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Neue Gemeinschaften der Wissensproduktion als Chance und Herausforderung für Forschung und Innovation

Die Transformation der Gesellschaft entwickelt eine Dynamik, die auch eine Transformation der Wissenschaft erfordert. Sie braucht neue Methoden, neue Kooperationsformen und Wirkungsräume. Keine Branche, keine Disziplin, keine einzelne Technologie oder Akteursgruppe kann die anstehenden Herausforderungen unserer Gesellschaft allein bewältigen. Das systemische Ineinandergreifen von Multi-Stakeholder-Konstellationen ist das Neue und Wirkmächtige der nächsten Phase des industriellen und gesellschaftlichen Umbaus. Doch die Potenziale der Wissenschaft für die gesellschaftliche Transformation und umgekehrt die Potenziale der Transformation für die Erneuerung der Wissenschaft werden bei weitem nicht ausgeschöpft.

Beitrag von Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbandes

 

Im Folgenden soll beleuchtet werden, welche Transformationskraft gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungsprozesse haben, um die Wissenschaft zu erneuern und weiterzuentwickeln. Das setzt allerdings ein Bewusstsein für Schwachpunkte in der deutschen Wissenschaft voraus, die ihre Wirkung in der Gesellschaft einschränken: Viele Unternehmen und gesellschaftliche Akteure kritisieren, dass sich Lehrinhalte und -formate nicht an den tatsächlichen Bedürfnissen der Gesellschaft orientieren. Auch die Forschung richtet sich oft nicht auf gesellschaftliche Problemstellungen aus. In einem durch Selbstreferentialität und (Hyper-) Spezialisierung geprägten wissenschaftlichen Betrieb, Diskurs- und Publikationsraum verliert die Wissenschaft insgesamt an Innovationskraft. Durch das reputationsbestimmende akademische Raster fällt auch, was mit Erkenntnissen außerhalb von Wissenschaft passiert: Zu wenig Handlungswissen und Lösungsansätze werden generiert oder genießen einen minderen Status. Gleichzeitig gibt es in den öffentlichen Forschungseinrichtungen ein Expertise- und Ressourcenproblem durch die schiere Menge an digitalen Daten außerhalb der Wissenschaft.

 

Neue Formen einer scientific community

Dazu kommen Veränderungen in der Forschungslandschaft insgesamt. Sie zeigen immer deutlicher, dass die akademische Welt nicht mehr der alleinige Ort von grundlagenorientierter Forschung ist: Die akademische Welt war wenig vorbereitet auf den Fortschritt generativer künstlicher Intelligenz und die Forschungsleistungen von privaten Unternehmen, die dahinterstecken. Die stets wiederholte Erzählung, grundlegende Erkenntnisse und disruptive Innovationsfundamente würden in akademischen Institutionen generiert, hinkt einer Realität hinterher, in der High-End-Grundlagenforschung zunehmend in private und unternehmerische Institutionen und Denkfabriken abwandert. Und das geschieht sehr erfolgreich: Aus den zu Nokia gehörenden privaten Bell Labs sind in den vergangenen Jahren acht Nobelpreisträger hervorgegangen. Allen Nobelpreisträgern in den Fächern Chemie 2024 und Physik 2025 ist gemein, dass sie bei der Firma Google angestellt waren.

In den Gesundheits- und Lebenswissenschaften beobachten wir ähnliche Abwanderungstrends. Medizinische und gesellschaftsverändernde Forschungserbnisse kommen durch einfachere und reproduzierbare Methoden wie CRISPR/Cas immer öfter aus privaten Laboren (BionTech). Gleichzeitig prägen Big-Data-Repositorien, die durch kommerzielle Apps und Wearables wie Fitnessarmbänder generiert werden, den medizinischen Fortschritt mit. Auch hier ist KI die Schlüsseltechnologie für die Skalierung medizinischer Erkenntnis und die Weiterentwicklung von Behandlungsmethoden. Große Konzerne wie Alphabet (Google) oder Meta (Facebook) wandeln sich somit immer mehr von Kommunikationskonzernen zu Gesundheits- und Wissensproduktionsplattformen.

Die Kraft der Unternehmensforschung liegt nicht nur in ihren Ressourcen begründet. Unternehmensforschung findet zunehmend in Co-Creation- oder Innovationslaboren statt, mit neuen, offenen Prozessen, mit hoher Geschwindigkeit und mit aktuellen Methoden, bei denen unter anderem internationale Plattformen und Crowd-Strukturen für die Bearbeitung von Forschungsprojekten genutzt werden. Ideen für Innovationen entstehen bereits zu Beginn der Prozesskette, wenn viele Wissensgeber aus unterschiedlichen Disziplinen in offenen Umgebungen an Zukunftsthemen zusammenarbeiten.

Der skizzierte Zustand ist eingebettet in eine Entwicklung, die man als Entgrenzung von Orten und Formaten der Wissensproduktion kennzeichnen kann. Es zeigt sich: Wissen entsteht längst nicht mehr allein in akademischen, disziplinär strukturierten Institutionen. Wissen entsteht in Unternehmen, in der Zivilgesellschaft, in Start-ups, Thinktanks oder in Multi-Stakeholder-Räumen. In solchen Innovationsökosystemen tragen unterschiedliche Akteure zu gesellschaftlichen Lösungen bei. Multidisziplinär praktisch gebildete Akademiker treffen auf akademisch gebildete Praktikerinnen. So verschränken sich Fragen der Grundlagen- und Anwendungsforschung und befruchten sich wechselseitig. Trennscharfe Unterscheidungen sind immer weniger möglich und sinnvoll.

Diese neuen Orte der Wissensproduktion und des Wissensaustausches lassen sich als kollaborative Transformationsräume kennzeichnen. Sie können sowohl digital als auch physisch sein. Konkret heißt das: Wir erleben (und brauchen!) neue Gemeinschaften der Wissensproduktion. In vielen dieser Gemeinschaften wird auch mit einem neuen Transferverständnis gearbeitet: Wissen wird nicht mehr nur an einen Rezipienten weitergegeben, sondern es wird gemeinsam entwickelt und erarbeitet – begonnen bei den Forschungsfragen und deren Lösungen bis hin zu zeitgemäßen Forschungs- und Lehrformaten. Denn was für kollaborative Forschungs- und Innovationsräume gilt, lässt sich auch auf Bildungsprozesse übertragen: Bildungsplattformen, Lern-Apps und Lernlabore haben die Lernorte Schule und Hochschule längst ergänzt. Diese neuen Lernräume, in denen Bildungsmaterialien und das Know-how vieler Wissensgeber zusammengeführt und genutzt werden, können durch eine erfolgreiche Integration in klassische Lernorte die Lehre und das Lernen produktiv ergänzen.

 

Die Potenziale von Entgrenzungen der Wissensproduktion

Aus dieser Konstellation ergeben sich große Chancen für eine bessere Wissenschaft. Die öffentlichen Institutionen in Bildung und Wissenschaft sind weiterhin zentral für die erfolgreiche Wissensproduktion und den Wissensaustausch. Sie stehen im Zentrum, aber sind nicht mehr allein. Sie müssen ihre Rolle in den neuen Wissensproduktionsgemeinschaften finden und ihre Strukturen daraufhin anpassen. Sie brauchen andere Akteure für die erfolgreiche Gestaltung von Veränderungen. Und sie können das Wissen der anderen umgekehrt für neue Bildungs-, Forschungs- und Innovationsformate nutzen.

Die Wissenschaft reagiert zu langsam darauf: An vielen Hochschulen wird zwar mit Open- Science-Ansätzen experimentiert. Unterschiedliche Öffnungsprozesse in der Wissenschaft unter den Stichworten, Open Access, Open Data, Open Educational Resources, aber auch neue Ansätze wie Citizen Science können Treiber von komplexen und offeneren Innovationsökosystemen sein, wo unterschiedliche Stakeholder ihre Rollen, Ziele und Aufgaben neu ausloten. Strategisches Ziel in Deutschland müsste es aber sein, diese Verschränkungen und Kooperationen in Forschungs- und Innovationsprozessen deutlicher zu fördern und zu stärken. Das Gegenteil passiert: Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen schrumpft in Deutschland seit Jahren. Die Zugänge zu öffentlichen Daten und der Datenaustausch insgesamt für Forschungsprozesse kommen nicht wesentlich voran.

Es ist also nicht zu erkennen, dass die deutschen Hochschulen oder die Wissenschafts- und Förderpolitik aus den hier beschriebenen Entwicklungen ausreichende Konsequenzen ziehen. Etwa wie in den USA, wo strategische Kooperationen zwischen Hochschulen und exzellenten forschenden Unternehmen, Start-ups oder Thinktanks eine zunehmend zentrale Rolle spielen und die National Science Foundation vor einigen Jahren einen bedeutsamen Strategiewechsel in ihrer Förderpolitik vollzogen hat.

 

Skalierung von Forschung und Innovation:
Von Einzelprojekten zur institutionellen Strategie

Dass es für kollaborative Transformationsräume in der Wissenschaftsförderung neuer Formate bedarf, ist offensichtlich. Denn ein solches Arbeiten ist aufwands- und ressourcenintensiv: Kollaborationen mit vielfältigen Partnern brauchen verlässliche Infrastrukturen, gutes Management, Kompetenzen und einen Kulturwandel, der disziplin- und institutionenübergreifendes Arbeiten zum Ziel hat und mit neuen Methoden einhergeht. Förderpolitik muss ihre Logik in diese Richtung weiterentwickeln. Das heißt: Das Wissenschaftssystem braucht dringend mehr Förderung für zeitgemäße Strukturen und weniger für einzelne Projekte.

Der Weg zu transformations- und kooperationsorientierten Hochschulen erfordert kulturellen und organisatorischen Wandel. Der Prozess wird nur erfolgreich und nachhaltig sein, wenn er professionell orchestriert wird und Kooperationen einen Mehrwert für alle Beteiligten liefern: in den Hochschulen Reputation, Ressourcen und neue Impulse für Forschung, Lehre und Lernen; bei den Partnern aus Wirtschaft, Gesellschaft, Politik oder Kultur Anstoß, Orientierung und Begleitung für Wandel und Innovation.

Jenseits dieser institutionellen Aufgaben bedarf es in der wissenschaftspolitischen Debatte auch einer Neuorientierung und einer Grundverständigung über Prinzipien, Methoden und Regeln, die Öffnungsprozessen von Industrie, staatlicher Forschung und Zivilgesellschaft einen verlässlichen Rahmen geben, um erkenntnis- und wertschöpfend zu wirken.

Die agile Weiterentwicklung solcher Räume und neuen Gemeinschaften der Wissensproduktion und die dazu passenden Governance-Strukturen sollte oben auf der politischen Agenda stehen.

 
LITERATUR UND QUELLEN

  • Volker Meyer-Guckel: Crisis. What Crisis? Anmerkungen und Ergänzungen zur Academic Crisis list und Transformation in der Wissenschaft. WiardaBlog; 9. März 2023
  • Felix Süssenbach, Mathias Winde, Julia Klier, Julian Kirchherr: Future Skills 2022, 21 Kompetenzen für eine Welt im Wandel,
    2021
  • Martina Franzen: Die digitale Transformation der Wissenschaft, Beiträge zur Hochschulforschung, 2/2018, S. 8–-21, 12
  • Volker Meyer-Guckel: Kompetenzen für die Zukunft. Was wir lernen. Wie wir lernen. Wo wir lernen, in: Dieter Thomaschewski, Rainer Völker (Hrsg.), Standort Deutschland, Stuttgart 2021
  • Einen Überblick über gelungene europäische Beispiele liefern Gertraud Leimüller, Elisabeth Gumpenberger, Johanna Rohrhofer, Lene Kunze, Bettina Gerbl: Implementierung von Openness in der internationalen Wissenschafts- und Innovationspolitik. Was kann Deutschland
    lernen?, 2020
  • Lena Finger, Johannes Schmitt, Gero Stenke, Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft 2021 (S.3)
     
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