Wissenschaftspreis: Gesellschaft braucht Wissenschaft

Hervorragende Forschungsleistungen, die durch ihre gesellschaftliche Relevanz und gute Umsetzbarkeit hervorstechen, zeichnen der Stifterverband und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) alle zwei Jahre aus.

Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Preiswürdig sind Forschungsarbeiten, deren Ergebnisse die Grundlagen für praktische Umsetzungen in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft oder Forschung bilden. Neben der wissenschaftlichen Qualität der Arbeit ist die anschließende zumindest teilweise Anwendung der Ergebnisse gleichwertiges Auswahlkriterium.

 

Preisträger 2016

Im Jahr 2016 wurde der Preis erstmalig geteilt und würdigt gleich zwei Preisträger mit unterschiedlichen Forschungsthemen.

 

Christian Hartmann

Foto: Institut für Zeitgeschichte/Alexander Markus Klotz
Dr. Christian Hartmann (3.v.li.) und das Projektteam mit Dr. Roman Töppel, Dr. Othmar Plöckinger und Dr. Thomas Vordermayer vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (v.li.)

Der Historiker Christian Hartmann und sein Team schließen mit der historisch-kritischen Edition von "Mein Kampf" eine große Lücke in der Forschung über den Nationalsozialismus in Deutschland. Denn eine komplette wissenschaftliche Untersuchung der zentralen Propagandaschrift Hitlers fehlte bisher. Sie prüften akribisch die Ausführungen Hitlers und setzten sich intensiv mit den Quellen seiner rassistischen Argumentation auseinander. Die Publikation zeigt Hitlers Falschaussagen und Verdrehungen auf, korrigiert sachliche Fehler und erläutert den zeitgenössischen Kontext.

Neben der Forschung kann die Edition auch in der Bildung eingesetzt werden und erlaubt mit ihren mehr als 3.500 Anmerkungen auf 2.000 Seiten eine interdisziplinär kontextualisierte Lektüre dieser zentralen Quelle des Nationalsozialismus. Bislang wurde die Edition mehr als 80.000 Mal verkauft. Das Projekt zur kommentierten Edition wurde 2009 am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin gestartet und im Januar 2016, pünktlich zum Erlöschen der Urheberrechte, abgeschlossen.

 

Cesar Muñoz-Fontela

Foto: HPI
Cesar Muñoz-Fontela, Nachwuchsgruppenleiter am Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg

Cesar Muñoz-Fontela und sein Team haben erstmals ein Mausmodell mit einem quasi-menschlichen Blutsystem geschaffen, an dem sich Ebola- und Lassa-Virus-Infektionen besser erforschen lassen. Dazu transplantierte Muñoz-Fontela Mäuse mit humanen Blutstammzellen und baute in den Tieren ein Blut- und Immunsystem auf, das dem des Menschen ähnlich ist. Die Nager wurden daraufhin anfällig für eine Infektion mit Ebola-Viren und entwickelten Krankheitssymptome, wie sie auch bei menschlichen Patienten auftreten. In Studien an diesen Maus-Modellen zeigte Muñoz-Fontela, dass das anti-virale Medikament Favipiravir im Tierversuch wirksam gegen das Ebola-Virus und das Lassa-Virus ist. Diese Erkenntnisse dienten als Basis für den "Compassionate Use", dem Einsatz des (noch) nicht zugelassenen Arzneimittels in besonders schweren Krankheitsfällen, bei Ebola- und Lassa-Erkrankten.

Die Arbeiten von Cesar Muñoz-Fontela zeichnen sich dadurch aus, dass sie wesentlich zur Erforschung einer effektiven Ebola-Therapie beitragen, mit der bereits erste Patienten erfolgreich behandelt werden konnten. Darüber hinaus reist Muñoz-Fontela regelmäßig in die betroffenen Länder, sammelt neue Forschungsdaten und trainiert dort Wissenschaftler und Ärzte in der Diagnostik von Infektionskrankheiten und dem Gebrauch von Schutzausrüstung.

 

"Die Ebola-Epidemie, die von 2014 bis 2016 in Westafrika grassierte und die kontroverse Debatte um den Umgang mit 'Mein Kampf' nach Erlöschung des Urheberrechts haben großes Aufsehen erregt", sagt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes. "Die hier mit dem Wissenschaftspreis des Stifterverbandes ausgezeichneten Wissenschaftler Christian Hartmann und Cesar Muñoz-Fontela waren daran ganz unmittelbar beteiligt, was die hohe gesellschaftliche Relevanz ihrer Forschung in der Leibniz-Gemeinschaft verdeutlicht." Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, hebt den konkreten Nutzen der Arbeiten hervor: "Die Arbeiten der Preisträger zeigen in beeindruckender Weise, wie unmittelbar die Gesellschaft durch die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft profitieren kann."

 

Die Preisträger der zurückliegenden Jahre

2014
Mit Schwarmintelligenz gegen Tuberkulose

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Christoph Lange
Forschungszentrum Borstel – Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften

2012
Erforschung der molekularen Ursachen des Alterns

Prof. Dr. med. K. Lenhard Rudolph
Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI), Jena

2010
Bildungsforschung auf höchstem Niveau

Prof. Dr. Eckhard Klieme,
Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung

2008
Theorie zur Entstehung von Sternen und Schwarzen Löchern im Experiment bewiesen

Prof. Günther Rüdiger, Astrophysikalisches Institut Potsdam
Dr. Frank Stefani, Forschungszentrum Dresden-Rossendorf

2006
Realisierung von Hochtemperatursupraleitern

Dr. Bernhard Holzapfel, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung, Dresden
Prof. Ludwig Schultz, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung, Dresden

2004
Gesetzesfolgenabschätzung

Prof. Dr. Carl Böhret
Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung bei der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften, Speyer

2003
Stammzellen als Therapiemöglichkeit für Diabetes

Prof. Dr. Anna Wobus
Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung

2002
Unerwartetes Nachwachsen von Gehirnzellen/Antidepressiva: Wirkungsweise und neue Ansätze

Prof. Dr. Eberhard Fuchs
Deutsches Primatenzentrum, Göttingen