Stefan Wrobel: Wir beschränken künstliche Intelligenz

"Ich glaube, wenn überhaupt, müssen wir uns in Deutschland auf unsere Wurzeln zurückbesinnen, wenn die verschüttet gegangen sein sollten. Das ist der Glaube daran, dass ich Dinge erfinden und realisieren kann, die die Welt verändern."

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Vom Maschinenbauer zum datengetriebenen Dienstleister: Die Industrie in Deutschland steht vor einem Umbruch, erklärt Stefan Wrobel, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS. Die Computersysteme, die diese Entwicklung forcieren, werden immer leistungsfähiger und intelligenter. Doch dem ist eine Grenze gesetzt.
 

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Autorin: Corina Niebuhr
Produktion: Webclip Medien Berlin
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Das Interview entstand am Rande des Forschungsgipfels 2016.

Transkript des Videos

In vielen Fällen wird der limitierende Faktor nicht sein, dass ich ein technisches Grundbauteil entwickeln muss, um etwas zu realisieren, sondern der limitierende Faktor wird meine Fähigkeit sein, mir vorzustellen, welche Funktionalitäten ich denn gerne hätte, welche interessant wären, welche genutzt werden würden.

Heute ist es beispielsweise so: Wenn Sie bestimmte Dinge programmieren wollen, dann ist das noch sehr aufwendig, weil die Computer eben noch nicht so weit sind, dass sie diese Dinge automatisch tun können. In zehn Jahren wird sich das ein gutes Stück weiter verschoben haben in die Richtung, dass ich eine Funktionalität mir erbitten kann vom Computer. Dass ich sage: So ungefähr soll das funktionieren. Ist das realisierbar? Und dass dann eben selbstlernende Verfahren, wo wir die Durchbrüche aktuell, während wir hier sitzen, passieren in den Laboren, wo wir diese Durchbrüche haben, dass selbstlernende Verfahren tatsächlich sowas auch realisieren können.

Das ist natürlich das autonome Fahrzeug. Da kommt genau die Fähigkeit des Computers ins Spiel, das zu tun, was natürlich bislang eine Domäne des Menschen war, und das ist, Situationen zu erfassen, aus bildlicher Information, aus audiovisueller Information dann auch solche Informationen zu extrahieren. Und ich bin sicher, die jungen Leute, die jetzt in den nächsten Generationen kommen, die werden aus dieser Fähigkeit von Computern noch viel, viel mehr Dinge machen als ich mir die jetzt auch vorstellen kann. Ja, ich kann mir vorstellen, dass der Computer dann meine Bildersammlung auf dem Computer ganz anders verwaltet. Ich kann mir vorstellen, dass ich mein Haus ganz anders überwachen kann. Ich kann mir vorstellen, dass mir Bücher automatisch zusammengefasst werden. Aber das ist natürlich nur ein Bruchteil dessen, was passieren wird, wenn wir wirklich mehr Leute involvieren, denn das ist eben auch wichtig. Diese Ideen, die kommen nicht notwendigerweise von den Fraunhofer-Institutsleitern. Und die kommen auch nicht notwendigerweise von den Vorstandsvorsitzenden der großen Unternehmen, sondern sie kommen teilweise von ganz anderen Menschen. Und das müssen wir zusammenbringen.

Ich glaube, die wichtigste Veränderung, die im Hintergrund abläuft, ist tatsächlich die steigende Intelligenz der Computer. Viele haben das natürlich durchaus auf dem Schirm. Die klassischen Beispiele: Computer gewinnt die amerikanische Gameshow Jeopardy, ein Computer gewinnt jetzt gegen Menschen im Go, das ist bekannt, auch die beeindruckenden Leistungen bei der Bilderkennung. Trotzdem glaube ich, diese Revolution ist tiefer als sie zurzeit noch wahrgenommen wird. Und wir werden das in den nächsten Jahren sehen, dass das viele Dinge zur Folge hat. Gleichzeitig, wenn Sie fragen, was passiert jetzt, sehe ich natürlich, dass die Kreativität in Unternehmen zu erwachen beginnt. Und da greifen oft auch öffentliche Diskussionen zu kurz, wenn wir uns auf ganz wenige große Player konzentrieren. Im Kleinen passieren sehr viele Dinge, zum Teil bei Unternehmen, von denen man es eigentlich nicht unbedingt erwartet, die vielleicht als sehr konservativ gelten, aus dem konservativen Maschinenbau kommen. Auch da tun sich Dinge. Und ich glaube, auch das werden wir, die Spitze des Eisbergs ist jetzt schon sichtbar, die Plattform Industrie 4.0 hat schöne Beispiele auch auf ihrer Website. Wir haben auf unserer Big-Data-Allianz-Seite weitere schöne Beispiele, Bitkom hat welche, aber das ist alles nur die Spitze des Eisbergs. Ich glaube, ich hoffe, der Optimismus ist dann auch tatsächlich gerechtfertigt und wird sich, was die Prognose angeht, auch so bewahrheiten, dass wir in zwei, drei Jahren sehen werden, dass diese Veränderung, die jetzt im Untergrund verläuft, sehr, sehr deutlich zu sehen sein wird. Und dann werden wir über eine andere Landschaft von Big Data, Internet und Digitalisierung reden als wir das jetzt tun, wenn wir uns fokussieren auf die Youbers, Facebooks und Googles der Welt. Die wird es auch noch geben, die sind wichtig, aber sie werden ergänzt werden durch weitere Dinge, die vielleicht stark aus unseren Regionen kommen.

Ich glaube, wenn überhaupt, müssen wir uns in Deutschland auf unsere Wurzeln zurückbesinnen, wenn die verschüttet gegangen sein sollten. Das will ich jetzt hier an dieser Stelle gar nicht beurteilen. Und die Wurzeln sicherlich auch des Wohlstandes, den wir in Deutschland jetzt haben, ist natürlich dieses, was ich das klassisch Ingenieurmäßige nennen würde. Das ist der Glaube daran, dass ich Dinge erfinden und realisieren kann, die die Welt verändern. Diesen Glauben sehe ich bei uns im Institut und auch an vielen anderen Stellen, den haben wir keineswegs verloren. Ich glaube, manchmal wirkt es so, als wäre er ein wenig verschütt gegangen, als wären wir die Weltmeister nur noch im Epsilon, im Optimieren des Geräusches, das eine Tür machen soll, wenn sie zuschlägt. Aber das stimmt natürlich so nicht. Und wenn wir etwas stärken müssen, dann ist es lediglich diesen Glauben, dass wir das können. Und wir sollten auch daran glauben, dass wir das von Deutschland aus können.

Wenn wir zunächst auf Deutschland oder auch auf Europa fokussieren, dann haben wir eine große Stärke darin, dass in vielen Bereichen die Unternehmen, die hier sitzen, den Zugang zu den Daten in ganz elementarer und unmittelbarer Weise haben. Wir haben beispielsweise ein Gespräch geführt vor kurzer Zeit mit einem Unternehmen, das für einen Großteil der sogenannten weißen Ware, Waschmaschinen, Spülmaschinen & Co., die Elektronikboards herstellt, die diese Geräte steuern. Und wenn ich so etwas millionenfach im Umlauf habe, dann habe ich natürlich einen direkten Zugang auch zu den Daten, die solche Geräte erzeugen. Man kann daraus möglicherweise interessante Dinge machen. Genauso sieht es in anderen Sektoren aus wie dem Fahrzeugsektor, im Energiesektor. Das heißt, dadurch, dass wir so viele Champions haben, auch in diesen infrastrukturellen Bereichen, haben wir eine besondere Vielfalt von Daten, und die reichen eben weit über das hinaus, was im klassischen Internet bislang so bei Facebook & Co. steht, und ich glaube, daraus können wir in Deutschland sehr, sehr viel machen.

Bleiben wir ruhig beim Thema Maschinenbau, hier in der Branche. Was dort passiert, ist, dass Unternehmen begonnen haben, natürlich darüber nachzudenken: Ich verkaufe nicht mehr Maschinen, sondern ich verkaufe eine bestimmte Fähigkeit. Ganz platt gesagt: Ich verkaufe keine Säge, sondern ich verkaufe die Fähigkeit, soundsoviel hundert Meter Material zu sägen pro Monat. Dort angefangen beginnt also die Revolution, dass man sagt: Wenn ich etwas produziert habe, dann gebe ich das gar nicht aus der Hand, so dass ich keinen Zugriff mehr habe, sondern es bleibt eigentlich Teil meines Systems. Denn wenn ich einen Service anbiete, muss ich ja am Ball bleiben, dann bin ich ja ein Service-Dienstleister. Wenn man das aber hat, dann kann man auch weitergehen und sagen: Aha, dann kann ich eigentlich auch schauen, was machen denn die Kunden mit meinen Maschinen, was wollen die denn sägen, was wollen die denn herstellen? Und so haben beispielsweise einige Unternehmen in Deutschland angefangen, Cloud-Plattformen aufzubauen, wo die Kunden sich dann austauschen können über die Ideen, die sie haben mit diesen Maschinen. Und dann hat auf einmal dieser Digitalsektor eine ganz andere Bedeutung. Er ist nämlich jetzt nicht mehr die Kontrolle dieser Maschinen, dass die noch präziser sägen oder das noch günstiger können, sondern es entsteht ein Ideenmarkt. Und dieser Ideenmarkt ist zentriert um ein Unternehmen herum, das vielleicht vor einigen Jahren Maschinen in einen Karton gepackt hat oder in einen Container, die ausgeliefert und dann vergessen hat. Das ist eine Veränderung, die natürlich im Alltag jetzt nicht die Prägnanz hat wie ein selbstfahrendes Auto, die aber eben in der Fläche, weil das so oft passiert und in so vielen Bereichen, glaube ich, das Substrat ist, aus dem wirkliche Veränderungen dann auch erwachsen.

Die zentrale Herausforderung ist, dass dieser Wandel, von dem wir jetzt sprechen, viele erfassen muss, möglicherweise alle erfassen muss, und dass wir deswegen natürlich in einer ganz anderen Weise vorgehen müssen. Wenn wir spezialisierte Disziplinen haben, dann kann es Sinn ergeben, spezialisierte Studiengänge aufzubauen, in denen wir Nachwuchs genau für diese Disziplinen aufbauen, und das tun wir ja auch sehr erfolgreich da, wo diese Spezialgebiete stabil genug sind. Hier haben wir jetzt einen Wandel, der sich schnell vollzieht, der sich in anderen Zeitskalen vollzieht und der eben nicht eingegrenzt werden kann auf einen Sektor. Wir können eben nicht sagen: Digitalisierung, das gibt es nur in der Industrie, deswegen reicht es, wenn wir uns in Deutschland mit Industrie 4.0 beschäftigen. Sondern wir werden sehr schnell sehen, eine solche Orientierung auf einen Sektor, die ignoriert, dass die Sektoren alle zusammenhängen und dass wir horizontal denken müssen. Das bedeutet aber natürlich auch, dass wir nicht so einfach sagen können, es ist nur eine kleine Gruppe von Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen muss. Das heißt, ich glaube, die große Herausforderung liegt darin, diesen Geist, diesen Glauben an das Gestalten nicht nur ganz wenigen Gestaltern beizubringen. Ich glaube, die haben ihn, da trifft man immer wieder welche in Deutschland, sondern auch all denen, die vielleicht jetzt sagen würden: Ach, ich bin doch eigentlich nur ein Nutzer. Mir wird das vorgesetzt. Ich verwende das, ich beherrsche die Technologie, aber ich verändere sie nicht. Tatsächlich sieht man bei jedem Einzelnen: Im Kleinen schon kann Veränderung beginnen. Und dieser Wunsch, tatsächlich Dinge zu gestalten und sie nicht nur zu benutzen, den brauchen wir auf allen Ebenen. Und das wissen Sie vielleicht ja auch, dass wir gerade deswegen schon in den Schulen aktiv sind.