1. Wissenschaftspolitik ist auch Standortpolitik
Wer Wissenschaftspolitik eines Bundeslandes verstehen möchte, sollte zunächst einen Blick in dessen Innovationsstrategie werfen. Zumindest haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich darin die Stärken, Schwerpunkte und zentralen Herausforderungen des jeweiligen Wissenschafts- und Hochschulsystems gut ablesen lassen. Zusammen mit unserer Datenanalyse wurde schnell deutlich, wie unterschiedlich die drei Wissenschafts- und Innovationsstandorte aufgestellt sind.
Sachsen-Anhalt verfügt über wissenschaftliche und industrielle Kompetenzen in Bereichen wie Chemie und Bioökonomie bis hin zu Wasserstoff und Cybersicherheit.
Mecklenburg-Vorpommern besitzt ein vergleichsweise kleines, aber klar profiliertes Wissenschaftssystem, dessen Profil besonders durch maritime Technologien, Energie- und Gesundheitsforschung sowie Agrar- und Umweltwissenschaften geprägt ist.
Berlin ist dagegen deutlich breiter aufgestellt: Eine hohe Dichte an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen trifft hier auf eine ausgeprägte Start-up-Szene sowie eine starke nationale und internationale Vernetzung.
2. Unterschiedliche Ausgangslagen, aber ähnliche Herausforderungen beim Transfer
Erst als wir die Ergebnisse der drei Analysen nebeneinanderlegten, wurde eine interessante Gemeinsamkeit sichtbar: Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen stehen alle drei Standorte vor ähnlichen Herausforderungen bei Transfer und Skalierung, allerdings an unterschiedlichen Stellen des Prozesses.
In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird Forschung zu großen Teilen öffentlich finanziert, während die regionale Wirtschaft von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt ist. Wissenschaftliche Stärke ist also vorhanden, trifft aber nicht immer auf Unternehmen, die diese Erkenntnisse unmittelbar aufgreifen und weiterentwickeln können.
In Berlin liegt die Herausforderung dagegen stärker darin, wissenschaftsbasierte Gründungen, die in einem dichten Innovationsökosystem entstehen, am Standort zu halten und ihre Skalierung zu ermöglichen. Gerade Deep-Tech-Gründungen benötigen dafür Unterstützung weit über die frühe Gründungsphase hinaus.
Alle drei Länder stehen damit vor der Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in regionale Wertschöpfung überführt, Innovationen am Standort gehalten und schließlich erfolgreich skaliert werden können.
3. Viele richtige Ansätze, aber nicht immer eine langfristige Strategie
Vor diesem Hintergrund haben wir untersucht, wie die Parteien die spezifischen Stärken und Herausforderungen ihrer Bundesländer in den Wahlprogrammen aufgreifen. Dabei war uns bewusst, dass Wahlprogramme eine große Bandbreite politischer Themen abdecken und wissenschafts- und innovationspolitische Fragen daher nur begrenzt vertiefen können.
Dennoch zeigten sich interessante Unterschiede: Manche Parteien setzen sich ausführlich mit den jeweiligen Herausforderungen auseinander, während andere eher deren Symptome beschreiben. Überrascht hat uns, dass sich solche Unterschiede auch innerhalb derselben Partei zeigen: Die Landesverbände greifen die spezifischen Bedingungen ihres Bundeslandes in ihren Wahlprogrammen unterschiedlich detailliert auf.
Über Parteien und Länder hinweg hat uns jedoch häufig eines gefehlt: eine langfristige Strategie für den jeweiligen Wissenschafts- und Innovationsstandort. Einzelmaßnahmen werden nicht immer miteinander verknüpft und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet. Wissenschaftliche Stärken, Kooperationen zwischen Forschung und Wirtschaft sowie Transfer und Skalierung von Innovationen konsequent zusammenzudenken, bleibt damit weiterhin eine wichtige Aufgabe der Landespolitik.