Verantwortung neu vermessen
Beim letzten Roundtable Defence & Innovation des Stifterverbandes und der Körber Stiftung haben Sie angesprochen, dass es in Wissenschaftseinrichtungen oft zunächst eine interne Selbstvergewisserung braucht, wenn es um sicherheitsrelevante Forschung geht. Denn gerade dort spielen Zivilklauseln oder ethische Erwägungen der Forschenden eine große Rolle. Wie führen Sie eine solche Debatte innerhalb einer Organisation, ohne sie zu verkürzen: Was braucht es, um Mitarbeitende und Forschende mitzunehmen und wo sehen Sie die größten kommunikativen und kulturellen Herausforderungen?
Sicherheitsrelevante Forschung lässt sich nicht per Dekret einführen – der Umgang mit ihr muss erarbeitet werden, und zwar gemeinsam mit denjenigen, die sie am Ende verantworten: unseren Forschenden. Das DESY-Direktorium hatte im Sommer 2024 beschlossen, sich dem Thema zu öffnen und mit DESYs Forschung auch in diesem Themenspektrum Verantwortung zu übernehmen und Beiträge zu leisten. Denn bei DESY haben wir mit die besten Forschungsanlagen und Analysemöglichkeiten (etwa für die Untersuchung von Materialien) weltweit – und diese sind auch für den Verteidigungssektor von großem Interesse. Wir haben dann bewusst Zeit investiert, uns gemeinsam mit den Mitarbeitenden mit diesem für uns alle neuen Thema zu befassen: Es gab bei DESY zunächst interne Austausch-Events, dann Veranstaltungen mit externer Expertise, zum Beispiel mit Ursula Schröder, die das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg leitet. Die gesamte Belegschaft wurde durch Townhall Events beteiligt, und schließlich auch durch ein interdisziplinär besetztes Sounding Board repräsentiert, das die Prozessausarbeitung eng begleitet und geformt hat. Auch unsere (teilweise mit externen Mitgliedern besetzte) Kommission für Ethik in der Forschung hat wichtige Beiträge zur Diskussion geliefert. Das Ergebnis sind ein strukturierter Prüfprozess zur Einzelfallbewertung von Forschungsvorhaben einschließlich der antragstellenden Person sowie eine interdisziplinär besetzte Prüfkommission als zentrales Scharnier zwischen wissenschaftlicher Praxis, Leitungsebene und ethisch-gesellschaftlicher Einordnung.
DESY hat keine Zivilklausel, aber ein ziviles Kernprofil, das tief in unserer Kultur und unserer internationalen Kooperationslogik verankert ist. Wenn wir dieses Profil nun um die Dimension der Forschung zu Verteidigungszwecken erweitern, treffen unweigerlich unterschiedliche Denkweisen aufeinander: Die einen sehen in derartiger Forschung eine notwendige gesellschaftliche Verantwortung, die anderen eine Gefährdung der offenen Wissenschaftskultur, die DESY über Jahrzehnte ausgemacht hat. Die Öffnung für diese Forschung wirft bei den DESY-Mitarbeitenden nicht nur Fragen zum wissenschaftlichen Arbeiten selbst auf – auch mögliche Auswirkungen auf unseren offenen Campus, unsere internationale Ausrichtung und die tägliche Zusammenarbeit werden besorgt hinterfragt. All diese Positionen sind legitim, und genau deshalb darf die Debatte nicht verkürzt werden auf ein Pro oder Contra. Aus diesem Grund bleibt Transparenz für uns sehr wichtig: Auch die Prüfkriterien werden der Belegschaft zugänglich gemacht, und es wird regelmäßig Berichte zu dem Thema geben. Wir treten nun zunächst in eine Pilotphase für drei Jahre ein und werden dann das Vorgehen evaluieren und gegebenenfalls überarbeiten beziehungsweise anpassen.