Jutta Allmendinger: Bildung statt Grundeinkommen

"Gerade die Wissensgesellschaft hat's leider in sich, dass sie sehr viele Personen zurücklässt, die überhaupt nicht an dem Wissen partizipieren."

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Krankt unsere Wissensgesellschaft nicht daran, dass jeder am liebsten unter Seinesgleichen bleibt? Für Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), ist die soziale Abschottung die Wurzel für viele Fehlentwicklungen. Und sie erklärt, wieso das Bedingungslose Grundeinkommen zur Lösung dieser Probleme gar nicht tauge.
 

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Autor: Timur Diehn
Produktion: Webclip Medien Berlin
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Jutta Allmendinger war Gast beim Forschungsgipfel am 28. März 2017 in Berlin.

 

Transkript des Videos

Das Allerwichtigste ist, dass wir andere Menschen nicht als dumm wahrnehmen, dass wir Respekt haben und dass wir uns klar machen, dass sie verdammt viel wissen von dem, was im Moment in diesem Land abgeht.

Gerade die Wissensgesellschaft hat's leider in sich, dass sie sehr viele Personen zurücklässt, die überhaupt nicht an dem Wissen partizipieren, die keine Offenheit haben für ein Wissen, weil sie in eine Angststarre, könnte man fast schon sagen, treten. Weil sie auch nur Negativerfahrungen gemacht haben in Schulen, früh auch zuhause mit anderen Kindern. Von daher ist eines der ganz großen Ziele in der Wissensgesellschaft, auch so eine Wissensgemeinschaft wirken zu lassen. Und da tun wir definitiv zu wenig.

Wir haben immer noch eine Arbeitsmarktpolitik, die wartet, bis die Leute arbeitslos werden, und dann greifen wir ein, relativ kurz mit Maßnahmen. Das sind dann kurze Umschulungen meistens, ohne dass wir ein ordentliches Monitoring dahingehend aufsetzen, dass wir relativ gut Vorhersagen machen können, welche Berufe, welche Tätigkeiten, meistens Tätigkeiten, durch die Digitalisierung besonders verschwinden und die Leute, ich sage es jetzt mal grob, jetzt arbeitslos machen, bevor sie arbeitslos werden. Also jetzt in die Qualifikation tun, das würde den Menschen enorm helfen. Und ich nehme hier immer ein Beispiel: Wir haben eine große Studie jetzt gemacht, wo ich mir angeschaut habe: Wieviele Personen sind tatsächlich arm, so wie wir das berechnen? Das ist dann ein relatives Armutskonzept. Das nimmt den Ausgangspunkt an dem Durchschnittseinkommen und dem Median. Da in diesem Datensatz sind sieben Prozent, acht Prozent. Wenn ich mir anschaue, wieviele Leute empfinden so etwas wie eine subjektive Armut, dann habe ich so eine Pyramide: In was für einer Gesellschaft leben wir? Dann malen die meistens eine Pyramide, dann frage ich sie: Wo sind Sie in dieser Pyramide? Dann zeichnen sie einen Punkt ein. Und dann sage ich: Wo ist denn die Armutslinie? Dann machen 22 Prozent diese Linie über sich selbst. Also, sie fühlen sich subjektiv bedroht. Das ist keine Armut, über die wir sprechen, aber das ist die Angst, über die viel gesprochen wurde und über die man sprechen muss. Das Gleiche könnte ich Ihnen sagen, wenn ich die Frage habe: Haben Sie Angst vor Einsamkeit, Angst vor Armut, Angst vor Arbeitslosigkeit? Ich denke, dass man zunehmend das als so ein Gefühl der Angst darstellt: Was wollt ihr eigentlich? Wir leben in einem reichen Land. Die Deutschen jammern, das hört man, in jedem zweiten Wochenblatt liest man das, wie empfindlich usw. Aber das ist doch ein ganz real zu nehmendes Gefühl der Angst, die ihre Grundlage darin hat, dass die Leute sich nicht mitgenommen fühlen, aber, würde ich hinzusetzen, auch nicht mitgenommen werden. Wenn wir heute über Hinz und Kunz und wie wollen Sie denen das klar machen reden, dann heißt das, dass wir davon ausgehen, dass die das nicht verstehen. Die brauchen das auch nicht zu verstehen in allen technischen Details. Aber sie verstehen, wohin die Reise geht. Und auf diese Reise müssen wir sie mitnehmen. Und das tun wir, indem wir ernst nehmen, eine Grundbildung natürlich, aber insbesondere auch eine zweite Qualifikation, eine dritte Qualifikation. Wir haben die Zeit, wir haben das Geld, daraus einen zweiten Beruf und einen dritten Beruf zu machen. Und nicht zu denken, also, wir müssen dann, die Leute sollen dann mit 60, mit 67 raus. Warum sollen sie da nicht zwei Jahre in der Mitte des Lebens oder drei nochmal eine Lehre machen und dann ein bisschen länger arbeiten? Das erhöht nicht die Lebensarbeitsdauer insgesamt. Aber es erhöht die Gesundheit. Es erhöht die Zufriedenheit. Es erhöht die Motivation. Und es wird meines Erachtens bei Rankings, die das Glück ins Auge nehmen und nicht das Einkommen, dazu führen, dass Deutschland da nicht mehr irgendwie auf Platz 17 oder 18 landet, sondern eben höher, weil es eben nicht nur um Einkommen in Deutschland geht, sondern es geht um Respekt und um wahrgenommen werden, um den Eindruck zu haben: Ich kann auch etwas mitgestalten. Zugehörigkeit, Wir-Gefühl sind die Stichworte. 

Wann war für mich das erste Mal, dass ich wirklich andere soziale Kreise haben kennen lernen dürfen? Das war beim Einkaufen. Es war ganz, ganz intensiv beim Konfirmationsunterricht. Das war bei meinem Bruder ganz intensiv beim Zivildienst. Es war dann, indem ich in Stadtteilen wohnte, wo auch andere Menschen mit anderem ethnischen Hintergrund gelebt haben. Schauen wir uns die Situation jetzt an, nach 50, 55 Jahren. Wir sehen, dass die Schulen wesentlich stärker segregiert sind, in Schulen für die Bessersituierten und Schulen, wo der Ausländeranteil enorm hoch ist. Wenn ich einen Radius um die Komische Oper ziehe, dann habe ich Schulen mit 90 Prozent Ausländern und Schulen mit null Prozent Ausländern. Das ist das, was ich damit meinte. Wir haben Städte, die wesentlich stärker segregiert sind in gute und in schlechte Stadtviertel, wie wir es früher hatten, aber das hat sich weiter sozusagen auseinander entwickelt. Wir haben einen geringeren Stellenwert der Religion. Wir haben die soziale Durchmischung durch Kommunion, durch Konfirmation bei weitem weniger. Wir haben keinen Militärdienst mehr. Und was wichtiger ist: Wir haben keinen Zivildienst mehr. Wir bestellen die Waren, die kommen zu uns, wir gehen weniger einkaufen. Das sind alles Prozesse, die dazu führen, dass Gleich und Gleich beisammen bleiben und andere Personen, die ihnen fremd sind, nicht mehr kennen lernen. Und das ist eines der zentralen Probleme, die wir heute haben. Das ist ein zentrales Problem: Wie soll ich denn eine Akzeptanz von Andersartigkeit, ob das alt/jung ist, ob das mit eigener Migrationserfahrung oder ohne ist, ob das gut/schlecht gebildet ist, erreichen und damit eine Gemeinschaft entwickeln und damit auch eine Partizipation an gemeinsamen Wissensgütern entwickeln, wenn ich diese Schnittflächen nicht mehr habe. Und von daher ist eine der Forderungen, die ich aufstelle, jene: Wir brauchen systematische soziale Marktplätze. Und da würde ich so rigide sein, dass ich sage: Wir brauchen einen verpflichtenden Zivildienst.

Zivilgesellschaft hat heute wesentlich bessere Voraussetzungen denn je. Warum? Weil wir älter werden. Weil wir älter werden in guter Gesundheit. Und dass wir einfach mehr Zeit haben. Was wir stattdessen tun, ist, dass wir unsere Zeit immer mehr sozusagen zusammenschnurren wie so ein Akkordeon, was man dann zusammenzieht. Das heißt, wie verkürzen faktisch die Schulzeit. Wir verkürzen die Zeit an Universitäten, an Hochschulen. Wir haben es immer noch nicht geschafft, zwischen dem Ende einer Ausbildung und dem ersten Erwerbsarbeitstag oder nach zehn Jahren Erwerbsarbeit mal was anderes zu machen. Das heißt, wir laufen immer noch einem vollständig unnötigen Lebensverlaufsmodell hinterher, wo wir Bildung haben, Ausbildung haben, Erwerbstätigkeit haben und dann in Rente gehen. Mit einer Ausnahme: Wenn man für Kinder sorgt, wenn man für Ältere sorgt, haben wir diese Auszeiten, das sind dann bedingte Auszeiten. Für Bildung haben wir die im übrigen wesentlich weniger. Also, wir glauben auch noch, dass eine Bildung am Anfang des Lebens für den ganzen Lebensverlauf reicht. Insofern, warum haben wir nicht die Möglichkeit zu sagen, wir nehmen hier ein Jahr raus? Es muss gar nicht ein Jahr sein, so wie der ehemalige Zivildienst verpflichtend war nach der Schule. Das kann durchaus auch sein ein Jahr zwischen 30 und 31. Also, wir müssen neu denken, neue Lebensverläufe denken, neue Lebensverläufe, wo wir unterbrechen nicht nur für Kinder, nicht nur für die Älteren, sondern auch für uns selbst. Und da können wir Organisationen reinlegen, dass sich systematisch ... ein Zivildienst ist eigentlich nur ein Platz, welcher auch heißen könnte: ehrenamtliche Tätigkeiten. Weil viele ehrenamtliche Tätigkeiten auch Tätigkeiten sind, die man über soziale Grenzen hinweg erbringt. Was ich ganz falsch finde, ist in diesem Zusammenhang ein Diskurs über ein unbedingtes Grundeinkommen, also ein bedingungsloses Grundeinkommen, wo man sozusagen diese Marktplätze noch weiter abschafft, indem man Leute alimentiert. Dann werden sie auch noch Zeit mit anderen verbringen, aber wieder mit Ihresgleichen. Also, das ist meines Erachtens genau die falsche Richtung. Man sollte vielleicht viel stärker in eine Richtung gehen, wo man sagt: Sorgearbeit, Pflegearbeit, was wir so als typische weibliche Tätigkeiten betrachten, bezahlen wir, bezahlen wir auch angemessen. Und über die Erwerbsarbeit zumindest noch diese Orte der Begegnungen erhalten. 

Ich würde nie sagen, dass Sorgearbeit ein weicher Faktor ist. Es ist ein knallharter und wird auch immer wichtiger, gerade aufgrund von Digitalisierung, die natürlich uns auch vereinsamt. Und wir müssen das viel, viel ernster nehmen und von daher prospektiv auch viel stärker genau in diese Ausbildungsberufe investieren und sie auch männlicher machen.

Ich erwarte das in der Tat vom Staat, dass er eine Infrastruktur reinlegt und eine frühkindliche Bildung, und ich benutze dezidiert das Wort Bildung. Ganztagsschulen, die gut sind, die auch einen kleineren Schlüssel haben von Lehrenden und Kindern. Die andere Materialien benutzen, andere Konzepte benutzen. Die soziale Verantwortung in die Schule reinbringen. Die Demokratie lernen beschulen. Das muss man frühzeitig machen, und man muss natürlich solche Unterstützungssysteme für alle bereitstellen und nicht darauf warten, dass einige international, global tätige Unternehmen das tun, weil das führt zu einer weiteren Zerfurchung der Gesellschaft, zu einer weiteren Zersplitterung und damit zum Gegenteil dessen, was wir heute haben. Das führt dazu, und wir sehen das ja, und ich sehe das mit großer Sorge, dass mittlerweile Krankenschwestern für Ärzte uninteressant geworden sind. Ärzte heiraten jetzt Ärzte, und Ärztinnen haben schon immer Ärzte geheiratet. Aber diese Schließung, die sieht man alleine schon auf dem Partnerschaftsmarkt. Das heißt, Sie haben Haushalte, die sehr, sehr reich sind, weil sie das doppelte Einkommen haben, sich alles mögliche privat leisten können, und Sie haben Haushalte, wo sich - in Anführungszeichen - schlechte Risiken, nicht weil sie dumm sind, sondern weil wir sie haben liegen lassen, zusammentun, die dann sozusagen doppelte Nöte kumulieren. Und diese Form sozialer Ungleichheit, die nicht individuell ist, sondern tatsächlich familiär, die nimmt zu in Deutschland.

Wir haben sehr viele Schulmodelle, ich möchte da jetzt gar nicht auf Finnland rekurrieren, wir haben diese Schulen auch in Deutschland selbst, die das anders machen, die in diesen Unterricht systematisch integrieren, dass man sich während der Schule schon in dem Krankenhaus sozial engagiert, dass man, während in der Schule ist, schon in Firmen mittätig ist, das sind für mich alles Formen der Durchschneidung sozialer Kreise. Wir haben Universitäten zunehmend, die auch sagen: Wir wollen mal, dass jemand aus der Wirtschaft für ein Semester bei uns unterrichtet. Auch das finde ich ganz wichtig, so dass wir auch hier etwas haben, was beispielsweise in den USA, wo ich studieren durfte, vollständig normal war. Bei mir war das der Horror, als ich mal drei und auch nur drei Jahre bei der Bundesagentur für Arbeit eine Freistellung haben wollte von der Universität München. Also, es sind sozusagen solche Kanäle oder solche Röhrenkarrieren, die wir immer noch forcieren, die wir sehr stark belohnen und wo wir umgekehrt bestrafen, wenn man mal ein Jahr rausgeht, obgleich genau dieses vorteilhaft wäre, um solche sozialen Innovationen anzugehen.

Das Problem ist, dass viele dieser Projekte Modellprojekte bleiben und dass wir es da nicht schaffen, den nächsten Schritt anzugehen, nämlich die Übersetzung von Modellen in die Fläche. Das heißt, hier klappt immer noch nicht so richtig der Schnitt zwischen Stiftungen und Politik, Stiftungen und Wirtschaft. Das muss sich verbessern. Wir hatten vor fünf Jahren, wenn Sie mich gefragt hätten, hätte ich noch gesagt: Die Stiftungen tun sich zuwenig zusammen, jede Stiftung arbeitet an dem eigenen Modellprojekt. Da sehe ich enorme Fortschritte, dass es richtig Verbünde gibt. Aber wir machen zuwenig aus unserem Wissen in Deutschland, mit katastrophalen Folgen, weil manche Schulen, wie Sie das gesagt haben, und manche Eltern dieses Wissen absolut kapitalisieren dahingehend, dass sie internationale Kompetenzen von ihren Kindern schulen, dass sie sie ins Ausland gehen lassen, im Ausland studieren lassen oder in Deutschland an französische, an englische Schulen gehen lassen, so dass wir jetzt neben dieser großen Unterschiedenheit zwischen sozusagen Zertifikaten natürlich nochmal eine Unterschiedlichkeit reinbekommen, was die Kompetenzen betrifft, die hinter diesen Zertifikaten stehen und dass sie aus den einen sozusagen Weltbürger machen, wenn ich jetzt ein Wortspiel aufgreife, was jetzt nicht besonders neu ist, die anderen zumindest im Risiko stehen, Wutbürger zu werden. Und das sorgt mich, also wie bekommen wir das in der Breite hin? Und da haben wir die Mittel. Da müssen wir mehr Geld in die Hand nehmen. Wir müssen durchaus auch digitale Techniken, das ist, was Frau Breidenbach immer wieder betont, einsetzen. Da hilft uns das natürlich relativ wenig, wenn man sagt: Naja, die haben auch Gefahren. So etwas stimmt alles. Aber es ist ja nicht entweder Person oder Maschine, sondern wir haben Konzepte, wo beide zusammenarbeiten zu dem Wohl von Kindern, dafür, dass sie tatsächlich bewusste Menschen werden, und sie sollen ja um Himmels willen nicht alle Gründer werden. Das kann ja überhaupt nicht das Ziel sein.