Patrick Illinger: Wohin steuert Deutschlands Autoindustrie?

"Autonomes Fahren? Ich kann es mir nicht richtig vorstellen, schon deswegen, weil es macht ja nicht so richtig Spaß, nicht mehr selber zu fahren."

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Was ist der beste Antrieb für eine Innovation, um sich durchzusetzen? Natürlich dass sie Spaß macht, meint der Wissenschaftsjournalist Patrick Illinger von der Süddeutschen Zeitung. Ob es also wirklich einen Markt für autonome Fahrzeuge geben wird? Illinger hat da seine Zweifel. Einen anderen Trend sollten Deutschlands Autobauer aber auf keinen Fall verschlafen.
 

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Autor: Timur Diehn
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Patrick Illinger war Gast beim Forschungsgipfel am 28. März 2017 in Berlin.

 

Transkript des Videos

Herr Altmaier hat beim Forschungsgipfel gerade schon von der Straße, die intelligent wird, gesprochen. Da ist mir halt so durch den Kopf geschossen: Wollen wir nicht erstmal ein paar Stromtankstellen irgendwo aufstellen? Die gibt's ja noch nicht mal.

Autonomes Fahren? Ja, vielleicht. Ich kann es mir nicht richtig vorstellen. Ich habe auch Schwierigkeiten, mir den Markt vorzustellen, schon deswegen, weil es macht ja nicht so richtig Spaß, nicht mehr selber zu fahren.

Natürlich wissen wir auch, erstmal inhaltlich gesprochen, dass man als Redakteur oder Journalist mal ganz schnell schreiben oder sagen kann: Naj, Leute, das müsst ihr alles anders machen! Das wissen wir wohl, dass das schneller geschrieben ist als dann in der Praxis umgesetzt ist und dass es auch ganz schwierig ist, Menschen, die 30, 40 Jahre dieselbe Arbeit gemacht haben, in eine andere Arbeitssituation zu versetzen oder eine neue Verantwortung zuzuweisen oder möglicherweise auch zu sagen: In diesem Umfeld können wir euch nicht mehr brauchen! Das ist natürlich katastrophal und teilweise usw. Aber: Was, glaube ich, teilweise noch schlimmer sein kann, ist, dass man bis Ultimo an irgendeinem Geschäftsmodell festhält, bis einfach der Karren so richtig gefahren ist. Und der Schaden kann einfach größer sein, und das ist natürlich eine Sache dann für die Entscheider in der Industrie, ob sie jetzt sozusagen noch ein paar Quartale lang irgendwelche Börsenwerte erfüllen wollen, die dann die Shareholder noch ruhigstellen oder ob man sagt: Wie sieht eigentlich mein Konzern in zehn Jahren aus?

Bei der Batterieforschung sehe ich das so, dass wir gar nicht schlecht sind. Wahrscheinlich sind wir beim Thema Solarzellen, regenerative Energien noch besser. Aber wir haben gute Leute, das geht von Max Planck bis an die Unis, was das Thema reine Forschung betrifft. Das Problem bei uns scheint ja immer wieder zu sein, dass wir irgendwas erfinden, teilweise in irgendwas Weltmeister sind (Solarmodule) und dann die industrielle Fertigung aber irgendwie nicht machen, weil es dazu zuviel was-auch-immer braucht, vielleicht Kommunikation, vielleicht aber auch steht zuviel Behördliches im Weg. Wenn ein Start-up kommt und möchte sich gründen, dann kommt ja erstmal die Brandschutzverordnung in den neuen Räumlichkeiten und solche Dinge. Also, da steht noch viel, viel mehr im Weg, und das ist dann tatsächlich ein bisschen deutsch manchmal. Man will es immer gleich perfekt haben. Das ist eine sehr positive Eigenschaft in vielen Dingen, in anderen muss man sagen: Leute, quick and dirty muss halt auch mal sein vielleicht. Was die Elektromobilität im Speziellen angeht, glaube ich, ist es ein ganz besonderer Fall deswegen, weil wir keinen Zweifel daran haben können mehr, dass es kommen wird. Es gibt immer noch viele Leute, die sagen: Ja was, die fahren dann halt mit Kohlestrom, also aus Kohlekraftwerken der Strom, der dann da eingespeist wird. Das mag ja jetzt auch noch sein, dass die Ökobilanz noch nicht ganz klar ist. Aber die Frage ist ja nicht: Was haben wir jetzt? Sondern die Frage ist: Was haben wir in 30 Jahren? Wo geht das hin? Und rein physikalisch, aber auch mobilitätstechnisch, gesellschaftlich ist die Elektromobilität das Sinnvollste, was es gibt, und abgesehen davon macht es einen Heidenspaß, mit so einem Auto zu fahren. Was für einen besseren Antrieb gibt es für eine Innovation, sich durchzusetzen, als etwas, was Spaß macht? Siehe iPhone, siehe Internet, siehe was-auch-immer in den digitalen Bereichen.

Wir müssen es schaffen, dass eine existierende Industrie, ich weiß wohl, jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt davon ab, vom Auto, dass hier ein Wandel natürlich viel schwerer ist als ein Start-up zu gründen, der vielleicht eine neue Idee einfach gerade hier auf dem weißen Brett erfunden hat. Aber es geht nicht anders! Wir können nicht weiter mit Dieselmotoren hier die Welt versorgen und uns selbst und den Straßenverkehr. Das wird's nicht sein. Das wird's nicht sein. Entweder wir akzeptieren das und handeln oder wir müssen eine ganz neue Industrie schaffen und irgendwann sagen: Das mit den Autos, das war im 20. Jahrhundert.