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​3 Fragen an Prof. Dr. Beate Heinemann

Beate Heinemann, Vorsitzende des DESY-Direktoriums (Foto: Marta Mayer/DESY)
Beate Heinemann, Vorsitzende des DESY-Direktoriums (Foto: Marta Mayer/DESY)
Beate Heinemann, Vorsitzende des DESY-Direktoriums (Foto: Marta Mayer/DESY)
Innovationspolitik
Sicherheitsrelevante Forschung
Interview
Text
Maik Gebert (Foto: Marcel Schwickerath)
Maik Gebert (Foto: Marcel Schwickerath)
Maik Gebert
Veröffentlicht
28.09.2026

​Beim ersten Roundtable zu Defence & Innovation des Stifterverbandes und der Körber Stiftung im Februar 2026 wurde bereits deutlich: Sicherheitsrelevante Forschung in Deutschland steht im Spannungsfeld von ethischer Verantwortung, institutionellen Hürden und fehlender Umsetzung. Beate Heinemann, Vorsitzende des DESY-Direktoriums, erläutert, wie Wissenschaftseinrichtungen mit der neuen Lage umgehen, wo die größten Blockaden liegen und was geschehen muss, damit aus exzellenter Forschung wirksame Sicherheitsinnovation wird.

Verantwortung neu vermessen

 
​Beim letzten Roundtable Defence & Innovation des Stifterverbandes und der Körber Stiftung haben Sie angesprochen, dass es in Wissenschaftseinrichtungen oft zunächst eine interne Selbstvergewisserung braucht, wenn es um sicherheitsrelevante Forschung geht. Denn gerade dort spielen Zivilklauseln oder ethische Erwägungen der Forschenden eine große Rolle. Wie führen Sie eine solche Debatte innerhalb einer Organisation, ohne sie zu verkürzen: Was braucht es, um Mitarbeitende und Forschende mitzunehmen und wo sehen Sie die größten kommunikativen und kulturellen Herausforderungen?

​Sicherheitsrelevante Forschung lässt sich nicht per Dekret einführen – der Umgang mit ihr muss erarbeitet werden, und zwar gemeinsam mit denjenigen, die sie am Ende verantworten: unseren Forschenden. Das DESY-Direktorium hatte im Sommer 2024 beschlossen, sich dem Thema zu öffnen und mit DESYs Forschung auch in diesem Themenspektrum Verantwortung zu übernehmen und Beiträge zu leisten. Denn bei DESY haben wir mit die besten Forschungsanlagen und Analysemöglichkeiten (etwa für die Untersuchung von Materialien) weltweit – und diese sind auch für den Verteidigungssektor von großem Interesse. Wir haben dann bewusst Zeit investiert, uns gemeinsam mit den Mitarbeitenden mit diesem für uns alle neuen Thema zu befassen: Es gab bei DESY zunächst interne Austausch-Events, dann Veranstaltungen mit externer Expertise, zum Beispiel mit Ursula Schröder, die das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg leitet. Die gesamte Belegschaft wurde durch Townhall Events beteiligt, und schließlich auch durch ein interdisziplinär besetztes Sounding Board repräsentiert, das die Prozessausarbeitung eng begleitet und geformt hat. Auch unsere (teilweise mit externen Mitgliedern besetzte) Kommission für Ethik in der Forschung hat wichtige Beiträge zur Diskussion geliefert. Das Ergebnis sind ein strukturierter Prüfprozess zur Einzelfallbewertung von Forschungsvorhaben einschließlich der antragstellenden Person sowie eine interdisziplinär besetzte Prüfkommission als zentrales Scharnier zwischen wissenschaftlicher Praxis, Leitungsebene und ethisch-gesellschaftlicher Einordnung.

​DESY hat keine Zivilklausel, aber ein ziviles Kernprofil, das tief in unserer Kultur und unserer internationalen Kooperationslogik verankert ist. Wenn wir dieses Profil nun um die Dimension der Forschung zu Verteidigungszwecken erweitern, treffen unweigerlich unterschiedliche Denkweisen aufeinander: Die einen sehen in derartiger Forschung eine notwendige gesellschaftliche Verantwortung, die anderen eine Gefährdung der offenen Wissenschaftskultur, die DESY über Jahrzehnte ausgemacht hat. Die Öffnung für diese Forschung wirft bei den DESY-Mitarbeitenden nicht nur Fragen zum wissenschaftlichen Arbeiten selbst auf – auch mögliche Auswirkungen auf unseren offenen Campus, unsere internationale Ausrichtung und die tägliche Zusammenarbeit werden besorgt hinterfragt.  All diese Positionen sind legitim, und genau deshalb darf die Debatte nicht verkürzt werden auf ein Pro oder Contra. Aus diesem Grund bleibt Transparenz für uns sehr wichtig: Auch die Prüfkriterien werden der Belegschaft zugänglich gemacht, und es wird regelmäßig Berichte zu dem Thema geben. Wir treten nun zunächst in eine Pilotphase für drei Jahre ein und werden dann das Vorgehen evaluieren und gegebenenfalls überarbeiten beziehungsweise anpassen.

Ringbeschleuniger Petra III (Foto: Dominik Reipka/DESY)
Ringbeschleuniger Petra III (Foto: Dominik Reipka/DESY)
Foto: Dominik Reipka/DESY
Zivile Forschung: DESY ist insbesondere durch seinen Teilchenbeschleuniger bekannt (im Bild die Anlage "Petra III")

 

Gemeinsame Mission statt Insellösungen

 
​Zugleich entstehen derzeit vielerorts neue Hubs, Campus- und Ökosystemideen im Bereich Defence und Security. In unserem Gespräch fiel dazu die Frage, ob daraus ein produktiver Wettbewerb entsteht oder eher Doppelstrukturen. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit aus vielen Einzelinitiativen tatsächlich ein wirksames, interoperables gesamtdeutsches Innovationsökosystem wird, in dem Wissenschaft, Industrie, Start-ups und öffentliche Hand entlang gemeinsamer Missionen zusammenarbeiten?

​Bei DESY erleben wir täglich, wie wissenschaftliche Exzellenz nur dann ihre volle Wirkung entfaltet, wenn sie vernetzt und interoperabel agiert. Diese Erfahrung lässt sich für mich auch auf die aktuelle Diskussion um Defence- und Security-Hubs übertragen: Der Schlüssel liegt definitiv nicht in einem Mehr an Initiativen, sondern in Kooperation, bei der die Partner jeweils ihre individuellen Stärken einbringen können. Exzellenz entsteht schließlich weder durch Isolation, noch durch eine ungefilterte Flut an Vorhaben, sondern durch das Setzen von Schwerpunkten und eine entschlossene Fokussierung auf die eigenen Stärken. Das bedeutet auch, nicht jedem Standort einen eigenen Leuchtturm zu bauen, sondern dort zu investieren, wo die größte Hebelwirkung für ganz Deutschland liegt. Am Ende geht es um Kooperationen zwischen Partnern mit gemeinsamen Zielen und komplementären Stärken, die die Bereitschaft haben, gemeinsam Schwerpunkte zu setzen und Verantwortung zu verteilen.

​Besonders wichtig ist, dass wir Standards, Sicherheitsanforderungen und gegebenenfalls andere Kriterien abgleichen, um Ressourcen optimal zu nutzen, Doppelstrukturen zu vermeiden und die komplementären Stärken effektiv zu nutzen. Von großer Bedeutung ist hierbei auch der Austausch mit Akteuren aus anderen Sektoren beziehungsweise aus anderen Ländern, mit anderen Perspektiven. Ob auf Konferenzen oder bei Kamingesprächen, habe ich beim Thema Sicherheits- und Verteidigungsforschung insbesondere den vertrauensvollen Austausch mit verschiedenen Akteuren aus Wissenschaft – in Deutschland aber auch in anderen Ländern – und der Politik geschätzt. Wir haben ja alle die gleichen Ziele: den Schutz der Freiheit und der Demokratie.

Luftbild des DESY-Standorts Hamburg (Foto: Reimo Schaaf/DESY)
Luftbild des DESY-Standorts Hamburg (Foto: Reimo Schaaf/DESY)
Foto: Reimo Schaaf/DESY
Der DESY-Standort Hamburg aus der Luft gesehen

 

​Sicherheit und Innovation zusammen denken

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Wenn wir in zehn Jahren auf den heutigen "Zeitenwende"-Diskurs zurückblicken: Was muss sich im Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Staat fundamental geändert haben, damit sicherheitsrelevante Forschung und Innovation zu einem selbstverständlichen Bestandteil technologischer Souveränität und gesellschaftlicher Resilienz werden?

​Ich denke, in zehn Jahren wird der heutige Zeitenwende-Diskurs vermutlich wie ein Übergangsmoment wirken; die Phase, in der wir wirklich realisiert haben, dass die alte Trennung zwischen ziviler Grundlagenforschung und möglicher Anwendung im Verteidigungskontext nicht mehr trägt. Das ist eigentlich schon jetzt Realität, da Hightech-Technologien überall Anwendung finden.  

​Damit wir diese neue Situation wirklich verinnerlichen, muss meines Erachtens vor allem eines passieren: wir müssen akzeptieren, dass wir uns besser schützen müssen. Und Schutz ist in vielen Facetten notwendig: Datenschutz, Schutz vor Cyber-Kriminalität, Schutz vor Terrorismus oder Sabotage, Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels (zum Beispiel Starkregen oder Hitze) und auch Schutz vor militärischen Angriffen. All dies fußt auch auf dem Streben nach europäischer Technologiesouveränität. Um hierfür eine breite Akzeptanz zu bekommen, müssen wir in Vertrauensbildung investieren, und uns auch zumuten, die Perspektiven anderer Stakeholder einzunehmen. Forschungseinrichtungen sollten Sicherheit und Freiheit nicht als Gegensatzpaar, sondern als gemeinsam zu gestaltendes Spannungsfeld behandeln. Dies ist die zentrale Herausforderung für uns bei DESY und insgesamt für die Wissenschaft in Deutschland. Es ist ein hohes Gut in Deutschland, dass die Wissenschaftsfreiheit im Grundgesetz verankert ist, und diese dürfen wir trotz der globalen Spannungen nicht aufs Spiel setzen.

 

ROUNDTABLE DEFENCE & INNOVATION

Bereits im Februar 2026 kamen auf Einladung des Stifterverbandes und der Körber-Stiftung in Berlin führende Köpfe aus Wissenschaft, Innovationsförderung und Verteidigung zusammen, um über neue Formen der Kooperationen zwischen Forschung und Sicherheitspolitik zu diskutieren. An diese Debatte knüpfte ein weiterer Roundtable im September 2026 im Rahmen des Hamburg Science Summit an. Erneut tauschten sich hochrangige Vertreterinnen und Vertreter darüber aus, wie neue Partnerschaften zwischen Forschung und Sicherheitspolitik gestaltet werden können.
 

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