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Gleiche Bildungschancen in der Corona-Krise sichern, Familien in schwierigen Lagen nicht allein lassen

08.04.2020

Kinder von Flüchtlingen und von Neuzuwanderern sind in der aktuellen Corona-Krise gleich mehrfach benachteiligt. Sie brauchen jetzt besondere Unterstützung, sagt Birgit Leyendecker, Entwicklungspsychologin und Mitglied des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Als Reaktion auf die bundesweiten Schulschließungen sind viele innovative digitale Angebote entstanden oder wurden weiterentwickelt, die die Beschulung zuhause (das sogenannte Homeschooling) unterstützen. Diese Angebote setzen aber voraus, dass Familien über die entsprechende technische Ausstattung verfügen, um sie zu nutzen. Bei vielen sozial benachteiligten Familien teilen sich aber mehrere Familienmitglieder einen Rechner, oder sie besitzen nur ein einziges Smartphone. Oft leben diese Familien in benachteiligten Stadtteilen und auf besonders engem Raum, und die Kinder haben keinen Platz, um in Ruhe zu lernen. "Die Schulschließungen verschärfen die ohnehin bestehende Ungleichheit von Bildungschancen, und zwar bei einheimischen wie zugewanderten Kindern und Jugendlichen. Dagegen gilt es anzugehen", sagt SVR-Mitglied Birgit Leyendecker.

Kinder aus Zuwandererfamilien stehen vor besonderen Herausforderungen, wenn beispielsweise ihre Eltern ihnen aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht beim Lernen helfen können. Verschärft ist die Lage bei Kindern von Flüchtlingen und solchen aus sozial benachteiligten Neuzuwandererfamilien: "Diese Kinder brauchen jetzt besondere Unterstützung", so Birgit Leyendecker, "sie erhalten in der Schule nicht nur formale Bildung, sondern auch Struktur und emotionale Unterstützung. Pädagoginnen und Pädagogen müssen gerade in dieser Zeit weiterhin engen Kontakt zu diesen Kindern und ihren Familien halten, damit diese die nächsten Wochen und Monate gut überstehen. Wir dürfen sie nicht alleine lassen." Folgende Handlungsansätze können helfen:

  • Grundsätzlich sollte bei der Entwicklung digitaler Lernangebote darauf geachtet werden, dass sie möglichst niedrigschwellig nutzbar sind, um soziale Benachteiligung zu vermeiden, und dass möglichst auch mehrsprachige Erläuterungen für Eltern beigefügt werden.
  • Schulen in sozial herausgeforderten Lagen benötigen hinreichende Ressourcen, um den verschärften Herausforderungen gerecht zu werden und die Familien ihren Bedarfen entsprechend unterstützen zu können. So zeigt die aktuelle Situation erneut, wie wichtig auch Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter sind. Sie sollten an allen Schulen in ausreichendem Umfang und entsprechend dem örtlichen Bedarf vorhanden und auf Dauer finanziert sein.
  • Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter sollten regelmäßig zumindest telefonisch Kontakt mit den entsprechenden Familien halten und Hilfe anbieten. Sie können sich auch – natürlich in gebührlichem Abstand – mit diesen Kindern auf dem Schulhof treffen, um mit ihnen zu reden, ihnen Arbeitsmaterialien oder, falls vorhanden, ein einfaches Tablet mitzugeben.
  • Jugendämter sollten grundsätzlich – unabhängig von Corona – personell ausreichend ausgestattet sein, um gerade in Krisenzeiten Familien in schwierigen Lagen zu erreichen.
  • Wenn die Schule wieder öffnet und der Unterricht neu beginnt, brauchen sozial benachteiligte Kinder besondere Förderung, um Versäumtes aufzuholen.
  • Lehrkräfte sollten das Potenzial ausgebildeter Elternbegleiter nutzen, die unterschiedliche Herkunftssprachen sprechen (zum Beispiel Stadtteilmütter, Sprach- und Kulturlotsen), und Migrantenselbstorganisationen einbeziehen, um benachteiligte Familien zu erreichen.

In beengten Wohnverhältnissen haben einzelne Familienmitglieder kaum Rückzugsmöglichkeiten, was die Gefahr von (auch gewalttätigen) Auseinandersetzungen erhöht. Flüchtlinge sind zudem nicht selten traumatisiert. Die Entwicklungspsychologin Birgit Leyendecker ist durch ihre Forschungsarbeit in engem Kontakt mit Schulen im Ruhrgebiet, die fast ausschließlich von Kindern von Flüchtlingen und Neuzuwanderern aus Osteuropa besucht werden. "Viele dieser Kinder litten schon vor der Corona-Krise unter psychischen Problemen", sagt sie. "Dadurch, dass sie jetzt nicht mehr zur Schule gehen können, steigt das Risiko, dass sie nicht mehr hinreichend gefördert oder vernachlässigt werden oder sogar Gewalt erfahren", warnt sie.

 

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration geht auf eine Initiative der Stiftung Mercator und der VolkswagenStiftung zurück. Ihr gehören sieben Stiftungen an. Neben der Stiftung Mercator und der VolkswagenStiftung sind dies: Bertelsmann Stiftung, Freudenberg Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stifterverband und Vodafone Stiftung Deutschland. Der Sachverständigenrat ist ein unabhängiges und interdisziplinär besetztes Expertengremium, das zu integrations- und migrationspolitischen Themen Stellung bezieht und handlungsorientierte Politikberatung anbietet. Die Ergebnisse seiner Arbeit werden in einem Jahresgutachten veröffentlicht. Das SVR-Jahresgutachten 2020 wird gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat.

Dem SVR gehören neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und Forschungsrichtungen an: Prof. Dr. Petra Bendel (Vorsitzende), Prof. Dr. Daniel Thym (Stellvertretender Vorsitzender), Prof. Dr. Claudia Diehl, Prof. Dr. Viola B. Georgi, Prof. Dr. Christian Joppke, Prof. Dr. Birgit Leyendecker, Prof. Panu Poutvaara, Ph.D., Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger und Prof. Dr. Hans Vorländer.

Pressekontakt

Daniel Bax
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