Fachkräfte für Quantentechnologien
Wie gut passen Fachkräftebedarf und Bildungsangebot zusammen?
Quantentechnologien (QT) entwickeln sich von einem hoch spezialisierten Forschungsfeld zu einem strategisch wichtigen Technologie- und Anwendungsbereich.
Quantensensorik ermöglicht präzisere Messungen, Quantenkommunikation eröffnet neue Wege der sicheren Signalübertragung und Quantencomputer versprechen neue Formen der Simulation, Optimierung und Berechnung. Damit verändern sich auch die Anforderungen an Fachkräfte für die Erforschung, Entwicklung und Anwendung dieser Technologien in Wirtschaft und Wissenschaft.
Welche Kompetenzen werden benötigt? Wie entwickelt sich der Fachkräftebedarf? Und wie gut bereiten die Hochschulen auf Tätigkeiten im Bereich der Quantentechnologien vor?
In dem vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Projekt QUANTIFaiD untersuchen der Stifterverband und die SV Wissenschaftsstatistik systematisch das Verhältnis von Fachkräftebedarf und universitärem Bildungsangebot in Deutschland. Grundlage sind Unternehmensdaten, Befragungen von Hochschulleitungen und außeruniversitären Forschungsinstituten, qualitative Interviews sowie eine Analyse der Vorlesungsverzeichnisse großer deutscher Universitäten.
Zur Mitte der Projektlaufzeit zeigt die im November 2026 veröffentlichte Zwischenpublikation: Deutschland verfügt über eine gute fachliche Grundlage für die Qualifizierung von QT-Fachkräften. Die Unternehmen planen zahlreiche Neueinstellungen, erwarten jedoch keinen überdurchschnittlichen Fachkräftemangel. Um den qualitativen Anforderungen des Technologiefeldes besser zu entsprechen, müssen die Bildungsangebote praxisnäher und interdisziplinärer werden. Darüber hinaus gilt es, internationale Fachkräfte zu gewinnen und die MINT-Bildung entlang der gesamten Bildungskette zu stärken.
Ein wachsendes Technologiefeld
mit besonderen Anforderungen an das Personal
Unternehmen im Bereich der Quantentechnologien zeichnen sich durch eine hohe Forschungsintensität aus. 43 Prozent der untersuchten QT-Unternehmen sind aufgrund ihrer FuE-Ausgaben der Spitzentechnologie zuzurechnen. Unter den übrigen forschungsaktiven Unternehmen liegt der Anteil bei 16,5 Prozent. Zugleich umfasst das Feld kleine spezialisierte Unternehmen ebenso wie große, etablierte Akteure.
Die Beschäftigungsperspektiven sind positiv: 61,5 Prozent der QT-Unternehmen planen Neueinstellungen in Forschung und Entwicklung, gegenüber 43 Prozent der übrigen forschungsaktiven Unternehmen. Auch die Qualifikationsanforderungen sind hoch. Der Anteil promovierter Beschäftigter im FuE-Bereich liegt mit 26,5 Prozent deutlich über dem Vergleichswert von 16,8 Prozent.
Trotz der geplanten Neueinstellungen erwarten QT-Unternehmen keinen überdurchschnittlichen Fachkräftemangel. Der Anteil der Unternehmen, die Schwierigkeiten bei der Deckung ihres Personalbedarfs angeben, bewegt sich in einer ähnlichen Größenordnung wie bei den übrigen forschungsaktiven Unternehmen. Dazu dürfte auch die ausgeprägte internationale Ausrichtung der QT-Unternehmen beitragen.
Benötigt werden unterschiedliche Kompetenzprofile: hoch spezialisierte QT-Fachkräfte ebenso wie Fachkräfte aus Physik, Informatik, Mathematik und den Ingenieurwissenschaften, die ihre Fachexpertise mit QT-Kenntnissen verbinden. Hinzu kommt technisches Personal, etwa für Labore, Anlagen und experimentelle Infrastrukturen.
Der Aufbau spezialisierter Studiengänge allein reicht daher nicht aus. QT-Kompetenzen müssen auch in bestehende naturwissenschaftliche, informatische und ingenieurwissenschaftliche Bildungswege integriert werden. Eine zentrale Grundlage bleibt dabei ein starkes grundständiges Physikstudium.
Internationale Fachkräfte als Bestandteil des QT-Ökosystems
QT-Unternehmen beschäftigen deutlich mehr internationales Personal als andere forschungsaktive Unternehmen. 21,4 Prozent ihres FuE-Personals besitzen keine deutsche Staatsangehörigkeit. Bei den Vergleichsunternehmen liegt der Anteil bei 9,2 Prozent.
Auch Hochschulen und außeruniversitäre Forschungsinstitute setzen auf internationale Rekrutierung. Fast die Hälfte der befragten Hochschulen nutzt sie bereits strategisch. Viele Forschungsinstitute schreiben der internationalen Fachkräftegewinnung ebenfalls eine wachsende Bedeutung zu.
Eine nachhaltige Fachkräftestrategie sollte internationale Studierende, Forschende und Beschäftigte deshalb systematisch einbeziehen. Erforderlich sind attraktive Studien- und Forschungsbedingungen, verlässliche berufliche Perspektiven und gute Übergänge in den deutschen Arbeitsmarkt. Die Fachkräfteorientierung sollte bereits während des Studiums beginnen. Insbesondere kleinere Unternehmen benötigen zudem Unterstützung bei der internationalen Rekrutierung.
Hochschulen bauen ihre Aktivitäten aus
Quantentechnologien gewinnen an Hochschulen in Forschung, Lehre, Transfer, wissenschaftlicher Kommunikation und Weiterbildung an Bedeutung. Für die kommenden fünf Jahre erwarten die befragten Hochschulen in allen untersuchten Tätigkeitsfeldern eine weitere Steigerung der Relevanz.
Im Bereich der Lehre planen Hochschulen nicht nur mit neuen Studiengängen. Geplant sind vor allem Spezialisierungen innerhalb bestehender Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Weiterbildungsangebote. Das passt grundsätzlich zum ermittelten Fachkräftebedarf: Gefragt sind nicht ausschließlich Absolventinnen und Absolventen hoch spezialisierter QT-Studiengänge, sondern auch Personen aus anderen MINT-Disziplinen mit ergänzenden QT-Kompetenzen.
Da Unternehmen sehr spezifische Weiterbildungsbedarfe formulieren, sollten neue Angebote bedarfsorientiert entwickelt und vorab auf eine ausreichend große Zielgruppe geprüft werden.
Fachlich passend, aber noch zu wenig praxisorientiert
Das QT-bezogene Lehrangebot ist stark naturwissenschaftlich ausgerichtet. 54,8 Prozent der identifizierten Lehrveranstaltungen sind im Studienbereich Physik und Astronomie angesiedelt. Weitere Angebote finden sich insbesondere in der Informatik sowie in der Elektro- und Informationstechnik. Insgesamt entfallen fast zwei Drittel der Veranstaltungen auf Mathematik und Naturwissenschaften und etwa ein Viertel auf die Ingenieurwissenschaften.
Diese Verteilung entspricht grundsätzlich der Personalstruktur der QT-Unternehmen. Entwicklungspotenzial besteht bei der Verbindung unterschiedlicher Disziplinen und bei der stärkeren Verankerung von QT-Inhalten in den Ingenieurwissenschaften. Neben physikalischen Grundlagen werden Kompetenzen in der Hard- und Softwareentwicklung, technischen Integration, Konstruktion und anwendungsbezogenen Problemlösung benötigt.
Besonders deutlich ist der Entwicklungsbedarf beim Praxisbezug. 47,1 Prozent der QT-Lehrveranstaltungen sind Vorlesungen. Erfahrungsbasierte Formate wie Praktika, Projekte und Laborveranstaltungen machen nur 7,9 Prozent des Angebots aus. In den Vergleichsfächern der Ingenieurwissenschaften sowie der Mathematik und Naturwissenschaften liegt ihr Anteil mit 13,4 Prozent deutlich höher.
Auch Unternehmen berichten von einer Praxislücke bei Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen. Laborarbeit, Projektstudium und anwendungsbezogene Aufgaben sollten deshalb stärker in das Studium integriert werden. Kooperationen von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen können dafür geeignete Erfahrungsräume schaffen, beispielsweise durch gemeinsame Lehrprojekte, praxisorientierte Abschlussarbeiten und den Zugang zu experimentellen Infrastrukturen.
Vier Handlungsperspektiven für
Politik, Hochschulen und Wirtschaft
Aus den Ergebnissen ergeben sich vier zentrale Handlungsfelder:
1. Förderlandschaft sichern und strategisch schärfen
Die öffentliche Förderung von Quantentechnologien sollte langfristig gesichert und stärker abgestimmt werden. Neben technologischer Forschung sind Kompetenzaufbau, Transfer, Kooperationen und Fachkräfteentwicklung systematisch zu berücksichtigen.
2. Fachkräfteorientierung und internationale Rekrutierung stärken
Internationale Studierende, Forschende und Fachkräfte benötigen attraktive berufliche Perspektiven und verlässliche Übergänge in den deutschen Arbeitsmarkt. Insbesondere kleinere Unternehmen sollten bei der internationalen Rekrutierung unterstützt werden.
3. Praxisbezug und Interdisziplinarität ausbauen
QT-bezogene Lehrangebote sollten stärker projektorientiert, experimentell und kooperativ gestaltet werden. Zugleich gilt es, Physik, Informatik, Elektro- und Informationstechnik sowie weitere anwendungsnahe Disziplinen enger zu verbinden.
4. MINT-Bildung entlang der gesamten Bildungskette stärken
Benötigt werden hoch spezialisierte QT-Fachkräfte, breit qualifizierte MINT-Fachkräfte mit ergänzenden QT-Kompetenzen und technisches Personal. Eine nachhaltige Fachkräftestrategie muss deshalb Schule, berufliche Bildung, Hochschule und Weiterbildung gemeinsam betrachten.
DIE AUTORINNEN UND AUTOREN
Marian Burk
Lena Finger
Zoe Gyftopoulos
Andreas Land
Fitore Morina
Eike Schröder