Thomas Druyen: Was Zukunft mit unserer Psyche macht

"Wir haben noch nie so viel Wissen in der Welt gehabt und noch nie so wenig Verständnis. Und das führt zu einem latenten Unwohlsein bei den meisten, irgendwo."

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Zukunft – das ist für viele keine leuchtende Perspektive, sondern ein bedrohliches Donnergrollen. Werden Computer und Roboter das Leben der Menschen dominieren? Aber für die meisten wird das kein Problem sein, meint der Soziologe Thomas Druyen, Direktor des Institus für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Und zwar aus einem einleuchtenden Grund.
 

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Autorin: Corina Niebuhr
Produktion: Webclip Medien Berlin
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Das Interview entstand am Rande des Zukunftskonkgresses 2016 des 2b AHEAD ThinkTanks.

Transkript des Videos

Wenn man dann nach Silicon Valley fährt, ja, ein Ort mit hoher religiöser und spiritueller Qualifikation mittlerweile, ich kenne so viele Manager, die da hinfahren und völlig verändert zurückkommen, als hätten sie das weiße Licht gesehen, und dann wollen sie in ihrem Unternehmen viel ändern. Die Mitarbeiter wissen gar nicht mehr, was die geraucht haben.

Man muss Dinge verstehen und durchdringen, um auch etwas ändern zu können. Und Google hat sicherlich eines verstanden, wie man unabhängig von Regierungen, unabhängig von United Nations und Ethikkommissionen eine Weltplattform hinter dem Rücken oder vor den Augen der Menschheit etabliert, kostenlos anbietet, seine Intimsphäre preiszugeben und daraus wahnsinniges Geld macht.

Entscheidend ist ja, dass Leute aus etwas, was der Mensch an für sich hat, eine Ware gemacht haben. Wo der Mensch sozusagen ohne Geld abzugeben oder zu bekommen, trotzdem etwas von sich preisgibt, was für den anderen einen Wert darstellt. Das ist einfach genial. Das ist Einstein-Niveau. Jetzt müssen wir uns aber fragen: Was macht das mit uns?

Wir wollen nämlich genau das herausfinden: Was macht dieser Hype, was macht die Digitalisierung, was macht der demografische Wandel, was macht Robotik mit unserer Psyche? Und das macht eine Menge.

Fragt man in Deutschland im Moment, wie es den Leuten geht, die "Zeit" und Frau Professor Allmendinger haben eine Studie gemacht: "Das Vermächtnis". Eigentlich eine recht positive Stimmung, vor allen Dingen wenn Leute über ihre eigene Perspektive sprechen. Spricht man aber über die Perspektive der anderen, wie sich die Politik entwickelt, die Welt entwickelt, Brexit, dann wird der Himmel grau. Gleiche 2b-AHEAD-Trendstudie, die meisten Trend-Mitarbeiter, die in den Firmen befragt worden sind bei der Studie, sagen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Aber die Befürchtung, dass die anderen nicht mitziehen, die Digitalisierung noch nicht verstanden haben, die ist flächendeckend. Also, wir haben eine paradoxe Situation: positive Selbstwahrnehmung, erschreckend schlechte Fremdwahrnehmung. Und das bedeutet etwas. Wir haben um uns herum eine völlig neue Technik, die die meisten nicht beherrschen. Also, ich meine jetzt programmieren etc. etc. Wir haben völlig neue politische Verhältnisse. Europa steht in Frage. Amerika, was passiert jetzt, Trump, löst sich das auf? Wir haben seit Jahren Syrien, wir haben Bürgerkriege, endloses Leid, wir haben Terrorismus. Daneben, auf weniger spektakulärer Ebene, haben wir Vertrauensverluste. Vertrauensverluste in Regierungen usw. usf. Auf der anderen Seite, wenn man gesund leben will, haben wir unfassbar viel Material. Der Mensch hat vor lauter Material über seine Gesundheit, weiß er gar nicht mehr, was er auswählen soll. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben noch nie so viel Wissen in der Welt gehabt und noch nie so wenig Verständnis, im Verhältnis. Und das führt zu einem latenten Unwohlsein bei den meisten, irgendwo. Und psychisch und psychologisch führt das zu einer Übererregung. Und die erleben wir im Moment in der Bevölkerung. Die, die schon am Rande der Aggressivität sind, die prügeln plötzlich los oder werden Amokläufer. Und der normale Bürger, der sieht plötzlich alle Dinge eher negativ, also: Glas halbvoll. Halbleer, nicht mehr halbvoll. Und er möchte auch schnelle Entscheidungen. Und wenn eine Partei kommt wie AfD, die ich natürlich völlig ablehne, aber die eine bestimmte Bewusstseinshaltung von Bürgern vertritt. Das ist ja keine Community, die sich selber hochhypet, sondern die haben Wähler. Und so wird es auch andere Wähler von anderen Parteien geben, die ihrer Unzufriedenheit in einer simplen Weise Ausdruck verleihen. Was sollen sie denn sonst machen, im normalen Beruf? Soll ich mich irgendwo hinstellen, eine Homepage machen etc.? Also, man muss die Situation verstehen. Hohe Komplexität und wenig Lösungen in Sicht. Und da tut es natürlich gut, wenn man eine Vision hat. Und alle Leute in der Zukunftsbranche sind irgendwie Visionäre. Don't be evil, Google, Apple, Steve Jobs, alles plötzlich Heroes! Wo sind die Heroes in der Politik?

Wir müssen uns alle wahnsinnig anstrengen. Die Schule fängt an. Und die Schule fängt an für 80-Jährige, für 60-Jährige, vor allen Dingen auch für Chefs und für die großen Protagonisten, weil da sehe ich im Moment eine unglaubliche Staufunktion, gerade bei Menschen, die über Macht verfügen. Wenn sie im technischen Bereich tätig sind, dann haben sie auch eine andere Mentalität. Da spielen auch Hierarchien wieder eine große Rolle. Aber in Hierarchie-Unternehmen, die auch im humanitären Bereich, überall, da merke ich gerade auch bei Leuten, die technisch nicht versiert sind, die wollen sich schützen. Die wollen das Neue ein bisschen außen vorlassen, um die alten Strukturen noch zu erhalten. Weil Digitalisierung heißt, dass diese alte Autoritätsmusterhaftigkeit nicht mehr aufrecht erhalten wird. Wenn wir über Blockchain reden oder über das DAO, die erste Firma sozusagen ohne Mitarbeiter, die innerhalb von vier Wochen 160 Millionen Euro generiert hat, das ist zweifelsohne eine neue Welt. Jetzt kann man ja viel quatschen, kritisieren ist die kostenloseste und die einfachste Form geistiger Betätigung, deshalb will ich auch versuchen, das irgendwie konstruktiv zu machen. Also, ich glaube, wir müssen lernen, und das muss in der Schule anfangen, sozusagen das Selbstbewusstsein, die Selbstermächtigung, die Distanz zu sich selbst lernen lernen. Das haben aber auch Gerald Hüther, tausend Leute, schon gesagt, darüber gibt es Bücher. Jedes Wissen gibt es eigentlich schon. Wir sind nämlich doch eine relativ intelligente Spezies, und viele Wissenschaftler machen auch fantastische Dinge, auch Geisteswissenschaftler, die leider bei uns in der Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielen, da bin ich beim Denken. Denken wird bei uns leider nicht bezahlt, nur wenn man produktorientiert denkt. Aber Denken ist genau das, sozusagen das Äquivalent zu Algorithmen. Während Algorithmen uns eine Arbeit abnehmen, ist Denken eine eigene Autobahn legen, eigene synaptische Verbindungen machen. Und diese Kompetenz, die brauchen wir, damit wir diese vielleicht wunderbare Technologie auch noch steuern können. Sonst kommt das, was da Google, Ray Kurzweil, Singularity, dass die Computer irgendwann klüger werden als wir. Wir haben eine Riesenschwäche. Wir lernen einfach aberwitzig langsam. Es gibt Computerprogramme, die lernen in drei Wochen 60 Sprachen. Das finde ich ein Benchmark. Gefällt mir sehr gut, würde ich auch gerne. Mit fällt es schwer, ein paar überhaupt angemessen zu sprechen inklusive die eigene. Also, da sind wir nicht konkurrenzfähig. Deshalb finde ich Computer, Robotik als Hilfsmittel grandios. Natürlich ist die Angst des Menschen: Wer bestimmt wen? Nur, die meisten Leute sollten doch keine Probleme haben, deren Leben wird sowieso von anderen bestimmt. Machen wir uns doch nichts vor. Also, hier ist etwas am Werke, was ich fundamentale Scheinheiligkeit nenne. Und vielleicht ist es aber so, dass eine Blockchain, wo es keine Verträge mehr gibt, wo es keine Anwälte mehr gibt, wo es keine Werbeagenturen, kein Marketing, wo die Leute untereinander Verträge machen, vielleicht ist das die neue Welt. Und die, by the way, auch eine ganz neue Ethik produziert.

Das heißt, wir Menschen untereinander, haben Macht. Wir müssen uns verbinden. Und jetzt sind die technischen Möglichkeiten da. Und da muss ich wieder sagen: Über Blockchain können wir das. Sollte sich jeder erkundigen. Über Facebook kann man es auch, aber da bestimmt jemand anderes. Ich möchte jetzt nicht geschäftsschädigend für irgendjemanden sein, sondern das ist ein rein wissenschaftliches Modell. Aber in dem Moment, wo man sich von irgendeiner Firma abmeldet, ist die nicht mehr existent. Elektrizität. Also, wir sind keine Gefangenen. Wir haben uns selbst zu Gefangenen gemacht. Und diese Inhaftierung, diese Selbstinhaftierung, die übrigens ein Luxusproblem ist, 50 Prozent der Menschheit hat ganz andere Probleme, die müssen gucken, wie sie den Abend erreichen. Da sollten wir selber uns jetzt mal befreien.