Forschung in Verantwortung

Der Wissenschaftspreis des Stifterverbandes "Forschung in Verantwortung" wird auf Vorschlag der Leibniz-Gemeinschaft für hervorragende Forschungsleistungen vergeben. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert.

Mit dem Preis werden wegweisende wissenschaftliche Arbeiten gewürdigt, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eines Leibniz-Instituts maßgeblich durchgeführt wurden. Zusätzlich können Partner von außerhalb der Leibniz-Gemeinschaft beteiligt gewesen sein.

Ausgezeichnet werden Forschungsarbeiten, deren Ergebnisse die Grundlagen für innovative Anwendungen in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft bilden. Neben der wissenschaftlichen Qualität der Arbeit ist die gesellschaftliche Relevanz und der – zumindest teilweise – Nutzen für potentielle Anwender der Ergebnisse gleichwertiges Auswahlkriterium. Vorschlagsberechtigt sind die Direktorinnen und Direktoren der Leibniz-Einrichtungen sowie die Mitglieder des Senats der Leibniz-Gemeinschaft. Selbstbewerbungen sind nicht zugelassen.

Preisträgerin 2020: Esther-Maria Vidal

Foto: TIB/Christian Bierwagen

Das Management großer Mengen von Forschungsdaten ist eine der zentralen Herausforderungen für die Wissenschaft. Daten, die aus unterschiedlichen Quellen stammen, müssen aufbereitet, zusammengeführt und nutzbar gemacht werden, um aus ihrer Kombination neue Erkenntnisse zu sammeln. Maria-Esther Vidal widmet sich diesem Thema mit Forschungen zur Optimierung von Datenbankabfragen, zur Visualisierung von Daten durch Wissensgraphen zum Semantic Web, einer Anreicherung von Webdaten mit strukturierten Daten sowie zur Big-Data-Analyse.

Einen besonderen Fokus legt ihre Arbeit auf das semantische Datenmanagement in Biomedizin und Lebenswissenschaften. Das Zusammenführen umfangreicher und heterogener Datensätze verspricht viele Ansätze für neue Behandlungsmethoden von Krankheiten. So arbeitet Maria-Esther Vidal zum Beispiel an der Transformation genomischer Rohdaten (OMICS) in semantische Wissensgraphen, die individuelle Signaturen von Patienten beschreiben und damit personalisierte Behandlungsmethoden auf Basis von Mustern genomischer Varianten ermöglichen. Ein konkretes Anwendungsbeispiele in der Medizin ist die Erforschung von Medikamenten-Wechselwirkungen oder verschiedener sonstiger Faktoren auf die Lebenserwartung bei Lungenkrebserkrankungen.

Die Kombination von Informationen aus sehr unterschiedlichen Quellen von wissenschaftlichen Veröffentlichungen über statistischen Auswertungen und genetischen Informationen bis hin zu chemischen Strukturformeln erlauben systematische Analysen und Vorhersagen, wo sie bisher meist nur ad hoc und unsystematisch möglich waren. Maria-Esther Vidal hat dafür eine Plattform entwickelt, die mehr als 40 verschiedene Datenquellen verbindet und mittels Wissensgraphen und maschinellem Lernen Muster entdeckt und verständlich und vorhersagbar macht. Aktuell hat die Arbeitsgruppe von Maria-Esther Vidal zusammen mit einer griechischen Forschungsgruppe diese Methode angewendet, um auf Basis von wissenschaftlicher Fachliteratur und Datenbanken einen Wissensgraphen zu Wechselungswirkungen von Medikamenten zu entwickeln, die für die Behandlung von Covid-19 in Frage kommen.

Die informatischen Techniken von Maria-Esther Vidal zur Strukturierung von Wissen und zur Datenintegration sind aber nicht auf Anwendungen in der Medizin beschränkt, sondern grundsätzlich in vielfältigen multidisziplinären Kontexten auch über die Wissenschaft hinaus, etwa in der Industrie, einsetzbar. Alle von Maria-Esther Vidals Arbeitsgruppe entwickelten Software-Werkzeuge stehen als Open-Source-Software für Forschung und Anwendung weltweit frei zur Verfügung.

"Mit Maria-Esther Vidal ehren wir eine exzellente Wissenschaftlerin, die mit ihren herausragenden und hoch relevanten Forschungsarbeiten in die Gesellschaft wirkt und auf ganz besondere Weise Verantwortung übernimmt", betont Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. "Die multidisziplinären Forschungsthemen von Maria-Esther Vidal sind Grundlagen für Innovationen in einer datengetriebenen Welt. In ihrer Arbeit lebt sie das Prinzip der Offenheit. Mit ihrem großartigen Engagement für Open Science leistet Maria-Esther Vidal einen außerordentlichen Beitrag, um Wertschöpfungspotenziale im Innovationssystem zu heben und nutzbar zu machen."

Der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner ergänzt: "Die Auszeichnung von Maria-Esther Vidal zeigt neben ihrer individuellen Exzellenz den fortschreitenden Wandel in der Wissenschaft, dass wir gesellschaftlichen Herausforderungen wie etwa in der Medizin vor allem durch multidisziplinäre Ansätze und intelligente Analyse großer Datenmengen erfolgreich begegnen können. Ganz besonders freue ich mich, dass wir eine Wissenschaftlerin auszeichnen, die an einer Infrastruktureinrichtung arbeitet und beweist, dass sich wissenschaftliche Bibliotheken in der Leibniz-Gemeinschaft längst zu hervorragenden Informationsinfrastrukturen mit globaler Perspektive entwickelt haben, die noch dazu Orte exzellenter Forschung sind."

Foto: Leibniz-Gemeinschaft
Preisverleihung am 24. November 2020 mit Volker Meyer-Guckel, stellv. Generalsekretär des Stifterverbandes, Preisträgerin Maria-Esther Vidal und Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft (v.li.)

Der Wissenschaftspreis "Gesellschaft braucht Wissenschaft" wurde von 2002 bis 2018 vom Stifterverband und der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) alle zwei Jahre für hervorragende Forschungsleistungen verliehen, die durch ihre gesellschaftliche Relevanz und gute Umsetzbarkeit hervorstechen. Der Wissenschaftspreis "Forschung in Verantwortung" ersetzt ihn von 2020 an.