Pascal Finette: Die nächsten Technik-Revolutionen

"Was mich beunruhigt, ist, dass wir als Gesellschaft uns wenig über diese Themen unterhalten: Was bedeutet das denn für mich moralisch und ethisch als Gesellschaft?"

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Neue Technologien verleihen dem Menschen eine geradezu gottgleiche Macht, meint Pascal Finette von der Singularity University, einem Thinktank aus dem Silicon Valley. Gentechnik, Quantencomputer, Kryptowährungen – all das kann Gutes bewirken, aber auch immensen Schaden anrichten. Was fangen wir mit dem technologischen Fortschritt an?
 

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Autor: Timur Diehn
Produktion: Webclip Medien Berlin
für den YouTube-Kanal des Stifterverbandes

 

Transkript des Videos

Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen als Ausgangspunkt, und ich glaube, das ist meine Weltanschauung, dass Technik an sich erstmal agnostisch ist. Das heißt, Technik hat keine Meinung. Also, ich kann den Atom spalten, um damit Energie zu erzeugen. Ich kann ein Atom spalten, um damit die Hiroshima-Bombe zu erzeugen. Dem Atom ist es erstmal egal. Der Technologie ist es egal.

Ich glaube auch, und ich habe damals bei Ebay mal gearbeitet vor Jahren. Und Ebay hatte diesen Grundsatz: We believe people are basically good Und ich glaube, das ist auch so eine Lebenseinstellung, die ich habe, ich glaube, dass der Großteil der Menschen grundsätzlich erstmal Gutes will in der Welt. Was auch gut ist, ansonsten würde es, glaube ich, uns als Bevölkerung, als Menschenrasse gar nicht mehr geben. Wenn du damit anfängst und dann sagst: Okay, was kann Technologie für uns tun? Und du guckst dir halt an, und es ist das Thema, wo Singularity vielleicht an und zu auch mal kritisiert wurde, weil wir halt sehr positiv in die Zukunft gucken. Weil wir sagen: Wie kann ich denn Technologie nutzen, um Gutes in der Welt zu schaffen? Um die großen Probleme in der Welt wie zum Beispiel Zugang zu Wasser, also Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Food Sheltern, die ganzen Themen, wie kann ich die beheben? Und ich bin sehr optimistisch, dass wir das tun können, weil ich sehe es jeden Tag. Ich sehe Start-ups, ich sehe Großunternehmen, die halt Dinge bewegen. Auf der anderen Seite musst du natürlich ganz klar sein, dass Technologie natürlich auch eine negative Seite hat. Du kannst Technologie auch missnutzen. Auf der einen Seite kann ich eben Google nutzen, um halt alle Informationen in der Welt zu finden. Auf der anderen Seite kann mich die NSA eben über meine Google-Suchen identifizieren und feststellen, was ich tue etc. Ich habe den Glauben, dass wir als Menschen uns immer mehr an einen Gott-Status bewegen, eben durch Technologie, und das haben wir immer gemacht. Also, als wir angefangen haben, das Pferd vor den Pflugkarren zu schirren, haben wir angefangen, unsere Erde nach unserem Bilde zu gestalten. Das ist tatsächlich göttliches Verhalten in vielen Mengen. Das ist eine unglaubliche Macht und eine unglaubliche Kraft, und mit jeder großen Kraft und Macht kommt eben auch Verantwortung. Und das ist eben der Punkt: Ja, wir werden Götter und können - oder gottähnlich - und können eben große Probleme in der Welt beheben. Und natürlich: Ja, wir werden Götter und können eben auch wirklich schlimme Dinge auf dieser Welt anstellen. Und das ist halt die Diskussion, in der wir sind, und was mich persönlich vielleicht ein bisschen beunruhigt, ist, dass wir sehr wenig diese moralische und ethische Diskussion über diese Themen haben. Weniger Technologie, wir sprechen nach wie vor viel zu viel über die Technologie selbst, und das ist gut, und das müssen wir auch machen, keine Frage. Was mich beunruhigt, ist, dass wir als Gesellschaft uns wenig über diese Themen unterhalten: Was bedeutet das denn für mich moralisch und ethisch als Gesellschaft? 

Wir sehen diese exponentiellen Trends in anderen Industrien, nicht nur im Bereich Computer. Also, du siehst sie zum Beispiel bei dem Gensequenzieren. Der Preis für Gensequenzieren ist heute um 300, 400 Dollar. Vor knapp 20 Jahren noch, als wir damit angefangen haben, 2,7 Milliarden US-Dollar. Also, du hast diesen massiven Preisverfall. Solartechnik, getrieben aus Deutschland, ich kann heute für drei, vier Cents die Kilowattstunde Solar erzeugen im industriellen Stil. Wir sehen eben diese Trends. Die fangen halt an zusammenzukommen. Wir nennen das Convergence. Und dann fangen die halt auch an, sich gegenseitig zu beeinflussen. Also, Roboter zum Beispiel, das ist so diese Zusammenführung von künstlicher Intelligenz, Sensorik, bessere Motoren, bessere Batterien. Und du bringst all diese Dinge zusammen, und dann kriegst du sehr, sehr interessante, sehr komplexe Systeme, die wir dann halt für wirklich spannende Aufgaben benutzen können. Also, du siehst das gerade, ich habe kürzlich einen Bericht gelesen über die Roboter, die wir in Fukushima einsetzen, in dem Kernkraftwerk, das ja den Unfall hatte. Wo halt kein Mensch reingehen kann, wir aber in der Zwischenzeit sehr, sehr gute Roboter haben, um da reinzugehen und dort zu arbeiten. Und dem Roboter ist es halt egal, ob er radioaktiv verstrahlt wird, weil es gibt nichts, was irgendwie radioaktiv verstrahlt werden kann. Ist halt Metall und Computer.

Das ist halt heute, dass überwiegend noch tatsächlich Wissenschaftler in einem Labor, die halt einzelne Moleküle nehmen, mit anderen Molekülen verbinden und ausprobieren und dann die erfolgversprechenden Kombinationen halt im Tierversuch testen etc. Es ist für Computer nach wie vor sehr, sehr schwer zu simulieren. Es sind sehr, sehr komplexe Systeme. Wenn du dir Quantumcomputer anguckst, was ja auch eine dieser Technololgien, wo wenn du mich vor zwei oder drei Jahren noch gefragt hättest, wie weit sind wir beim Thema Quantum und wie schnell kommen wir dahin, hätte ich und viele andere Leute hätten dir gesagt: 10 Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre, dauert! Wenn ich mir angucke, wo wir heute sind: Wir haben Riesenschritte gemacht und wirklich die meisten Leute außerhalb der Leute, die in der Industrie sind, sind halt überrascht, wirklich überrascht. Was du mit Quantumcomputern halt machen kannst, ist: Du kannst sehr, sehr leicht, und dafür sind Quantumcomputer sehr, sehr gut, Riesenmengen an möglichen Molekülkombinationen ausprobieren, simulieren, vollständig simulieren, und dann eben herausfordern, die besten Molekülkombinationen finden. Und dann kannst du Roboter, das machen wir heute schon, mit Robotern im Grunde die Versuche durchführen. Das heißt, Roboter bedienen die Pipetten, bringen die Moleküle zusammen, kreieren das Versuchsfeld. Dann hast du Computervisison, also im Grunde Kameras, Sensoren etc., die sich das Ergebnis angucken. Dann hast du künstliche Intelligenz, die das Ergebnis auswertet und dann dem Wissenschaftler nur noch sagt: Von den 50.000 möglichen Kombinationen haben wir 1.000 ausprobiert, und zwar in den letzten 24 Stunden, weil wir das nämlich massiv parallelisieren. Und von denen haben wir die folgenden fünf gefunden, die du jetzt mal im Tierversuch zum Beispiel weiter testen solltest. Was das bedeutet, ist, wenn du mit Leuten sprichst: Alle großen Pharmakonzerne arbeiten an dem Thema. Und wenn du mit Leuten in den Pharmakonzernen sprichst: Die werden dir sagen, dass wir mit diesem Fortschritt 100 mal, 1.000 mal mehr neue Medikamente finden werden, als wir in den letzten 50 Jahren gefunden haben, und zwar innerhalb von Jahren. Dann hast du natürlich nach wie vor das Problem, dass die zugelassen werden müssen etc. Und dass du halt die Tests machen musst. Aber wenn du überlegst, dass wir in der Lage sind, für Krankheitsbilder, die vielleicht, weil so wenig Leute das Krankheitsbild betrifft, wir im Grunde nie wirklich darauf forschen konnten oder Medikamente erzeugen konnten, dass ich die auf einmal simulieren kann in einem Quantumcomputer, und dann halt Lösungsansätze finden kann, das ist Wahnsinn. Das ist so das Thema, wo wir uns hinbewegen und was wir sehen, was in der Zukunft passiert, und wie gesagt, das Zusammenbringen von Technologie ist da auch der Schlüssel. 

Unser Währungssystem basiert auf Vertrauen. Ich vertraue, dass ein Euro ein Euro wert ist, und ich vertraue, dass meine Regierung oder meine Notenbank halt dafür geradesteht, was auch immer das bedeuten mag. Früher hatten wir mal den Goldstandard, da konnte ich eben Gold dafür kriegen, was auch im Grunde sinnlos ist, weil was will ich mit Gold machen am Ende des Tages? Was ich spannend finde bei dem Thema Kryptowährung ist das Gedankenmodell, dass du im Grunde ein ... dass du nach wie vor vertrauen musst. Du vertraust nicht mehr dem System. Ich brauche der Notenbank nicht mehr vertrauen, weil ich jetzt Technologie habe, die das Vertrauen ersetzt, eben die Blockchain. Aber ich muss nach wie vor vertrauen, dass meine Bitcoin was wert ist. Dass andere Leute sagen, dass sie was wert ist. Der große Vorteil, den ich habe, ist, dass ich jetzt nicht mehr der Notenbank vertrauen muss, sondern dass ich im Grunde dem Kollektiv vertraue, dem Kollektiv derer, die diese Währung auch halten, sprich: in dem System, das stark dezentralisiert ist, wo also viele Leute kleine Teile dieser Währung halten, habe ich ein System, wo wahrscheinlich Vertrauen leichter herzustellen ist als in einem System, wo ich eben einer einzelnen Person oder einer einzelnen Institution, eben meiner Notenbank zum Beispiel oder meiner Regierung vertrauen muss. Ich glaube, wir sehen da sehr viele ... wir werden da sehr viele Änderungen sehen. Im Moment ist das alles noch wirklich in den Kinderschuhen. Es ist fast unmöglich, mit einer Cryptocurrency Güter zu kaufen aus vielerlei Gründen, technologische Beschränkungen, zu teuer, zu langsam etc. Aber ich glaube, in den nächsten fünf, zehn Jahren wird sich das alles sehr ändern. Und dann, glaube ich, wird es spannend. Dann ist auch eine interessante Frage, die du dir so als Regierung stellst: Wenn eines deiner großen Machtinstrumente wegfällt, nämlich Währung ... Spannend! Das ändert dein Verhältnis mit deinem Bürger. Das ändert dein Machtverhältnis. Und da glaube ich auch, dass wir auch Spannungen sehen werden von Regierungen, denen das nicht gefällt. Also, ich glaube, einzelne Regierungen werden das vielleicht feiern. Estonien fängt ja damit an zum Beispiel, als kleines Land. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass einige der größeren Länder, die eben etwas mehr totalitär aufgesetzt sind in ihrem Regierungsbild, das nicht so toll finden.