisten. Das Diskussionspapier ist hierbei als ein Auftakt zu verstehen: Recherche und Zusammentragen von Daten zum Informatikunterricht werden im Rahmen des Datenportals des Stifterverbandes sowie des Datenportals zur Service- und Vernetzungsstelle MINTvernetzt weitergeführt. Mit dem Informatik-Monitor der Gesellschaft für Informatik e.V. gibt es zudem eine Studienreihe, die für jedes Bundesland die rechtliche Verbindlichkeit des Informatikunterrichts und vieles mehr zum Thema aufzeigt.
 

 
Zeitgleich ist ein weiteres Diskussionspapier zum gleichen Thema erschienen: