ZiviZ-Finanzierungsstudie 2015

Weniger Subsidiarität, mehr Wettbewerb in der Zivilgesellschaft?

Mit diesem ZiviZ-Survey liegt eine Studie vor, die nicht nur empirisch gehaltvoll ist, sondern es auch versteht, quantitative Sachverhalte für wichtige qualitative Fragen der Forschung zum Dritten Sektor und zur Zivilgesellschaft fruchtbar zu machen. Diese Datenquelle wurde nun erstmals mit Bezug auf Finanzierungsindikatoren zivilgesellschaftlicher Organisationen ausgewertet.

  • Wie stellt sich die Organisationslandschaft im Dritten Sektor dar?
  • Wie weit ist sie mit zivilen Orientierungen verbunden, also zum Beispiel mit freiwilligem Engagement, Mitgliedschaften, bei denen gemeinschaftlicher Zusammenhalt und Möglichkeiten demokratischen Entscheidens mitbestimmend sind?
  • Welche Rolle spielen für eine solche Kultur der jeweilige Mix finanzieller Grundlagen, Mitgliedsbeiträge und Spenden, selbsterwirtschaftete und öffentliche Mittel?

Die Publikation ist im Februar 2016 erschienen.

 

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

Der Dritte Sektor ist in Deutschland äußerst heterogen strukturiert. Deshalb lassen sich nur schwerlich allgemeingültige Erkenntnisse zu seiner Finanzierung aufstellen. Die vorliegende Sonderauswertung des ZiviZ-Surveys 2012 arbeitet die wichtigsten Differenzierungen heraus.

Es lassen sich dennoch einige generelle Muster hinsichtlich der Größe der Organisationen, der Finanzierungsquellen und weiterer Aspekte aufzeigen, die ein Grundverständnis der Organisationslandschaft – also von Vereinen, Stiftungen, Genossenschaften und gGmbHs – ermöglichen. Dabei zeigt sich vor allem, dass die Ressourcengenerierung von verschiedenen Faktoren wie Organisationsgröße, Rechtsform, Professionalisierungsgrad und auch den Tätigkeitsfeldern, in denen sie aktiv sind, abhängt.

  • Die Hälfte aller Organisationen verfügt über maximal 10.000 Euro Jahreseinnahmen. Im Durchschnitt haben diese Organisationen 100 Mitglieder und 20 Engagierte. Sie binden also bürgerschaftliches Engagement in erheblichem Umfang und organisieren breite Bevölkerungsgruppen mitgliedschaftlich. Es gibt zwar auch finanzstarke Organisationen mit jährlichen Einnahmen im sechsstelligen Bereich, doch sie sind mit 4 Prozent die Ausnahme. Sie sind vor allem aus ökonomischer und arbeitsmarktpolitischer Sicht von hoher Bedeutung, da sich in ihnen der Großteil der 2,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten des Dritten Sektors konzentriert.
     
  • Mitgliedsbeiträge sind mit Abstand die wichtigste Einnahmequelle. 84 Prozent der Organisationen erheben Mitgliedsbeiträge, für jede dritte sind sie die Haupteinnahmequelle. Im Bereich Sport und Freizeit gilt das sogar für jede zweite. Zwei Drittel der Organisationen speisen ihre Einnahmen auch aus Markterträgen, zu denen etwa Eintrittsgelder für Veranstaltungen oder Gebühren für Dienstleistungen zählen. Ein Viertel finanziert sich überwiegend darüber – Tendenz steigend. Bei einem Drittel haben sich die Einnahmen aus Markterträgen in den letzten Jahren erhöht.
     
  • Öffentliche Mittel spielen im Gesamtfinanzierungsmix eine geringe Rolle. Der überwiegende Teil der Organisationen, rund zwei Drittel, bekommt keine öffentlichen Mittel. Eine Ausnahme sind die Erbringer sozialer Dienstleistungen, die öffentliche Mittel im großen Stil beziehen: Im Bereich der sozialen Dienste etwa finanzieren sich 20 Prozent der Organisationen überwiegend über öffentliche Mittel. Kultur- und Sportorganisationen gehen bezüglich öffentlicher Fördermittel zunehmend leer aus. Mittel von Bund, Ländern und Kommunen fließen vor allem in Organisationen, die zur Sicherung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen beitragen, vornehmlich in den Bereichen Bildung und soziale Dienste. Aber auch im Umweltschutz sind die Einnahmen durch öffentliche Mittel gestiegen.
     
  • Die Rolle von Spendeneinnahmen wird in der deutschen Debatte zum Gesamtfinanzierungsmix meist unterschätzt, dabei generieren die Organisationen im Durchschnitt rund ein Fünftel ihrer Einnahmen über Spenden. Besonders kleine Organisationen in den Bereichen Bildung und soziale Dienste sind darauf angewiesen; annähernd jede dritte finanziert sich überwiegend über Spenden. Die Organisationen berichten zudem, dass diese Form der Einnahmen in den letzten Jahren gestiegen ist.
     
  • Eine besondere Form der Förderung, die vor allem von den Kommunen geleistet wird, sind materielle Unterstützungen. Jede zweite Organisation profitiert von der Bereitstellung von Infrastrukturen wie Räumen und Sportanlagen, Sachspenden und Personalleistungen.
     
  • Die finanzielle Situation der Organisationen ist von vielen Faktoren abhängig. Vor allem Größe und personelle Ressourcen, also die Anzahl eingebundener Mitglieder, freiwillig Engagierter und hauptamtlich Beschäftigter, hängen mit den Finanzierungsmodi zusammen. Kleine, rein bürgerschaftlich getragene Organisationen finanzieren sich vorwiegend über Mitgliedsbeiträge und Spenden, professionalisierte Großorganisationen eher über einen Mix aus öffentlichen Mitteln und Markterträgen.
     
  • Generell lassen sich zwei gegensätzliche Organisationstypen identifizieren: Moderne große Dienstleister in sozialstaatsnahen Bereichen mit einem Finanzierungsschwerpunkt durch Staat und/oder Markt auf der einen Seite und das selbstorganisierte Assoziationswesen mit sehr kleinen Organisationen, die sich insbesondere über Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert.
     

 

Bibliografische Angaben

Jana Priemer, Anaël Labigne, Holger Krimmer:
ZiviZ-Finanzierungsstudie 2015
Edition Stifterverband
Essen 2016
ISBN: 978-3-922275-65-7
72 Seiten

Kontakt

Jana Priemer

ist Projektleiterin in der ZiviZ gGmbH.

T 030 322982-519
F 030 322982-515

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Dr. Anaël Labigne

ist Projektleiter in der ZiviZ gGmbH.

T 030 322982-534
F 030 322982-569

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Dr. Holger Krimmer

ist Geschäftsführer der ZiviZ gGmbH.

T 030 322982-513
F 030 322982-515

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