Process Mining – Schlüsseltechnologie für die Zukunft der Arbeit und Wertschöpfung in Unternehmen

Nominiert für den Deutschen Zukunftspreis 2019

Die Digitalisierung der Geschäftsabläufe eröffnet Unternehmen viele neue Möglichkeiten. So bietet die Fülle an Daten, die dabei anfällt, die Chance, Kundenbeziehungen, Kontakte mit anderen Firmen und interne Prozesse auf den Prüfstand zu stellen und nachhaltig zu verbessern. Doch bislang fehlten die technischen Mittel, um dieses Potenzial vollständig auszuschöpfen. Wie lässt sich das ändern?

Foto: Ansgar Pudenz/DZP
  • Alexander Rinke, Celonis SE, München (Sprecher) (Mitte)
  • Martin Klenk, Celonis SE, München (re.)
  • Bastian Nominacher, Celonis SE, München

 
Das Forscherteam hat dazu ein vielseitiges und einfach zu handhabendes Werkzeug geschaffen: eine neuartige Methode, um Prozesse umfassend zu analysieren, darzustellen, zu verstehen – und effizienter zu gestalten. Das Process Mining lässt sich in allen Bereichen und auf allen Ebenen von Unternehmen einsetzen, macht selbst komplexe und miteinander verwobene Vorgänge sichtbar und entwirft als operatives System eigenständig Vorschläge für nutzbringende Veränderungen.

Die drei Forscher sind Gründer und Geschäftsführer der Celonis SE – einem Unternehmen, das als Start-up aus der Technischen Universität München hervorgegangen ist. Bastian Nominacher ist zuständig für das Europageschäft sowie die Bereiche Operations und Finance. Alexander Rinke leitet das Hauptbüro für die USA in New York und verantwortet die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Martin Klenk ist Leiter der Entwicklungs- und Innovationsabteilung.

Foto: Ansgar Pudenz/DZP

 
Der digitale Wandel stellt Unternehmen vor enorme Herausforderungen – nicht zuletzt, weil er den Umgang mit Kunden und Partnern verändert. Diese erwarten zum Beispiel, dass Waren, Dienstleistungen und Informationen stets verfügbar und rasch erhältlich sind. Auf der Erfolgsspur sind daher Betriebe, die ein breites Portfolio an passgenauen Produkten anbieten und unkompliziert bereitstellen können.

Voraussetzung dafür sind effiziente und aufeinander abgestimmte Prozesse. Andererseits liefern die ständig im Hintergrund ablaufenden geschäftlichen Vorgänge zahlreiche Daten, in denen wertvolle Hinweise schlummern – etwa darauf, wie einzelne Prozesse ineinandergreifen und wo es nicht optimal läuft. Allerdings: Mit den bislang verfügbaren Mitteln ließ sich dieser Schatz nicht heben. So konnten Werkzeuge zur Prozessanalyse nur wenige Fragen beantworten, waren zeitaufwendig und auf Daten aus einem bestimmten IT-System zugeschnitten.

Dieses Manko haben die drei Nominierten beseitigt. Mit Process Mining schufen sie ein universell einsetzbares Tool, mit dem sich Unternehmensprozesse über alle Fachbereiche hinweg untersuchen und visualisieren lassen und das unabhängig von der IT-Umgebung ist. Die Technik nutzt dazu Informationen über alle digitalen Vorgänge, die in Ereignisprotokollen, sogenannten Event Logs, festgehalten sind. Durch eine automatische Auswertung dieser Daten rekonstruiert das System die Prozesse sowie ihre gegenseitigen Verbindungen und Abhängigkeiten. Das schafft ein hohes Maß an Transparenz. Zudem erkennt die Software Engpässe oder Abweichungen von Zielvorgaben – auch bereits bevor sie eintreten. Und sie gibt den verantwortlichen Mitarbeitern faktenbasierte Tipps, wie sich solche Probleme vermeiden und wie die Prozesse sich effizienter gestalten lassen. Die Process Mining-Technologie baut auf trickreiche Algorithmen und intelligente Verfahren wie Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz. Sie lässt sich in Unternehmen und Organisationen beliebiger Größe und aus jeder Branche nutzen. Das System eignet sich für den Einsatz in allen Abteilungen wie dem Einkauf oder Vertrieb, in der Logistik oder Produktfertigung. Um es auf einfache Weise für möglichst viele Anwender nutzbar zu machen, hat das Team bei Celonis dafür eine webbasierte Plattform geschaffen: die „Intelligent Business Cloud“. Dort stehen online alle Funktionen des Tools bereit, die regelmäßig erweitert und ergänzt werden. Eine vereinfachte Version lässt sich über die Cloud von jedermann kostenlos nutzen.

Die Basis für die neuartige Technik legten die drei Nominierten als Studenten an der TU München: Im Rahmen eines Beratungsprojekts für den Bayerischen Rundfunk entwickelten sie einen ersten Prototyp. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Projekts entwickelte das Team das Konzept des Process Mining weiter zu einem umfassenden Werkzeug, das rasch auf großes Interesse in der Industrie stieß. Das führte 2011 zur Gründung von Celonis. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen 700 Mitarbeiter an zehn Standorten in Europa und den USA. Der Umsatz wächst Jahr für Jahr mit dreistelligen Prozentzahlen, womit Celonis eines der am schnellsten expandierenden IT-Unternehmen der Welt ist. Ein geschätzter Marktwert von über einer Milliarde US-Dollar macht die junge Firma zudem zu einem – in Deutschland seltenen – „Einhorn“. Der Kundenkreis umfasst mehr als 600 Unternehmen, darunter etliche namhafte Konzerne wie Bayer, BMW, Deutsche Telekom, Siemens und Vodafone. Insgesamt arbeiten über 22200.000 Nutzer mit der Celonis-Software. Um die Entwicklung des Systems weiter voranzutreiben, schafft das Team bei Celonis ständig neue Innovationen. Dazu hat das Unternehmen nicht nur eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung, sondern auch ein breites Netzwerk von Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft geschaffen. Celonis besitzt drei Patente für technische Neuerungen, rund ein Dutzend weitere Schutzrechte sind beantragt. Das Potenzial von Process Mining für die Optimierung digitaler Geschäftsprozesse und die Gestaltung des digitalen Wandels ist enorm. Experten sehen darin eine mögliche neue Schlüsseltechnologie für Industrie und Behörden. Sie verringert Wartezeiten bei Kunden und verbessert das Kundenerlebnis, senkt Kosten bei Unternehmen, steigert die Produktivität und damit auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter – und kann sogar Leben retten: etwa in Notaufnahmestationen, wo sich damit eine reibungslose und zügige Patientenversorgung sicherstellen lässt.
 

Der Vorschlag wurde von der Hochschulrektorenkonferenz eingereicht.